Hinschauen statt verdrängen

Achtsamkeitstrainerin Grit Ulrike Tautenhahn übt mit Interessierten

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Mit einem Blumenstrauß bedanken sich (v.l.) Vera Eberle (Sozialpsychiatrischer Dienst, Diakonie Kempten), Hedwig Wegscheider, Martina Bronold (beide rpk, Rehabilitationszentrum für psychisch Kranke und Behinderte) bei Achtsamkeits-Trainerin Grit Ulrike Tautenhahn für den Einblick in die Achtsamkeits-Lehre.

Kempten – „Spüren wir unseren guten Freund, den Atem!“ Im Seminarraum der Stadtjugendring-Geschäftsstelle sitzen etwa 70 Menschen, rund zwei Drittel von ihnen sind weiblich. Die Stühle sind eng gereiht, die Luft schwer.

Alle haben die Augen geschlossen, manche Teilnehmer haben eine Hand auf ihren Bauch gelegt. Sie erleben ihren Atem. „Wo kann ich Empfindungen spüren, die durch den Atem entstehen? Wie fühlt sich das an?“, sagt Grit Ulrike Tautenhahn, die Leiterin des Abends, die Tonlage ihrer Stimme hebt und senkt sich angenehm, während sie spricht. Es hört sich fast an wie Gesang. Tautenhahn ist Achtsamkeits-Lehrerin und baut immer wieder solche Übungen in ihren Vortrag ein. „Es liegt in der Natur der Achtsamkeit, dass sie nicht theoretisch vermittelbar ist. Ihre Essenz ist nur erfahrbar“, sagt sie.

Achtsamkeits-Training kann dabei helfen, sich mit chronischen Schmerzen, Essstörungen, Depressionen, Krebs- oder Alkoholerkrankungen zu arrangieren und somit Linderung zu verschaffen. Auch Stress kann besser damit bewältigt werden. MBSR: Mindfullness-Based Stress Reduction heißt das dann. Und davon handelt der Vortrag von Tautenhahn, die auch Physiotherapeutin und Heilpraktikerin ist. Das rpk Kempten und der Sozialpsychiatrische Dienst haben den Abend mit ihr für die Tage der seelischen Gesundheit organisiert.

„In der Achtsamkeit geht es nicht darum, von etwas frei zu sein, sondern mit etwas frei zu sein, das heißt, hinzuschauen und zu schauen, wie ich damit freundlich sein kann“, erklärt die Lehrerin. Zur Verdeutlichung erzählt sie die Geschichte von den zwei Pfeilen, die von Buddha (circa 500 vor Christus), dem ersten Vertreter der Achtsamkeitslehre, stammt:

Eine Geschichte von Buddha

Ein Mann wird von einem Pfeil getroffen. Das ist schlimm. Viel schlimmer ist aber der Pfeil, den er infolge selbst auf sich abschießt. Nämlich indem er den ersten Pfeil ablehnt, verurteilt oder verdrängt. Dadurch entsteht erst großer Schmerz. „Die meisten Pfeile kommen aus dem Kopf“, sagt Tautenhahn.

Das Hinschauen steht bei folgender Übung im Zentrum: Die Teilnehmer sitzen wieder ruhig auf ihren Stühlen, die Augen sind geschlossen. Sie spüren, an welchen Stellen sie ihren Körper wahrnehmen; wo es drückt, zieht, eng ist oder kribbelt. Die Teilnehmer sollen feststellen, wie es sich jeweils anfühlt und ob es jeweils eine positive oder negative Empfindung ist.

Anschließend sollen sie sich auf eine unangenehme konzentrieren und hinfühlen. Als dritter Schritt kommt die Frage: Wie kann ich damit in Beziehung treten? „Auf diese Weise kann man herausfinden, was man ändern kann und schauen, was man braucht“, sagt die Lehrerin.

Geistesgegenwart, Gewahrsein, Präsenz, Bewusstheit, Wachsamkeit. Das alles sind Facetten der Achtsamkeit. Willkürliche Aufmerksamkeit werde erst zur Achtsamkeit, wenn sie kontinuierlich sei. Es geht also um das Sein im Hier und Jetzt.

Wichtig sei, sich voll und ganz anzunehmen, wie man gerade ist. Sich nicht zu bewerten. Das ist schwierig, weil wir automatisch immer werten, sagt Tautenhahn, doch Sätze und Gedanken wie: „Jetzt hast du dies und jenes schon wieder nicht hinbekommen“ gehören nicht zur Achtsamkeit. Der Begründer von MBSR, Jon Kabat-Zinn bezeichnet die Achtsamkeit als einen Akt der Liebe. Und Tautenhahn spricht immer wieder von Mitgefühl, das untrennbar mit der Achtsamkeit verbunden sei: „Wichtig ist das Mitgefühl und nicht das (Selbst)Mitleid, denn wenn wir mitleiden, sind wir oft nicht handlungsfähig.“ „Wie kann ich vermeiden, ins Selbstmitleid zu fallen?“, will eine Teilnehmerin wissen. „Dann ist es besser, erst einmal nur zu atmen, statt sich die schmerzenden Stellen genau anzusehen“, antwortet Tautenhan.

„Vielleicht haben Sie heute Abend oder in der nächsten Zeit ja noch einmal Lust, in sich hineinzuspüren, hinzuschauen“, entlässt Tautenhahn die Teilnehmer. Nach dem Applaus zu schließen, den sie erhält, sind einige dabei, die noch einmal auf diese Art meditieren werden.

Susanne Kustermann

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