Stadträte informieren sich bei einer Waldbegehung mit Experten vor Ort

"Anderes Bild als im Sitzungssaal"

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Informierten Stadträte und Mitarbeiter der Stadtverwaltung über die städtischen und der von der Stadt verwalteten Stiftungswälder: Peter Titzler (vorne li.), Abteilungsleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Kempten, mit Hund Franzi und Revierförster Michael Balk (vorne re.).

Kempten – „Vorbild für andere“ sollen die Wälder der Stadt Kempten und der von ihr verwalteten Stiftungen sein sowie „Planungssicherheit haben“, sprich, „die Jahre sollten sich im Ergebnis sehr ähneln“, benannte Peter Titzler, Abteilungsleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Kempten, zwei wesentliche Forderungen der Stadt an genannte Liegenschaften.

Fünf Jahre ist es her, seit sich zuletzt Mitglieder des Stadtrates und der Stadtverwaltung auf den Weg gemacht hatten, einige dieser insgesamt 271 Hektar umfassenden Liegenschaften zu begutachten. Aus Sicht des mit der Betreuung und Verwaltung beauftragten AELF höchste Zeit, einen erneuten Waldbegang anzuberaumen. Zwar hatten sich lediglich etwa ein Viertel der Stadträte für den Ortstermin vergangenen Freitag Zeit genommen, diese zeigten dafür reges Interesse. Nicht zuletzt sind diese Wälder auch eine wichtige Einnahmequelle für die Finanzspritzen an gemeinnützige Einrichtungen und Projekte, die aus den Stiftungsmitteln alljährlich ausgeschüttet werden. Dass Wälder aber weit mehr Aspekte abdecken als nur den wirtschaftlichen durch Holz- gewinnung oder den Erholungsaspekt, dafür schärften Titzler und Revierförster Michael Balk während der kurzweiligen Begehung zweier ausgesuchter Punkte den Blick der Teilnehmer.

Der 4,84 Hektar große Kameralwald an der Pulvermühle – ein durch eine nicht besonders breite Straße von der dortigen Wohnbebauung getrenntes Waldstück – sei vom Vorbesitzer gegen ein unproblematischeres Areal eingetauscht worden. Nachdem festgestellt wurde, dass „viele Bäume entlang der Straße erhebliche Fäule hatten“ und einige Anwohner sich bei stürmischem Wind zudem von dem teilweise hochgewachsenen Baumbestand bedroht fühlten, wurden im vergangenen Jahr entsprechend Fällungen vorgenommen. Dass bei den geernteten 200 Festmetern Holz – Hackgut und Brennholz – 1000 Euro Verlust hängengeblieben sind (Kosten: 13.000 Euro, Erlöse: 12.000 Euro), zeigt, dass nicht jede nötige Maßnahme auch gewinnträchtig sein muss.

Für diesen zweiwöchigen „Verkehrssicherungshieb“, wie es in der Fachsprache heißt, waren Vollernter, Forwarder, Hubsteiger und Großhäcksler im Einsatz, Anwohner wurden vorab informiert, die verkehrsrechtlichen Genehmigungen eingeholt.... und am Ende Straße und Lagerplätze aufgeräumt.

Einen besonders hohen Stellenwert räumten Titzler und Balk der „frühzeitigen Information“ der Menschen ein, „damit sie akzeptieren, was da läuft“. Trotzdem habe es auch „uneinsichtige“ Anwohner gegeben, die zum Beispiel trotz laufendem Harvester zur dahinter liegenden Wertstoffinsel wollten, wie Balk sich erinnerte. Meist ohne Konsequenzen für den Baumbesitzer bleibe es, wenn einmal ein toter Ast herunterfalle, was in der Regel von Gerichten als „natürliche Gefahr“ angesehen werde, erklärte Titzler die rechtliche Situation. Anders bei erkennbaren Baumschäden, die eine Gefahr darstellen. Auf Nachfrage von 3. Bürgermeister Josef Mayr konnte Titzler bestätigen, dass sich der Schutzwald am Mariaberg, an dem vor rund fünf Jahren Maßnahmen zur Verjüngung und Auslichtung durchgeführt wurden, „prächtig entwickelt“, auch Dank der Kemptener Jägerschaft, „die ihre Arbeit blitzsauber erledigt“. Auf die besonders große Vielfalt, von Weißtannen über Linden, Birken und vielen mehr bis zur Kirsche, wies Balk an der zweiten Station, einem 6,34 Hektar großen Waldstück der Katholischen Waisenhausstiftung an der Rottach hin; „einer der meistbegangenen Wälder“, mit besonderer Bedeutung für die Erholung der Kemptener. Und auch das städtische Klima habe etwas von dem nahe gelegenen Wald, zielte Titzler nicht auf CO2 & Co., sondern auf die angenehme Kühle, die im Wald auch bei den jüngst heißen Sommertemperaturen geherrscht habe: denn „starke Bäume nehmen pro Tag bis zu 400 Liter Wasser auf“, die sie über das Blattwerk wieder abgeben und damit die Luft kühlen. Kleine Auslichtungsmaßnahmen vor dem am Waldrand gelegenen weißen Hochhaus hätten zu sehr unterschiedlichen Reaktionen geführt, mit denen sich das Forstamt allerdings häufiger konfrontiert sieht, wie aus Balks Schilderungen hervorging. Demnach freuen sich die einen Anwohner darüber tagsüber kein elektrisches Licht mehr zu brauchen, für die anderen sei man ein „Baummörder“.

Während Alle über das sich ausbreitende Indische Springkraut redeten, finde man in den stadtnahen Wäldern ebenso „alles aus den Vorgärten“ der Umgebung, wies Titzler auf ein wenig beachtetes Phänomen hin. „Nichts ist für den Wald wichtiger als der natürliche Zersetzungsprozess“, erläuterte er anhand eines am Boden liegenden Baumstammes, denn dort würden nicht nur – für den natürlichen Kreislauf wichtige – Kleinlebewesen und Kleinstorganismen eine Heimat finden, sondern auch Fledermäuse oder Spechte und am Ende der Kette Pilze. Da waldbauliche Maßnahmen vom Forstamt mit Rücksicht auf die naturnahe Struktur des Waldes durchgeführt würden, soll hier demnächst ein Arbeitspferd zum Einsatz kommen, da der schmale Weg für Maschinen ungeeignet sei. Als hier zuletzt durchgeführte Maßnahmen nannte Balk das Auspflanzen von circa 300 Rotbuchen und Weißtannen im Jahr 2013 mit den Azubis der Stadt Kempten, den Einschlag eines Borkenkäfernestes und die Markierung und Förderung von markanten Einzelbäumen.

Den beeindruckenden Schlusspunkt der Tour durch den Wald setzte eine 150 bis 200 Jahre alte Buche – ein „Methusalix“. OB Thomas Kiechle begrüßte die Ansage der beiden Forstexperten, die Waldbegehungen künftig im Turnus von zwei Jahren durchführen zu wollen. Es sei schon wichtig die Örtlichkeiten zu sehen, meinte er, denn dadurch „bekommt man ein anderes Bild davon als im Sitzungssaal“.

Christine Tröger

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