"Hier geht man einfach hin!"

Warum der Besuch des Wochenmarkts in Kempten für viele Leute ein echtes Ritual ist

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Definitiv einer der jüngsten Besucher auf dem Wochenmarkt. Der vier Monate alte Luis mit seiner Mama Karla aus Sonthofen und Schulfreundin Tanja.

Kempten – Ein Samstagvormittag im Allgäu. Die Sonne scheint nach Tagen endlich mal wieder und seit den frü- hen Morgenstunden herrscht reges Treiben auf dem Hildegardplatz in Kempten: Wochenmarkt. Während man sich am Mittwoch gerne in seiner Mittagspause zum Kässpatzen oder Weißwürste essen trifft, haben die meisten am Samstag etwas mehr Ruhe, das Markttreiben ausführlich zu genießen. Einer der jüngsten Besucher ist heute mit Sicherheit der kleine Luis aus Sonthofen mit gerade mal vier Monaten. „Eigentlich treffe ich mich seit zwei Jahren regelmäßig mit meinen Freunden aus der Schulzeit hier auf dem Wochenmarkt. Meistens so um 10 Uhr, plus minus eine halbe Stunde, und dann gibt’s entweder ein Müsli oder Weißwürste. Je nach Tageslaune“, sagt die Mama des kleinen Sprösslings, Karla Knedlitschek aus Sonthofen lachend

„Ich bin hier in Kempten aufs Allgäu Gymnasium gegangen und irgendwie hat sich dann nach der Schulzeit dieses Ritual entwickelt, dass man sich mit ehemaligen Schulfreunden am Samstag auf dem Markt trifft. Entweder schreiben wir uns ein paar Tage vorher zusammen oder auch mal ganz spontan erst Samstag Früh, so wie heute“, verrät die 25-jährige. Neben ihr steht ihre Freundin Tanja Fleschhut, die inzwischen in Betzigau wohnt. „Das Tolle am Wochenmarkt? Man trifft hier ziemlich viele Leute. Der Markt ist eher klein, regional, hat eine ganz tolle Atmosphäre, das liegt eben auch an Kempten. Für unsere Clique ist der Würschtel-Stand zu einem festen Treffpunkt geworden.“

Gleich um die Ecke steht Hubert Ried aus Dietmannsried und wartet auf seine Frau, die am Obststand Äpfel vom Bodensee und Heidelbeeren einkauft. „Seit 1986“ – kommt wie aus der Pistole geschossen die Antwort auf die Frage, wie lange er bereits regelmäßig zum Wochenmarkt komme. Er arbeite in der Stadt und deshalb sei klar: „Jeden Mittwoch um 12 Uhr geht’s zum Mittagessen auf den Wochenmarkt. Da braucht es keine Verabredung, da geht’s einfach hin“, so Ried. Und auch am Samstag sei er immer mal wieder auf dem Hildegardplatz anzutreffen. Erst werde eingekauft und dann treffe man sich zum Weißwurst oder Kässpatzen essen. Und was macht für ihn den Reiz des Marktes aus? „Hier trifft man immer Leute, aus der näheren Umgebung oder aus dem privaten Umfeld. Der Wochenmarkt hat einfach etwas Heimisches. Die regionalen Produkte und der Dialekt, der hier über den Markt geht, das gehört zu uns, zum Allgäu“, erklärt der Dietmannsrieder selbstbewusst. Die Einkaufstasche seiner Frau Doris ist inzwischen um ein paar Äpfel und Heidelbeeren reicher. „Ich finde hier sehr gute Bio-Ware, gerade beim Gemüse. Egal ob Zucchini, Salat oder Paprika vom Wochenmarkt, da merkt man einen deutlichen Unterschied im Geschmack, der ist einfach unvergesslich. Ich kaufe oft spontan ein. Was mich anmacht, das kommt dann mit nach Hause“, sagt Doris Ried. Heute werde bei ihnen zu Hause noch gegrillt und deswegen brauche sie gleich noch frischen Salat und Gemüse.

