Vorurteile abgebaut

"Baukultur ist ein sprödes Thema"

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Biberachs Baubürgermeister Christian Kuhlmann bei seinem Vortrag über Baukultur.

Zwar warnte Biberachs Baubürgermeister Christian Kuhlmann die stattliche Zahl Interessierter im Staatlichen Bauamt zu Beginn seines Vortrags mit den Worten: „Baukultur ist ein sprödes Thema.“

Dennoch folgten die Zuhörer, darunter zahlreiche Stadträte sowie Kemptens neuer Baureferent Tim Oliver Koemstedt, aufmerksam seinen dann doch nicht so spröden Ausführungen. Schließlich wird das Thema „Gestaltungsbeirat“ in Kempten derzeit heiß diskutiert. 

Kuhlmann betonte „keine Rezepte“ geben zu wollen, sondern nur zu berichten „wie wir es in Biberach gemacht haben“, wo es – die ersten beiden Probejahre eingerechnet - seit vier Jahren einen Gestaltungsbeirat gibt. Nachdenklich sei er schon geworden, als er einen „Abrisskalender“ geschenkt bekommen habe, mit Bildern von ausgewählten Biberacher Gebäuden für jeden einzelnen Tag des Jahres gestempelt mit „Abriss“ als Wunsch. „Unsere Realität ist geprägt von einem großen Verlust an Baukultur“, konstatierte er. Bei Baukultur gehe es „um unsere Haltung, wie wir unser Umfeld wahr nehmen und gestalten“. Was er damit meinte zeigte Kuhlmann am Beispiel der Residenz in Würzburg, die „was mit den Menschen macht“. Erreicht werde das nicht mit Gleichgültigkeit, Ideenlosigkeit oder Maßstabslosigkeit, sondern durch „Einmaligkeit, Sorgfalt, Kreativität, Wertigkeit und Sensibilität“. Dennoch, die „Angst vor Veränderung“ sei natürlich bei vielen Menschen groß und müsse durch Mut zu Neuem ersetzt werden. 

Erkennen, was das Besondere der Stadt ist 

Um die Bürger wahrnehmen und erkennen lassen zu können, „was das Besondere der Stadt ist“, habe man in Biberach eine Stadtbildanalyse erarbeiten lassen. Das daraus ab- geleitet Zielkonzept mit Aussagen zur räumlich-funktionalen Entwicklung der Stadt sei vom Gemeinderat beschlossen worden. Zum Beispiel soll in der Innenstadt der „Stadtgrundriss in seiner Kleinteiligkeit so weiterentwickelt und gestaltet werden“, wobei unter anderem auch klar gestellt wurde, dass „Neubauten ihre Entstehungszeit spiegeln und auf historisierende Lösungen verzichtet wird“. Projektbezogene Strategien stellte Kuhlmann am Beispiel „Neubaugebiet Talfeld“ vor, für das 20 Architekturbüros aus der Region ihre Entwürfe im Rahmen einer Architekturmesse vorgestellt hätten. Für das 35 Hektar große Gebiet sei ein städtebaulicher und planungsrechtlicher Rahmen vorgegeben worden, mit Spielraum für „flexible Module“, die sich in überraschender Vielfalt ausdrücken, wie die Bilder zeigten. Auch werden in Biberach vielfältige Aktivitäten durchgeführt, um die Bürger für ihre Stadt zu sensibilisieren, unter anderem durch Baustellenführungen, Stadtspaziergänge mit dem Baubürger- meister, Baufibeln oder temporäre Installationen beispielsweise zum Thema „Stadt im Wandel“. „Wenn ich Veränderungen in einer Stadt nicht zulasse, ist sie tot“, so Kuhlmanns Überzeugung. 

Baukultur koste „wenig Geld“, dafür „viel Zeit, Engagement und Kreativität“, entkräftete er Bedenken zur Finan- zierung. Verzögerungen vermeidet Kuhlmann durch Beteiligung des Gestaltungsbeirats ab der „ersten Skizze“, so dass die Planung zielgerichtet erfolgen kann. Dabei stellte er klar, dass der Gestaltungsbeirat „keine Entscheidungsbefugnis hat“ – „der Gemeinderat ist der Souverän“. Einen großen Gewinn sieht Kuhlmann darin, dass die Verhandlungen heute nicht mehr in der „Black Box“ zwischen Verwaltung und Investor geführt werden, sondern öffentlich und transparent. Als „ganz wichtig“ erachtete er allerdings, dass das Gremium mit „externen Architekten“ besetzt wird, die „keine wirtschaftlichen Interessen“ in der Stadt haben, dass sie dem Gremium nur zeitlich befristet angehören können und gute Kommunikatoren sind. 

Organisiert wurde der Vortrag für den Bund Deutscher Architekten vom Betzigauer Architekt Willi Huber, der selbst bis vor Kurzem Mitglied des Biberacher Gestaltungsbeirat war. Anfang des Jahres soll, so Franz Schröck vom Architekturforum Allgäu auf Anfrage des Kreisboten, in Kempten eine Entscheidung zum Gestaltungsbeirat fallen. „Dass der Vortrag gerade jetzt gehalten wurde, war totaler Zufall“, aber aus seiner Sicht auch „sehr positiv, weil so viele Stadträte da waren“ und auch „einige Vorurteile ausgeräumt werden konnten“. Im Übrigen würden nicht nur die Architekten solch ein Gremium begrüßen, sondern ebenso der Heimatverein, Altstadt- und Stiftsstadtfreunde, der Kleinkunstverein Klecks. Und auch der neue Baureferent „möchte unbedingt einen Gestaltungsbeirat“, meinte der Geschäftsstellenleiter des architek- turforums. 

Gefreut hat ihn, dass außerdem viele Verwaltungsleute aus dem Umland zum Vortrag gekommen seien, für die eventuell der von der Architektenkam- mer angebotene „mobile Gestaltungsbeirat“ interessant sein könne.  Christine Tröger

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