Jugendparlament Dietmannsried lädt Kandidaten zum Wahlkampf-Bierpong

Politischer Schlagabtausch mit Unterhaltungswert

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SPD-Kandidatin Katharina Schrader bei ihrem ersten Wurf: (v.l.) Die Moderatoren Volker Klüpfl, Michael Kobr, Katharina Schrader, Dr. Christian Schwarz (CSU), Stephan Thomae (FDP), Susanne Ferschl (Die Linke), Erna-Kathrein Groll (Bündnis 90/Die Grünen), Peter Felser (AfD) und Hugo Wirthensohn (Freie Wähler).

Dietmannsried – Wie kann man Politik und Wahlkampf auch für junge Menschen interessant machen? Das Jugendparlament Dietmannsried lieferte am vergangenen Freitag eine Antwort auf diese Frage.

Die politisch engagierten jungen Leute hatten Allgäuer Direktkandidaten bzw. deren Vertreter von CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Die Linke, AfD und den Freien Wählern zum Wahlkampf-Bierpong eingeladen. Das Autorenduo Volker Klüpfl und Michael Kobr führte als Moderatoren durch den Abend. Mit dieser ungewöhnlichen Mixtur gelang den Organisatoren das Kunststück, die vielen Besucher aller Altersklassen auf unterhaltsame Weise fundiert zu informieren.

Das Jugendparlament Dietmannsried hatte gerufen und sie alle waren gekommen: Katharina Schrader (SPD), Susanne Ferschl (Die Linke), Erna-Kathrein Groll (Bündnis 90/Die Grünen), Stephan Thomae (FDP), Peter Felser (AFD), Hugo Wirthensohn (Freie Wähler). Dr. Christian Schwarz (CSU) erschien in Vertretung von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller. Nach einem kurzen Erklärvideo zur Frage „Wie funktioniert die Bundestagswahl?“ und einer Kurzvorstellung der einzelnen Kandidaten stellten diese sich dem Wahlkampf-Bierpong. Wahlkampf-Bierpong? Auch Volker Klüpfl gab zu „Ich musste den Begriff erst googeln.“ Dabei standen auf einem Tisch zehn leere Becher, auf deren Innenböden jeweils einer der folgenden Begriffe geschrieben waren: Jugend und Bildung, Steuererhöhung, Außenpolitik, Flüchtlingspolitik, Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Familienpolitik, Umwelt und Energiewende sowie Rente. Jeder der Kandidaten durfte mit einem Tischtennisball auf die Becher zielen. Nach dem Treffen in einen Becher durfte er maximal zwei Minuten lang zu dem darin genannten Thema referieren (der Nachvollziehbarkeit halber wurden sowohl die Becher als auch die verbliebene Rede-Zeit dem Publikum auf einem Bildschirm und einer Leinwand angezeigt).

Jugend und Bildung

Dr. Christian Schwarz, Katharina Schrader und Hugo Wirthensohn führte ihr Wurf jeweils zum Thema Jugend und Bildung. Entscheidend für Jugendliche sei es, einen Ausbildungsplatz und später einen Arbeitsplatz vorzufinden, so Schwarz. „Das ist auch wichtig für die Familiengründung“. Die CSU habe sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 Vollbeschäftigung zu erreichen. Schrader sprach sich gegen das noch immer bei manchen Ausbildungen fällige Schulgeld und für mehr bezahlbaren Wohnraum, auch und gerade für junge Leute aus. Wirthensohn mahnte, „die Kinder müssen nicht unbedingt aufs Gymnasium. Auch Mittelschule und Realschule sind ein guter Weg.“

Umwelt und Energiewende

Beim Thema Umwelt und Energiewende kamen Susanne Ferschl, Erna-Kathrein Groll und Stephan Thomae zu Wort. Ferschl sprach sich dabei für einen kompletten Ausstieg aus Atomenergie und Braunkohle aus. Dieser Strukturwandel müsse aber angesichts der vielen damit zusammenhängenden Arbeitsplätze sozial verträglich gestaltet werden. Bei den erneuerbaren Energien solle man stark auf Bürgerenergie setzen. Groll zeigte sich mit Blick auf ­Ferschls Ausführungen erstaunt: „Ich habe bei meiner Vorrednerin mit den Ohren geschlackert. Ich dachte, da redet eine Grüne.“ Sie appellierte, der Flächenverbrauch müsse eingeschränkt und die Energiewende weiter vorangetrieben werden. Thomae monierte, die Energiewende nehme nur schleppend Fahrt auf, man benötige einen „richtigen Masterplan“. Es gehe nicht an, „die größten Dreckschleudern, die Braunkohlekraftwerke“, wieder anzuwerfen oder Atomstrom aus dem Ausland zuzukaufen. Der Fokus bei den erneuerbaren Energien müsse seiner Meinung nach auf Netzstabilität, Transport der Energie, Effizienzsteigerung und Speichermöglichkeiten liegen.