 Apfel ist eben nicht gleich Apfel

Für viele gehört der Besuch des Wochenmarkts zu einem gelungenen Wochenende genauso dazu wie die Fußballbundesliga, für einige sind die knapp 50 Marktstände im Sommer aber auch Neuland. Uschi, Angie, Anne und Uschi sind das erste Mal in Kempten. Sie alle haben sich vor über 40 Jahren an der Sprachenschule in München kennengelernt und sind seitdem mal mehr mal weniger eng in Kontakt geblieben. „Seit 15 Jahren treffen wir uns nun aber regelmäßig einmal im Jahr und verbringen ein gemeinsames Wochenende irgendwo in Deutschland. Wir waren schon in Regensburg, Wasserburg, Würzburg, Bamberg, Heidelberg oder Wiesbaden. Und jetzt ist Kempten dran. Hätten wir gewusst, dass es hier so viel Auswahl auf dem Markt gibt, dann hätten wir nicht in einem Café gefrühstückt. Aber jetzt ist es leider zu spät und morgen ist der Markt ja nicht mehr“, bedauert eine der vier Freundinnen, die mittlerweile in verschiedenen Städten leben. Alle Vier haben sich gerade einen regionalen Apfel vom Bodensee zum Probieren gekauft und sind begeistert: „Der schmeckt nicht nur gut, der ist auch viel aromatischer als ein Supermarkt-Apfel aus Neuseeland. Allein schon der Duft, das riecht eben wirklich nach einem Apfel“, sagt eine der beiden Uschis und beißt genüsslich ein zweites Mal hinein. 

Die frische, saisonale Ware, direkt vom Hof oder Feld, das mache die Besonderheit des Marktes hier in Kempten aus, darin sind sich alle vier Frauen einig. „Wir schlendern jetzt noch ein wenig über den schönen Platz hier und danach geht’s vielleicht noch an den Bodensee. Bislang ist unser Kempten-Wochenende jedenfalls einwandfrei“. 

80 Prozent der Kunden sind Stammkunden 

Auch der Marktsprecher Robert Liebenstein hat an diesem sonnigen Samstag alle Hände voll zu tun. Seit knapp 25 Jahren ist er mit seinem Kaffeestand schon auf dem Wochemarkt vertreten und seit der Neugestaltung des Hildegardplatzes vor ein paar Jahren auch Marktsprecher. „Viele schätzen, dass wir schon so früh da sind. Auch wenn es offiziell erst um 7 Uhr losgeht, aber die meisten Händler bauen natürlich schon früher auf und bereits ab 6 Uhr oder spätestens um 6.30 Uhr bekommt man bei uns schon frisches Brot oder Gemüse. Das ist einfach unser Alleinstellungsmerkmal. Und in der Früh herrscht eh immer eine ganz besondere Atmosphäre“, schwärmt Liebenstein. 

Zwischen 50 und 55 Händler sind in den Sommermonaten da. Wenn der Wochenmarkt dann ins Winterquartier in die Markthalle am Königsplatz zieht, haben noch rund 40 bis 45 Händler Platz für ihre Waren. Die Standplätze sind heiß begehrt, aber aktuell sind alle vergeben. Nur wenn jemand etwa aus Altersgründen aufhört, dann kann einer nachrücken. 

„Die Wochenmarkt-Besucher sind treue Seelen. Rund 80 Prozent meiner Kunden kommen regelmäßig“, erklärt Liebenstein. Neben seinem Kaffeestand hat er vor 15 Jahren mit frisch gepressten Säften angefangen. „Da war ich damals der Allererste in Kempten. Auf dem Viktualienmarkt in München habe ich mich inspirieren lassen, aber das war anfangs wirklich eine zähe Geschichte.“ Mittlerweile sind seine flüssigen Vitaminbomben ein Selbstläufer. „Die Trends ändern sich etwas. Vor ein paar Jahren waren Banane und Orange total angesagt, aktuell liegen Ingwer und Rote Beete ganz weit vorne“, so Liebenstein. 

Treffpunkt für Jung und Alt 

Gertraude Brutscher aus Kempten kommt seit Ende der 1950ger Jahre regelmäßig auf den Wochenmarkt. Mittlerweile ist die rüstige ältere Dame weit über 80 Jahre alt und liebt „diese ganz besondere Stimmung jeden Mittwoch und Samstag“. „Wissen Sie, man schaut sich ein bisschen um, man trifft überall bekannte Leute, es gibt immer frische und regionale Produkte, das ist doch was Feines. Und man verratscht sich natürlich öfter mal, das ist wunderbar“, sagt sie lächelnd. Auch wenn es im Winter in der Markthalle etwas enger zugehe, so seien die Produkte ja dieselben. Sie selbst kaufe je nach Jahreszeit vor allem Obst und Gemüse auf dem Markt und natürlich „die gute Wurst direkt vom Metzger“. Heute habe sie sich aber für Zwetschgen entschieden, denn sie wolle einen Kuchen backen. Ob sie Besuch erwarte? „Nein, ich bekomme keinen Besuch, aber man ist ja immer ganz gern vorbereitet, wenn dann doch jemand spontan vorbei kommt“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Kathrin Dorsch

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