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Warum Dietmar Benthele die BR-Radltour so liebt

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Von: Lutz Bäucker

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Herausforderung:  550 Kilometer bei bis zu 36 Grad  Hitze zu fahren, das ist aller Ehren wert.
Herausforderung: 550 Kilometer bei bis zu 36 Grad Hitze zu fahren, das ist aller Ehren wert. © Bäucker

Oberallgäu – Sogar das Fahrrad ist extra für diese Tour komponiert worden: „Schnelle dünne Reifen, eine Spezialschaltung für Anstiege und Flachstücke, geringes Gewicht.“ 

So beschreibt Dietmar Benthele aus Binswangen die Maschine, mit der er jetzt die sechs Teilstücke der größten Etappenradtour Bayerns für Hobbyradfahrer gemeistert hat. Seit zehn Jahren macht sich der superfitte 65jährige jeden Sommer auf, um diese Kultveranstaltung des BR mittendrin zu erleben. „Das ist was Einmaliges, wirklich voll geil!“, schwärmt er.

Der radelnde Reporter des Kreisboten kann dem Mann kaum folgen: Ein, zwei, drei kräftige Tritte in die Pedale- und weg ist er.

Dietmar Benthele taucht mit seinem Spezialrad bei 26, 27, 28 Stundenkilometern ein ins dahineilende Peloton, in seinem typischen Wiegetritt nimmt er Fahrt auf in den Flachstücken, klettert leichtfüßig den elend langen 15-prozentigen Schlussanstieg in Landau an der Isar hoch oder bietet in der Gäuboden-Ebene dem wüstenhaft heißen Gegenwind buchstäblich die Stirn.

„Ich mach die BR-Radtour aus drei Gründen so gern mit“, erklärt der drahtige Oberallgäuer. „Ich treffe in dieser Woche total unterschiedliche Menschen, fast jeder hat was Interessantes zu erzählen. Zweitens liebe ich die fahrerisch-sportliche Herausforderung mit 550 Kilometer Strecke bei großer Hitze in sechs Tagen und drittens ist das ein ganz besonderer Ausnahmezustand für mich.“

Zwischen Cham und Gunzenhausen kann er den Stress und die Probleme seines Berufsalltags als Selbständiger total ausblenden und vergessen.

Den Alltag vergessen

Wenn er hochkomplizierte Konzepte für den Transport von Schwertransporten durch und in das Allgäu erstellt, ist er extrem gefordert. Das fällt auf den Landstraßen und Marktplätzen völlig von ihm ab.

Vor dem Anstieg hinauf nach Hirtlbach im Dachauer Land erzählt Benthele, warum er heute unbedingt in der Spitzengruppe dabei sein will: „Ich muss für mich und meine beiden Mitfahrer schnell im Massenquartier in Aichach sein, um drei gute Schlafplätze zu ergattern.“ Schlafen mit 300 wildfremden Menschen, Schnarchen, Geräusche, Hitze bis zum Morgengrauen – das muss möglichst erträglich gestaltet werden. Dem Mann aus Binswangen macht das nichts aus, er lebt genügsam auf dieser „Tour de Bavaria“, die seit 1990 die Menschen im Freistaat begeistert. „Nach der Tour mach ich dann Urlaub, gern auch mal im Fünf-Sterne-Hotel“, schmunzelt Benthele.

Gut trainiert in den Allgäuer Bergen

Er steigt wieder in die Pedale. Hinter Odelzhausen zieht sich das glühende Asphaltband einer Landstraße schattenlos einen Hügel hinauf. Im Teilnehmerfeld verstummen die Gespräche, bald ist nur noch das Hecheln und Schnaufen von 800 Radfahrern zu hören. Der Schweiß brennt in den Augen, die Beine werden schwer, unter dem Helm steigt die Temperatur auf 60 bis 70 Grad. Dietmar Benthele hat sich ein Tuch um die Stirn gebunden, das schützt vor der sengenden Sonne.

