Der Kunstmarkt ist ein schwieriges Geschäft

Standortanalyse regionale Kunst

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Wie es um die Kunstszene (nicht nur) in Kempten bestellt ist, hat Christian Hof gründlich recherchiert.

Kempten – „Kunst kommt von Kempten? Eine Standortanalyse“ – mit dem Titel seines Vortrags bei den Lions Kempten-Cambodunum bezog sich Christian Hof auf den etwa 15 Jahre alten Sticker: „Kunst kommt von Kempten“. Ein gewagter wie berechtigter Spruch, wie sich im Verlauf des Abends zeigte.

Ziemlich ernüchternd stellte Hof eingangs erst einmal fest: „Bildende Kunst in der Provinz findet in der Fachliteratur nicht statt“, nicht einmal mit einer Abwertung, sondern „einfach gar nicht“. Bedauerlich findet er das nicht nur deshalb, weil die Qualität in der Provinz nicht schlechter sei als die in den großen Städten. Trotzdem sei für Künstler aus der Provinz auch der Zugang zur Teilnahme an Ausstellungen oder in Galerien in den Kunstmetropolen schwieriger als für dort ansässige. Dennoch, auch in der Provinz hat Hof viele „Locations“ für Kunst, unter anderem das Künstlerhaus in Marktoberdorf oder die MEWO-Kunsthalle in Memmingen, Villa Jaus in Oberstdorf u.v.m. ausfindig machen können. Bei manchen ermögliche allerdings auch erst Vitamin B den Zugang. In einem „hart umkämpften Markt“, wie spätestens nach den eineinhalb Stunden und 35 unterstützenden Power-Point-Folien klar war, haben sich strenge Hierarchien und Gepflogenheiten manifestiert.

Prinzipiell könne ja jeder Kunst, wie Hof darlegte. Der entscheidende Punkt dabei: „Man muss nur erreichen, dass es auch als Kunst erkannt wird.“ Der Einteilung von Hubert Thurmhofer in seinem Buch „Die Kunstmarktformel“ folgend, unterschied Hof fünf Kategorien von Künstlern. „Allzeitstars“ wie Warhol oder Klimt, auf dem weltweit anerkannten „Olymp“; die „Top 100“ eines Landes, denen erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt wird; die „Arrivierten“, respektive vor allem national etablierte Künstler; „Emerging Artists/Hidden Champions“, die sich aus Akademieabgängern und älteren Quereinsteigern mit regionaler wie überregionaler Präsenz zusammensetzen und schließlich lokale Künstler aller Art vom Straßenkünstler bis Freizeitmaler.

Dass der Markt hart umkämpft ist, war unschwer an Zahlen zu erkennen, die Hof für die Situation in Deutschland vorlegte: An den 23 Kunsthochschulen gibt es ca. 4750 Studienanfänger pro Jahr, insgesamt rund 10.000 eingeschriebene Studenten – nur etwa zwei bis fünf Prozent von ihnen können später davon leben. Das Problem sei, dass das Akademiewesen ständig neue Künstler ausspucke, sodass am Ende keiner – dauerhaft – davon leben könne. Einfacher hätten es da die vielen Autodidakten, die „meist zielstrebiger“ arbeiteten, da sie „kaum wirtschaftlichen Druck haben“. Diese „Hidden Champions“ wiederum würden den Studierten ebenfalls Marktanteile streitig machen, sodass diese in Lehrtätigkeiten ausweichen müssten – ein Grund für die „enorm vielen“ Kursangebote, die wieder neue „Konkurrenz“ in Form von Quereinsteigern hervorbringen.

Der Kunstmarkt in der obersten Etage wird laut Hof von „offenen Geheimnissen“ bestimmt. Eines davon: Wer dort oben angekommen sei, werde nicht mehr hinterfragt, auch wenn die Werke nur mit „Kopfschütteln“ quittiert würden.

