Der Wald tut gut

Waldbegang mit Forstexperten: Was passiert in den städtischen Wäldern?

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Kempten – Revierförster Michael Balk vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Kempten führte Stadträte und Mitglieder des Umweltund des Liegenschaftsausschusses durch zwei Waldgebiete der insgesamt 270 Hektar umfassenden städtischen Stiftungswälder.

Anhand der komplett unterschiedlichen Wälder erklärte er den ca. 20 Interessierten, welche Forstarbeiten in den Wäldern durchgeführt werden und warum. Bevor die trotz nass kaltem Wetter gut gelaunte Gruppe überhaupt in den Wald der Katholischen Waisenhausstiftung an der Rottach eintauchen konnte, stoppte Balk sie neben den Holzstapeln, die aktuell am Klinikum aufgeschichtet sind. Geholzt wurde hier aufgrund der Nähe zu den umliegenden Gebäuden nicht aber für die Kasse des Forstbetriebs. Die gefällten Fichten und Eschen haben keine hohe Qualität. „Momentan liegt der Preis für dieses Holz bei 45 Euro. 

Das deckt gerade die anfallenden Arbeiten“, sagt Balk. Für Eschenstammware gebe es durch das Triebsterben der Baumart keinen Markt mehr. Vom Borkenkäfer befallenes Holz erreiche einen Betrag von 27 Euro. Auf dem schmalen Waldpfad, der hinunter zur Rottach führt und den viele Spaziergänger begehen, bittet Revierförster Balk seine Gefolgschaft erstmal, sich der schönsten Nutzung der Wälder bewusst zu werden. „Atmen Sie einmal tief durch – der Wald tut einfach gut!“ Sieben Hektar bedeckt der herrlich laubbunte Mischwald der Katholischen Waisenhausstiftung. Der artenreiche Baumbestand ist bis zu 180 Jahre alt. Eine gelbe Schlange auf der Rinde eines dicken Buchenstamms zeichnet den stattlichen Baum als Biotopbaum aus, einige Meter weiter steht ein toter Stamm mit mehreren Spechthöhlen (noch) leicht schräg inmitten seiner lebendigen Nachbarn. Biotopbäume dürfen nicht gefällt werden, stehendes sowie liegendes Totholz sind für die Artenvielfalt im Wald sehr wichtig. 

Für Erholungsuchende lauert hier jedoch auch Gefahr. „Waldwege fallen nicht unter die generelle Verkehrssicherungspflicht der öffentlichen Wege“, erklärt Balk. Jeder hat das Recht, den Wald zu betreten. Doch wer sich hier aufhält, muss auf typische natürliche Waldgefahren wie abgebrochene, aber noch hängende Äste aufpassen. Die Förster laufen trotzdem stets mit offenen Augen durch ihre Waldreviere. Es sei immer schwierig, die Entscheidung zum Fällen potentiell gefährlicher Bäume zu treffen. Es müsse dabei auch die Gefahr für den Forstarbeiter beachtet werden. Eine Alternative sei die ungern gesehene Sperrung von Wegen. Michael Balk möchte trotzdem die Bürger in den Wald locken und sucht nach Möglichkeiten zum Austausch zwischen Bevölkerung und Forstmitarbeitern. Er denkt auch an einen Grillplatz im Wald an der Rottach. Hier wäre dann die Verkehrssicherheit gegeben: An einem speziell eingerichteten Aufenthaltsort ist sie verpflichtend. 

Den Wald für die Erholungsuchenden begehbar zu machen, gehört auch zum Bewirtschaftungskonzept der städtischen Wälder. Weitere Grundsätze sind die naturnahe, nachhaltige Bewirtschaftung und die Förderung von klimastabilen Mischwäldern. Von bunt nach dunkel Wie der Waldumbau angepackt wird, zeigte Michael Balk den städtischen Mitarbeitern und Stadträten im Waldgebiet der Protestantischen Spitalstiftung am Mariaberg. „Hier haben wir jetzt einen komplett anderen Wald“, sagt er. Der nahezu reine Fichtenwald präsentiert sich vergleichsweise monoton und dunkel. Doch die Zukunft soll anders aussehen: 1300 Weißtannen sowie 2000 Rotbuchen hat der Förster mit insgesamt 35 Schulklassen 2018 in dem Waldstück gepflanzt. Nach vierjähriger Aufzuchtzeit in der Baumschule wurden die Jungpflanzen, die man zum Teil noch leicht übersehen und zertrampeln kann, in 23 Gruppen und jeweils mit Abständen von circa zwei Metern eingesetzt. Unter dem Schirm der alten Fichten sollen sie heranwachsen. Die Weißtannen sind mit einem Verbissschutz aus Schafwollfett geschützt. 

Da die Rehdichte dank der Arbeit der grünen Hegegemeinschaft am Mariaberg nicht zu hoch ist, haben die Bäume gute Chancen groß zu werden. Ein zweites, größeres Projekt steht für 2020 auf dem Plan. Der Wald braucht zur notwendigen Bewirtschaftung einen geeigneten Forstweg bzw. Rückewege. Bisher war die Erschließung mangels eines befestigten Wegs nicht ausreichend. 17 Privatwaldbesitzer sind neben der Spitalstiftung an dem Wegebau beteiligt, sie müssen jedoch nur einen geringen Teil des Investitionsvolumens von 150.000 Euro tragen. 90 Prozent der Nettokosten übernimmt das Forstamt. „Wir achten beim Bau der Forstwege auf eine schonende Bearbeitung. 

Es wird ein Sand-Wasser-gebundener Weg mit Grüntenbruch und ohne Asphalt.“ Roland Sauter vom Amt für Naturschutz ließ sich außerdem bestätigen, dass die anfallenden Böschungen dem natürlichen Gefälle angepasst und wieder begrünt werden. Nach etwas mehr als zwei Stunden im entspannenden aber immer noch nasskalten Wald hatten Stadträte und Mitarbeiter genügend Frischluft getankt und waren sich einig, dass die städtischen Wälder in guter Hand sind.

Annette Mayr

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