Eine Welt-Erzählerin zu Gast

Allgäuerin macht sich stark für die Benachteiligten von Nicaragua bis Sri Lanka

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Ortrud Fischer im Minibus unterwegs in Laos.

Kempten – In den letzten Jahren hat sich im Allgäu eine Gruppe von Experten gefunden, die ehrenamtlich in vielen Ländern für die Gestaltung einer besseren Welt unterwegs sind.

Organisiert von Fachleuten, die vom Senior Expert Service SES nach Asien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa entsandt werden, berichten mehrmals jährlich Rückkehrer über ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Im Rahmen des Herbstprogramms des Haus International gab die Ostallgäuer Weltreisende ­Ortrud Wirth einen Einblick in ihr 40-jähriges Engagement für Arme und Benachteiligte in Amerika und Asien.

Gewandet in der Vielfalt lokaler Kleidung aus Bali, Laos und Nepal tritt Wirth vor das gespannte Publikum im voll besetzten Saal des Haus International. Vor einer Weltkarte begründet sie ihre Neugierde und Reiselust. Anhand eigener Fotos aus vier Jahrzehnten führt sie in eine historische Zeitreise zum Wandel in der Welt.

Mit packenden Worten und eindringlichen Bilddokumenten schildert die Lehrerin a.D. ihre Erlebnisse beim Aufbau Nicaraguas nach dem Sturz der Diktatur des Somoza-Clans unter den siegreichen Sandinisten. Als Mitglied einer 20-köpfigen „Brigade“ von Idealisten aus Süddeutschland kommt sie in den 1980er Jahren in ein Dorf nahe des Nicaragua Sees an der Grenze zu Costa Rica. Die Gruppe unterstützt handfest die Alphabetisierungskampagne und Bildungspolitik zu der Zeit des Priesters und Schriftstellers Ernesto Cardenal als neu ernanntem Kulturminister. Die Truppe junger Idealisten muss ihren Eifer dämpfen: Die „Deutschen Quadratschädel“ können nicht mit dem Kopf durch die Wand vorgehen. Sie müssen sich in lateinamerikanischer Geduld üben. An dem öden Baugrund müssen sie Tage auf die Lieferung des Baumaterials warten. Schließlich versinken sie in der einsetzenden Regenzeit knöcheltief im Morast. 

17 Berufstätige und Abiturienten mit „zwei linken Händen“ werden von einem einzigen qualifizierten Handwerker angeleitet. Beton muss in Handarbeit gerührt werden, weil wegen des US-amerikanischen Boykotts Treibstoff für die Maschinen knapp ist. Diese Erfahrung schärft ihr Bewusstsein für die US-Politik, die für Ruhe in ihrem „Hinterhof“ sorgen will. Der Vorbehalt gegen die „Yankees“ setzt sich tief fest. Nach Fertigstellung des Schulgebäudes beginnen sie mit der Umsetzung der Bildungsoffensive. Die „Revolution“ hat zur Einführung der Schulpflicht geführt für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren bei gebührenfreier Schule. Für den Unterricht an Sekundarschulen ist für Lehrer ein abgeschlossenes Examen Voraussetzung. Neben einheimischen Kollegen für Spanisch, Englisch, Sozialkunde, Naturwissenschaften fällt Ortrud Wirth der Mathematikunterricht zu.

Den „Großen Tag“ erlebt sie im Oktober 1986 mit Hunderten von Menschen auf dem Dorfplatz: Der Bildungsminister der Region verkündet die Erreichung des Ziels: Jeder Dörfler kann Lesen und Schreiben. Zweiter „Großer Tag“: Die örtlichen Bauern erhalten die Grundtitel für die ihnen nach der Revolution zugesprochenen Ländereien. Für die deutschen freiwilligen Aufbauhelfer ein nachhaltiges Erlebnis.

30 Jahre später besucht Wirth die Orte ihrer Aktivitäten als junge „Brigadistin“. Zufrieden verweist sie auf gepflegte Straßen, Plätze und Gebäude. Die Aufbauarbeit hat sich fortgesetzt.

Sie beteiligt sich auf Kaffeeplantagen am Pflücken der Beeren, dem Aufbereiten der Bohnen und stellt die Bedingungen heraus, die der Plantage das erste Label „Fair Trade“ eingebracht haben. Ebenso mit Kakao. Aufgrund der hohen Weltmarktpreise für guten Kakao ist in der Anbauregion ein gewisser bescheidener Wohlstand bei den Kleinbauern eingekehrt. Heute kauft dort Ritter Sport zertifizierten Edelkakao ein. Sie wohnt bei einheimischen Familien und verweist auf den Erfolg dieser Art nachhaltigen Tourismus.

Ihrem Engagement für Benachteiligte ist die Pensionärin treu geblieben. In Indien hat sie im Waisenhaus erlebt, wie Babys vor die Tür gelegt werden, um die man sich liebevoll kümmert: Fast alles Mädchen. Weil diese zu verheiraten eine große Mitgift erfordert, die die Eltern in den Ruin treiben. In Sri Lanka erfährt sie um die Ungerechtigkeiten bei der Versorgung der ­Tsunami-Opfer. Während wohlhabende Opfer Autos und Anwesen ersetzt bekommen, bleibt für die Armen nicht viel: Sie können keine Besitztitel nachweisen. Helfen kann Wirth nicht direkt. Aber darüber berichten und die Zuhörer bei uns sensibilisieren. Nicht selbstverständlich kommt unsere gutgemeinte Hilfe bei denen an, die sie am dringendsten brauchen. Die jugendlich gebliebene Abenteuerin freut sich über die Offenheit der Menschen in den bereisten Ländern. Ohne große Umstände besucht sie Hilfsprojekte von terre des hommes und von Humedica, erfährt von ihren Arbeitsweisen: Einheimische als Führungskräfte auf zu bauen. Dann funktioniert das Projekt weiter und bricht nicht in sich zusammen wie so häufig, wenn die Ausländer sich zurückziehen aus dem Projekt.

Mit einem Bekenntnis zu ihrer Art zu Reisen beschließt sie den Abend: Mit dem Rucksack sich unter die Einheimischen zu begeben. Im voll gepackten Bemo in Indonesien. Auf dem Flussboot auf dem Mekong irgendwo im Urwald auszusteigen und sich zu einem Dorf durchzuschlagen, in dem eine Schweizerin mit den Einheimischen Tourismus mit einfachsten Mitteln aufbaut. Sie beweist, dass ein Europäer auch mit dreimal Reis und etwas Gemüse viele Tage über die Runden kommt. Und sie versichert glaubhaft, dass man überall nette Menschen der gleichen „Tonlage“ trifft, mit denen man ein paar Tage unterwegs ist, bevor man wieder seine eigenen Wege geht. „Es gibt viel zu erleben und viel zu tun auf unserer Welt. Dies sollte man wahrnehmen so lange es die Gesundheit erlaubt“, motiviert der SES-Experte Dr. Günther Dress zum Schluss. Der Organisator lädt zum nächsten Berichtsabend der Allgäuer Gruppe Eine Welt Experten ein. Dipl.Ing.Agrar i.R. Eberhard Westhauser spricht dann über seine zivile Aufbauarbeit an dem Brennpunkt Mitrovica im Kosovo, am Dienstag, 5.Dezember, um 19.30 Uhr im Haus International.

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