Zum Thema Innere Sicherheit sagte AfD-Kandidat Peter Felser: „In Altusried an der Supermarktkasse wird Pfefferspray angeboten. Warum fühlen sich die Menschen nicht mehr sicher?“ Die Polizeikräfte müssten aufgestockt und besser ausgebildet werden. Zudem könne es nicht sein, dass man bei 600 identifizierten Gefährdern nichts tue. „Da muss man zugreifen, die müssen hinter Gitter – da darf man nicht warten, bis erst was passiert.“

Beim Thema Migration und Flüchtlinge landeten Schwarz, Schrader und Thomae einen Treffer. „Wir müssen uns mitmenschlich verhalten und den Menschen individuell helfen“, forderte Schwarz. „Aber wer zu uns kommt, muss sich integrieren. Wir sind ein tolerantes Land, aber Toleranz darf nicht missbraucht werden.“ Mit Hilfe von Mitteln wie dem Marshallplan für Afrika müssten Perspektiven für die jungen Menschen in ihren Heimatländern geschaffen werden. Auch Schrader mahnte, man müsse Fluchtursachen vor Ort bekämpfen. Die Panikmache müsse aufhören, „Menschen, die hier arbeiten wollen, sollten die Möglichkeit haben, legal einzuwandern.“ Thomae forderte ein Einwanderungsrecht. Damit bekämen geflüchtete Menschen, die schon länger hier und integriert seien, eine Chance, hier zu bleiben, auch wenn ihre Fluchtursachen entfallen. Außerdem sollten Wirtschaftsimmigranten so eine legale Chance bekommen, zu uns zu kommen.

Rente und Außenpolitik

In puncto Rentenpolitik machte Susanne Ferschl Leiharbeit, befristetet Verträge und prekäre Löhne für die steigende Altersarmut verantwortlich. Sie forderte eine Rentenversicherung, „in die alle einbezahlen“ und eine Mindestrente in Höhe von 1050 Euro. Auch die Grünen kämpften für eine Garantierente, so Groll. Dabei müssten die Unternehmen stärker in die Pflicht genommen werden. Hugo Wirthensohn mahnte die vielen jungen Anwesenden, sich schon in jungen Jahren mit dem Thema Rente zu befassen. „Vergesst nicht, man wird älter!“

Das Thema Außenpolitik entfiel auf Felser und Ferschl. Felser appellierte, in der NATO zu verbleiben, aber gleichzeitig eine Brücke zu Russland zu schlagen. Linken-Politikerin Ferschl betonte: „Wir verstehen uns als Friedenspartei.“ Man brauche eine langfristige Perspektive und Vision. „Wir wollen Waffenexporte verbieten und die Bundeswehr von Auslandseinsätzen zurückholen. Ich möchte in einer Welt leben, die friedlicher ist als jetzt.“

Nach einer abschließenden Fragerunde mit Fragen aus dem Publikum und der Aufforderung durch den Vorsitzenden des Jugendparlaments, Florian Rauh, zur Wahl zu gehen, standen die Kandidaten noch für Gespräche zur Verfügung.

Und wie fand die Zielgruppe die Veranstaltung? „Ganz interessant“, lobte die 19-jährige Monika aus Wildpoldsried. „Man weiß ja oft nicht, wofür jede einzelne Partei steht.“ Da sei der Abend ganz aufschlussreich gewesen. Die Redner seien souverän gewesen und hätten ihren Standpunkt größtenteils gut in – nicht zu hochtrabende – Worte gefasst, meinte die 18-jährige Miriam. „Jeder hatte wohl vorher schon eine Ahnung, wo er seine Kreuzchen machen wird. Die Aussagen der Kandidaten waren da eher eine Bestätigung der bestehenden Meinung.“

Sabine Stodal

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