"Wahrer Streit tut Not"

Wolfgang Gall spricht über Stammtischparolen und wahre Streitkultur

+
Der ehemalige Lehrer Wolfgang Gall unterrichtet heute keine Schüler mehr in Elektrotechnik, Sozialkunde und Geschichte, wohl aber in der Kunst, „platten Spüchen und dummen Parolen“ intelligent zu entgegnen. Sein Seminar zur Diskussionsführung hielt er diese Woche auch bei der vhs Kempten.

Kempten – Zu Beginn seines Seminars fordert der ehemalige Lehrer Wolfgang Gall (66) seine Zuhörer auf, sich eine Tafel mit dummen Sprüchen, dumpfen Parolen und falschen Behauptungen anzuschauen. Es sind Aussagen, die Ausländer, Minderheiten, Flüchtlinge, Juden und Frauen diffamieren. Aber auch das bekannte Merkel‘sche Credo „Wir schaffen das“, das sich auf die Integration von Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft bezieht, ist darunter zu finden. Schon am Anfang macht Wolfgang Gall deutlich, dass er sein Seminar nicht als Echokammer derer verstanden haben möchte, die sich selbst als die „Guten“ betrachten.

Zwar fänden sich in seinen Seminaren, die er außerhalb von Schulen abhält, in aller Regel mehr Menschen, die der Flüchtlingshilfe, der FFF-Bewegung oder der Linken allgemein zuzurechnen sind, ihm gehe es aber grundsätzlich darum, aufzuzeigen, wann Streitgespräche zwischen Menschen durch das Verwenden platter Sprüche und dummer Parolen im Grunde unmöglich werden. Dabei bezieht sich Wolfgang Gall auf eine Methode, die an der Universität Augsburg entwickelt wurde. Als Quelle dienen ihm auch Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer von der Universität Duisburg, der u.a. mit seiner Publikation „Argumente am Stammtisch“ bundesweit bekannt wurde. 

Gesunde Streitkultur

Der Referent für politische Bildung befragt die Seminarbesucher, was sie unter „Demokratie“ verstehen. Ein Merkmal einer Demokratie ist aus der Sicht der Befragten, die uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Darauf konfrontiert Gall diese mit den Fragen: „Wo treffe ich Menschen, die anders denken als ich?“, „Setze ich mich mit ihren Gedanken auseinander?“, „Wie reagiere ich auf sie, streite ich mit ihnen?“ und „Fühle ich mich selbst bei selbstgerechten Sprüchen ertappt?“

Mit einer Zeichnung der bekannten Comic-Helden „Asterix und Obelix“, die sich gegenseitig anschreien, versucht Gall zu verdeutlichen, dass man sich stets selbst hinterfragen möge, ob man seinem Gegenüber wirkliche Aufmerksamkeit und damit Wertschätzung schenkt. Dabei spricht sich Gall grundsätzlich für eine „gesunde“ Streitkultur aus. Nicht Niederbrüllen oder Ignorieren sind Lösungen, sondern die Erkenntnis, dass es selten ein klares „Richtig“ oder „Falsch“ gibt. „Unbequeme Wahrheiten sollen angesprochen werden, Sündenbockmechanismen entlarvt und die Sicht des anderen ernst genommen werden“, empfiehlt er. 

Ruhe bewahren

Streit ist für Gall grundsätzlich eine gute Sache und er rät zu mehr Mut zur sachlichen Streitkultur und in jedem Fall zu Gelassenheit. Die verbale Auseinandersetzung findet aber ihr jähes Ende, wenn mit „Stammtischparolen“ argumentiert wird, die die Dinge simplifizieren, verallgemeinern oder im schlechtesten Fall zu Totschlagargumenten werden, wie „Das haben wir schon immer so gemacht!“. Dabei outen sich die allermeisten Vertreter dieses „Entweder-Oder“-Denkens nicht selten als selbstgerechte Ignoranten. Um die eigene Ohnmacht im Diskurs mit Diskutanten dieser Art zu überwinden, empfiehlt Gall die folgenden Strategien: Ruhig die Situation annehmen; Verallgemeinerungen auflösen, Weichmacherfragen stellen (u.a.: „Warum siehst du das so?“ oder „Wieso meinst du das?“); Beim Thema bleiben, kein Themenhopping; den Blickwinkel des anderen beachten und trotzdem die eigene Position vertreten. Aber es gibt auch für Wolfgang Gall den Punkt, an dem es besser ist, ein Gespräch zu beenden, als es fortzuführen. „Nicht endlos debattieren!“, so der Referent. 

Vorurteile überwinden

Gall gestaltet sein Seminar sehr interaktiv, immer wieder bittet er die Teilnehmer, sich selbst zu äußern und ihre Erfahrungen zu schildern. Manchmal lässt er auch einfache Zeichnungen wie zum Begriff „Streit“ anfertigen oder befragt sie nach ihren eigenen Vorurteilen gegenüber Politikern. Für gewöhnlich hält der Referent für politische Bildung seine Seminare vor 8.- oder 9.-Klässlern. Seine Erfahrungen hierbei sind gut. „Die jungen Schüler sind häufig noch nicht so gefestigt in ihren Meinungsbildern und toleranter gegenüber anderen Ansichten.“ Anders verhält es sich manchmal mit Vorträgen vor älteren Menschen. „Die vertreten nicht selten ein eher starres Meinungsbild“, so Gall. Auf die Frage eines Teilnehmers, ob es ratsam sei, mit Wählern der AfD zu sprechen, antwortet Gall mit einem: „Ja.“ Gall berichtet davon, erst unlängst einen guten Freund durch Tod verloren zu haben, der Wähler der AfD gewesen sei. „Für mich als ‚Linkem‘ waren seine politischen Meinungen nicht nachvollziehbar, aber als Mensch war er mir stets ein guter Freund und Begleiter.“

Jörg Spielberg

Auch interessant

Meistgelesen

Zimmer brennt in der Fischersteige
Zimmer brennt in der Fischersteige
Gewinnen Sie 6 Tage zu zweit im 4*S Verwöhnhotel am Achensee
Gewinnen Sie 6 Tage zu zweit im 4*S Verwöhnhotel am Achensee
Der erste Waldkindergarten Kemptens öffnet Wipfel, Tipi und Bauwagen
Der erste Waldkindergarten Kemptens öffnet Wipfel, Tipi und Bauwagen
Bauvorhaben in der Breslauer Straße im Gestaltungsbeirat
Bauvorhaben in der Breslauer Straße im Gestaltungsbeirat

Kommentare