"Autofrei" und naturnah

Ein Waldkindergarten mitten in der Stadt in der Chapuis Villa

+
Mit Hilfe eines kreativen Verkehrskonzeptes soll hier schon bald „der schönste Kindergarten“ Kemptens entstehen.

Kempten – Eine KiTa ohne „Kiss & Greet“-Zone, wie es am Flughafen heißen würde? Auf nur wenig Skepsis sind im Verkehrsausschuss die neuen Wege gestoßen, die Thomas Baier-Regnery, Referent für Jugend, Schule und Soziales, als eine von zwei Nutzungsvarianten bei der künftigen Kinderbetreuung in der Chapuis-Villa (der Kreisbote berichtete) gehen will.

Für ihn ist für die dort geplanten drei Kindergartengruppen mit insgesamt 75 Kindern nicht nur eine klassische KiTa denkbar. Vielmehr bietet sich die Liegenschaft seines Erachtens geradezu an für eine „autofreie” KiTa als Natur- und Waldkindergarten ohne eingezäunten Außenbereich. Autofrei will in diesem Fall heißen, dass sich Eltern verpflichten, ihre Kinder zu Fuß oder mit dem Rad in die Kita bringen bzw. abzuholen, wofür sogar der Fußweg zwischen Chapuis Villa und APC als Verbindung hergerichtet werden soll. Damit wären am verkehrsneuralgischen Punkt in der Füssener Straße aus Sicht der Verwaltung zwei Fliegen mit einer Klappe erlegt. Es würden sonst benötigte Stellplätze für den Bring- und Abholverkehr entfallen , auch die für Mitarbeiter, die gegebenenfalls die stadtnahen Parkplätze z.B. am Illerdamm nutzen sollen. So wäre kein separater Außenbereich nötig, Nutzungskonflikte würden minimiert und das in der Füssener Straße ohnehin schon massive Verkehrsaufkommen „nicht erhöht“. Als „Pufferzone“ für den motorisierten Hol- und Bringverkehr kann sich Markus Wiedemann, Leiter des Amtes für Tiefbau und Verkehr, die ca. 250 Meter entfernten bereits bestehenden Stellplätze an der Lenzfrieder oder der Kaufbeurer Straße vorstellen, mit „einer klaren zeitlichen Beschränkung“ bzw. Beschilderung. 

Eine Alternative wäre auch das Einrichten von Sammelabholstellen an den Parkplätzen durch die Erzieher. Die klassische Variante Ein deutlich höheres Verkehrsaufkommen prognostiziert die Verwaltung bei der „nicht zu favorisierenden“ klassischen Kita-Variante, bei der Eltern ihre Kinder überwiegend mit dem Auto befördern. Unter anderem würden sowohl für die Fahrzeuge der Eltern als auch für die der Mitarbeiter Stellplätze benötigt. Allein bei einem höheren Verkehrsaufkommen sei das Linksabbiegen durch die mit lediglich drei Metern Breite nur für Einbahnverkehr geeignete Toreinfahrt an der Füssener Straße auf das Gelände nicht möglich, befürchtet Wiedemann einen möglichen Rückstau bis zur Ampel an der St.-Mang-Brücke. Auch sei wegen des Radwegs eine Holund Bringzone an der Füssener Straße ungeeignet, wies Wiedemann auf die hohe Unfallgefahr hin und noch auf einige Hindernisse mehr. Insgesamt könnte die Situation „nur durch umfangreiche bauliche Maßnahmen behoben werden“, war sein Fazit zur klassischen Variante. Nichts mehr zu hören war von dem ursprünglich aus CSU-Reihen offiziell formulierten Wunsch, die Chapuis-Villa an einen Investor zu verkaufen. Alexander Buck (CSU) fand es „sensationell“, dass dort ein Kindergarten komme und war zuversichtlich, dass man die Verkehrssituation „in den Griff bekommt“. Zudem hegte er die Hoffnung, dass man davon wegkomme, „dass jedes Projekt immer von mega vielen Parkplätzen abhängt“. Bürgermeister Josef Mayr (CSU) wollte seine Euphorie lieber „eine Stufe tiefer hängen“ und meinte „es wird eine Herausforderung werden“. 

Aber für ihn sei das viel größere Problem als der Verkehr, wenn Familien keine Kindergartenplätze bekämen. Den Optimismus seiner Vorredner und Fraktionskollegen „nicht teilen“ wollte Karl Sperl, der „zumindest in der Anfangszeit mit Sicherheit große Probleme“ sah und nach entsprechender Verkehrsüberwachung rief. Seine Bedenken teilte Thomas Hartmann (Grüne), da man es hier mit „Gewohnheiten, nicht mit Naturgesetzen zu tun hat“. Für Helmut Berchtold (CSU) werde es „der schönste Kindergarten, den wir in Kempten bekommen“. Aber, warnte er schmunzelnd, „Sie haben 35 Verkehrsüberwacher“, womit er die Busfahrer meinte, die wegen der Füssener Straße sowieso schon ihre liebe Not hätten, Fahrpläne einzuhalten. "Ideale Liegenschaft" Auch wenn die Chapuis-Villa für Baier-Regnery als Kindergarten die ideale Liegenschaft ist „und auch noch am richtigen Ort“, wo Bedarf dafür sei, bekannte er, dass es sich dabei um „eine in der Not geborene Idee“ handle. „Es wird noch weitere Notlösungen geben“, bereitete er die Räte vorsorglich darauf vor, dass auch weiterhin Kreativität gefragt sei. 

Wie berichtet, benötigt das Amt für Kindertagesstätten, Schule und Sport in den kommenden Jahren zusätzliche Betreuungsplätze für den Stadtbezirk 5 (Engelhalde, Lindenberg, Bühl, Bleicherstraße). Für 2019 wird von einem zusätzlichen Platzbedarf von vier Gruppen mit insgesamt rund 100 Plätzen ausgegangen, ab 2020 von sechs Gruppen und ab 2021 von sieben Gruppen. Laut Baier-Regnery kann man bei der mit 90 Prozent geförderten Umnutzung der ChapuisVilla „schnell in die Umsetzung gehen“. Die Kita soll unter städtischer Führung betrieben werden. So habe man auch in der Hand, die Eltern für die autofreien Bedingungen zu verpflichten. 

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesen

Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
1800 Gäste reisen zum Grünen Aschermittwoch mit Robert Habeck nach Sulzberg
1800 Gäste reisen zum Grünen Aschermittwoch mit Robert Habeck nach Sulzberg
Polizeipräsidium Schwaben Süd-West kündigt für 2020 mehr Polizeikontrollen an
Polizeipräsidium Schwaben Süd-West kündigt für 2020 mehr Polizeikontrollen an
Bündnis "Seebrücke Kempten" informiert Bürger über die Realitäten der Flüchtenden
Bündnis "Seebrücke Kempten" informiert Bürger über die Realitäten der Flüchtenden

Kommentare