Lediglich 2,35 Millionen Menschen sind laut einer Erhebung in Deutschland Ausstellungsbesucher. Heruntergebrochen auf Kempten ergeben sich daraus nach Hofs Berechnung „324 ernsthaft kunstinteressierte Menschen“ den Altlandkreis dazugenommen weitere 435, für das gesamte Allgäu 3230 und davon wiederum seien viele beruflich selbst mit Kunst befasst. Wie Hof detailliert aufzeigte, bietet auch die Region zahlreiche, darunter durchaus attraktive Ausstellungsmöglichkeiten. Einmal die meist mit einem Preis verbundenen Gruppenausstellungen, die sich wiederum unterteilen: „Platzhirsch“ unter den Einstufigen, die durch Werkeinlieferung zur Auswahl mit relativ viel Aufwand verbunden sind, ist die Festwochen-Kunstausstellung mit verhältnismäßig hohen Preisgeldern; ebenfalls begehrt u.a. die Ostallgäuer Kunstausstellung in Marktoberdorf, die Grafikausstellung in Senden oder die – in der Anmeldung teurem – „Große Schwäbische“ in Augsburg. Verhaltene Kritik übte Hof daran, dass bei der Festwochen-Kunst immer drei Jurymitglieder aus dem Berufsverband Bildender Künstler (BBK) gestellt würden, was die Vermutung befeuern könnte, „dass sie auch ihre Mitglieder favorisieren“. Über eine zweistufigen Einreichung (erst per Foto) verfahre der Verein „artig“, der sich als „Kunstanwalt der kleinen Leute versteht“ und eine „Besonderheit in Kempten“ sei; schon allein wegen seines hervorragend funktionierenden Geschäftsmodells, bei dem der Preis sowohl von Künstlern an Künstler vergeben, als auch finanziert werde. 30 Euro kostet die Einreichung und dabei käme schnell mal ein Betrag in fünfstelliger Höhe zusammen.

Weitere Gelegenheiten zur Teilnahme an Gruppenausstellungen in der Region sind unter anderem die „Schwäbische“ in Irsee oder auch die „(große) Südliche“, die Hof als das „System Le-Maire“ und ein „ganz schwieriges Thema“ bezeichnete. Das Konzept dahinter: Künstler aus dem Landkreis Oberallgäu – exklusive der Stadt Kempten – werden zur Einreichung von maximal vier Werken eingeladen, Künstler aus dem Altlandkreis werden nur bedingt berücksichtigt. Vor allem aber die „völlig intransparenten Juryentscheidungen“, sind es, die Hof aufstoßen sowie die Vergabe von Kunstpreisen aus öffentlichen Mitteln (Landkreis: 3000 Euro, AÜW 1500 Euro, Stadt Sonthofen 1500 Euro). Dazu würden Ankäufe von Institutionen nach dem persönlichen Geschmack der Geschäftsleitung erfolgen. „Das finde ich nicht gut“, da es sich dabei auch um öffentliche Gelder handle, machte Hof seinem Unmut Luft, auch, weil es seines Erachtens „bedenklich werbend“ sei: „Für 1000 Euro bekommt so jeder seine Werbung“ und der Künstler führt den Namen zudem in seiner Vita mit. Auch dass Preise an die „eigenen Leute“ vergeben würden, wie zum Beispiel im vergangenen Jahr an die Künstlerin, die die Ausstellung organisiert habe, kritisierte er scharf.

Das Angebot für Künstler in Kempten bewertete Hof äußerst positiv. Es gebe beispielsweise Stipendien, die Kunsthalle, Debutanten-Ausstellungen, den BBK-Werkblock, die Festwochen-Kunstausstellung, diverse Sonderausstellungen, Kunstvereine wie artig oder k-art-on, die Freunde Kemptener Museen (fkm), ... „Das ist im Verhältnis zu einer Stadtgröße wie hier super.“

Einen kritischen Blick warf Hof darauf, dass Ausstellungen für die Künstler überhaupt Geld kosten. „Im Theater spielt auch keiner umsonst“, nur in der Kunst habe man sich in diese Rolle drängen lassen. Und zu guter Letzt zitierte er den Allgäuer Künstler Stephan Rustige, der das Grundproblem einmal mit den Worten auf den Punkt gebracht habe: „Es gibt im Allgäu bestimmt 250 ernst zu nehmende Künstler, aber nur 150 Sammler.“

Christine Tröger

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