Er ist gut trainiert und zäh: „Vor der Radltour bin ich drei mal aufs Fellhorn ´nauf geradelt und zweimal aufs Nebelhorn.“ Er lacht. „Ja mei, da kann der Bayerische Wald gern kommen!“ Nebenher absolviert er Volksläufe, die Berge seiner Heimat hoch. Imberger Horn, eines seiner Lieblingslaufreviere. Das zahlt sich jetzt aus. Beim spielerischen Kräftemessen mit dem Ebike-unterstützten Reporter hat Bioradler Benthele immer die Nase vorn.

Perfekte Organisation

Viele seiner Mitradler sind wie er Stammgäste dieser Veranstaltung. Sie schätzen die perfekte Organisation, vom Frühstück über die Wasserpause bis hin zum Gepäcktransport durch das THW. Die Polizei sperrt die Straßen ab, lässt das Feld auch bei Rot über die Ampeln rollen.

Der BR lädt jeden Abend zu spektakulären Open Air-Konzerten mit populären Bands ein: heuer unter anderen Max Giesinger, The Hooters und die Sportfreunde Stiller. Überall Eintritt frei.

Das lockt die Massen an, gerade in Etappenorten abseits der Großstädte. Und bringt den teilnehmenden Kommunen jede Menge Werbung und Imagegewinn via Fernsehen, Rundfunk und Presse.

2017 war Sonthofen Zielort der Tour, Bürgermeister Christian Wilhelm würde die Tour sofort wieder in seine Stadt einladen: „Die Radltour war ein ganz wichtiger Mosaikstein für unsere Entwicklung zur Fahrradstadt.“ Auch in Kempten zeigt man sich jetzt anscheinend interessiert.

Tagsüber radeln, abends feiern

Andrea Kunz aus dem Unterallgäu fände einen Stopp der Radlkarawane in ihrer Heimat ebenfalls interessant: „Das wäre eine tolle Sache“, meint die 55jährige IT-Fachfrau. Sie hat über den BR einen Freifahrtschein für die Radreise quer durch Bayern gewonnen und strahlt übers ganze Gesicht. „Ich wollte radeln, Party machen und Leute kennenlernen – alles eingetroffen, perfekt, super!“ Ihre Vorbereitungskilometer – mindestens 500 Kilometer sollte man vor dem Start in den Beinen haben – hat sie im Oberallgäu abgestrampelt: „Durchs Adelegg, hinauf nach Eschach oder zum Wenger Egg, da kriegsch Konditon!“ Sie düst mit einem Pedelec durch die Landschaft, ihr Partner begleitet sie im Wohnmobil. „Weißt du“, sagt sie zum Reporter „so was wie hier erlebst du nirgends.“

Irgendwann vor dem höchsten Punkt dieser Tour bei Konzell im Bayerischen Wald rollt sie plötzlich neben Dietmar Benthele dahin. Kommt schnell ins Gespräch mit ihm: „Ha, du kommsch aus‘m Oberallgäu? I bin von Lauben, Unterallgäu, Nähe Memmingen!“

Die Radltour verbindet, erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl, verlangt gegenseitige Rücksichtnahme und Toleranz. Menschen jeden Alters (heuer zwischen 9 und 83 Jahren) rollen mit, jeder Herkunft, jeden Berufes. Ehrgeizige und Genießer, Schwaben, Franken und Altbayern. Hartnäckige Strampler ohne Motor und bekennende E-Biker. Minister, Landwirte und Hausfrauen. Auf der Landstraße sind sie alle gleich, wenn die Augusthitze aus den gelbverbrannten Feldern die Radfahrer anspringt und alle nur noch das eine wollen: Wasser und einen Platz im Schatten.

Dietmar Benthele wird sich auch 2023 anmelden, zu seiner elften Tour: „Die Radltour, die macht süchtig.“

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