Vortrag beim Lions-Club klärt über Mythen und Wahrheiten auf

Der "Heilige Krieg" im Islam

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Statt Vortrags-Honorar überreichte Dr. Michael Schneider (re), Präsident Lions Kempten-Müßiggengl, wunschgemäß einen Scheck in Höhe von 500 Euro zur Unterstützung kurdischer Flüchtlinge an Prof. Dr. Rüdiger Seesemann.

Kempten – „Ist der Islam eine Religion des Friedens oder der Gewalt?“ Es war eine der zentralen Fragen, die Prof. Dr. Rüdiger Seesemann, Islamwissenschaftler an der Uni Bayreuth, in seinem Vortrag mit anschließender Diskussion erläuterte. Er war auf Einladung des Lions Club Kempten-Müßiggengl nach Kempten gekommen, um „Mythen und Wahrheiten“ des „Heiligen Krieges“ im Islam zu beleuchten – ein Thema, das zahlreiche Zuhörer in den Meckatzer-Bräu lockte.

„Weder noch“, gab er die Antwort auf seine Frage und betonte, dass es „den Islam“ nicht gebe und nicht die Religion der Akteur sei, „sondern die Gläubigen“. Er erinnerte daran, dass auch im Namen des Christentums Gewalt verübt worden sei und im Alten Testament ebenso „ziemlich brutale Dinge stehen“. Deshalb sei der Kontext der Offenbarungen Muhammeds zum Beispiel bei häufig zitierten und falsch interpretierten Sätzen wie „schlagt die Ungläubigen auf den Nacken“ wichtig. Auch der Kampf gegen die Götzenanbeter werde häufig fälschlicherweise so ausgelegt, als würden Muslime „ewig gegen Ungläubige kämpfen müssen“. Dieser Punkt im Koran habe, so Seesemann, vier Phasen durchlaufen: die „Hidschra“ (die Auswanderung) von Mekka – dem „Wallfahrtsort für Götzen“, wo die Botschaften Muhammads „nicht gut angekommen sind“ - nach Medina; dann der durch Offenbarung legitimierte Kampf gegen diejenigen, die Muhammads Anhänger bekämpften; später der Kampf gegen die Vielgötterei und schließlich die Fortführung des Kampfes gegen die Götzenanbeter wie auch gegen die „Buchbesitzer“ - womit u.a. die sich an einem Buch, der Bibel, orientierenden Christen gemeint waren - „bis sie eine Steuer zahlen“. Da die in 114 Suren verfassten Offenbarungen nicht chronologisch gegliedert seien, brauche man „so etwas wie einen Führer, der einen durch die Kapitel leitet“.

Im Verlauf der rund 1400 Jahre alten Geschichte haben sich laut Seesemann viele unterschiedliche Strömungen herausgebildet, mit teilweise widersprüchlichen Auslegungen der Schriften. In den daraus hervorgegangenen vier Rechtsschulen – sunnitische und eine schiitische - sei das islamische Recht „systematisiert“ worden. Darunter das Kriegsrecht für das Gebiet „außerhalb des Hauses der Muslime“, das ab dem 9. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein eine Rolle gespielt habe und unter anderem regle, dass das Gebiet der Muslime größer werden soll. Sonst seien alle dem „Dschihad“ verpflichtet gewesen, was bedeute, dass innerhalb des Hauses kein Krieg geführt werden durfte. Im 20. Jahrhundert seien praktisch alle Gebiete kolonialisiert worden und das klassische islamische, nach Muhammad formulierte Kriegsrecht „hatte spätestens ab dem 1. Weltkrieg ausgedient“.

Den aktuell geführten „Dschihad“ sah er bei den „Charidschiten“ verankert, einer kleinen Abspaltung in der Frühzeit des Islam und „Vorläufer einer Ideologie“, die andere Muslime zu Ungläubigen erkläre und diese auch töte. „Sie stützen sich auf Muhammad ibn Abdalwahhab“ (gestorben 1792), Gründer der Wahhabiten, eine puritanische Reformbewegung auf der Arabischen Halbinsel. Der 9. September 2001, oder die Bombenanschläge in London oder Madrid, „lässt sich nicht mit islamischer Geschichte erklären“, sondern mit Gruppierungen, betonte Seesemann. Die Krise des Islam sei eigentlich durch den Westen verursacht worden und habe Al-Kaida & Co. ermöglicht die Koranverse entsprechend auszulegen. „Für die radikalen Muslime sind die anderen gar keine Gläubigen“, weshalb sich vor allem Muslime mit dem Phänomen auseinandersetzen müssten. Seines Erachtens sei die dschihadistische Bewegung sogar „eine viel größere Bedrohung für Muslime“, als für Nicht-Muslime. Die Radikalisierung in Deutschland, die auch „aus der Mitte der Gesellschaft“ komme, sah er nicht zuletzt als Ergebnis davon, dass man es bei einem Religionsübertritt ganz besonders genau machen wolle. Es sei eine Bewegung, die an eine der 1960er/1970er Jahre erinnere, als zum Beispiel jemand wie Che Guevara mit „Abenteuer“ gelockt habe.

„Die frommen Vorfahren“ lautet die wörtliche Übersetzung von „salaf“, was laut der an die Zuhörer ausgegebenen Liste mit Namens- und Begriffserklärungen die ersten drei Generationen von Muslimen bezeichnet, „deren fromme Praxis besonders für Salafisten als Vorbild gilt“. Auch hier gibt es laut Seesemann drei verschiedene Gruppen: die politischen, die nicht-politischen und die gewalttätigen dschihadistischen, was ein nur „schwarz-weißes Handlungsrezept“ ausschließe. Am besten sei es, seinen „Horizont zu öffnen“ und sich zu informieren. Dass Salafisten im Zuge der Flüchtlingswelle nach Deutschland kommen, hielt er für „unwahrscheinlich“, zumal ein echter Gläubiger „ja verpflichtet ist, im muslimischen Gebiet zu leben.

Christine Tröger

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