"Wie ein zweites kleines Zuhause"

Warum der Horten Kiosk in der Kronenstraße seit 35 Jahren für viele ein Zufluchtsort ist

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Wirtin Renate Karg ist die gute Seele des Horten Kiosk in der Kronenstraße. Für viele ist die Kneipe ein zweites Zuhause und eine Anlaufstelle gegen Einsamkeit.

Kempten – Wer sich in Kempten etwas auskennt, dem ist er sicher schon aufgefallen. Der Horten Kiosk in der Kronenstraße, gegenüber von Galeria Kaufhof, kurz vor dem Kreisverkehr.

Ein Stehtisch für die Raucher direkt neben dem Eingang, dahinter ein paar Sitzgelegenheiten und am Bürgersteig ein Fenster, an dem man sich Zigaretten, einen Kaffee oder eine Currywurst auf die Hand holen kann. Wer hat sich nicht insgeheim schon einmal gefragt, welche Geschichten hinter den Menschen stecken, die hier vormittags um elf Uhr mit einem Pils sitzen? Und die sich in ihrer Freizeit wohl eher selten mit den neuesten Aktienkursen oder dem aktuellen Theaterprogramm beschäftigen. Wenn man die kleine Kneipe betritt, strahlt einem Wirtin Renate Karg entgegen, die gut gelaunt hinter dem Ausschank steht. „Meine zwei Schwestern haben den Kiosk im November 1985 eröffnet. Damals war das Kaufhaus Horten gegenüber, deshalb auch der Name. Früher wurden noch Zeitungen über die Straße verkauft, aber das ist auf Dauer nicht so gegangen“, erzählt die 59-jährige rückblickend. 

Die Speisekarte ist eher klein: Gulaschsuppe, Debrecziner, Wienerle oder Bratwurst. Die meisten Gäste im „HK“ kommen zum trinken oder zum spielen. Zwei Spielautomaten stehen auf den 70 Quadratmeter. Dazwischen zwei große Tische und einige Barhocker. Bis letztes Jahr waren es noch drei Spielautomaten, aber ein neues Gesetzt erlaubt deutschlandweit mittlerweile nur noch zwei pro Kneipe. „Am Anfang hatten wir hinten in der Ecke eine Jukebox mit CDs, aber die hat irgendwann den Geist aufgegeben. Jetzt lasse ich das Radio laufen oder lege selbst CDs auf“, sagt Renate Karg und zeigt dabei auf ihre Sammlung hinter der Theke. Im Hintergrund läuft Roland Kaiser mit „Dich zu lieben“. Seit 2008 steht sie nun fast täglich hinter dem Tresen. „Ich wollte das überhaupt nicht. 

Meine Schwestern haben mich überredet. Ich bin eigentlich gelernte Konditorin und habe beim Café Scheurer gelernt, damals noch in St. Mang draußen. Später habe ich beim Residenzcafé gearbeitet und dann kamen meine vier Kinder. Als meine Schwester krank wurde, bin ich notgedrungen eingesprungen und habe 2008 erstmal halbtags angefangen. Seit 2012 bin ich jetzt Pächterin und habe eine Angestellte.“ Die Gäste in der kleinen Kneipe sind fast alle Stammgäste, die regelmäßig kommen. Wie Adi aus Kempten, der ein paar Mal die Woche im HK vorbei schaut. Adi ist 82 Jahre alt und kommt seit mehr als 20 Jahren, wie er stolz erzählt. „Ich wohne hier gleich ums Eck. Immer wenn ich eingekauft habe, gehe ich hier rein, trink mein Bierchen oder zwei, spiele ein bisschen am Automaten und dann geht’s wieder heim. Ich spiele immer mein Limit, 20 Euro. Nicht mehr. Das muss im Rahmen bleiben“, sagt er deutlich. 

Anlaufstelle gegen Einsamkeit

Adi ist einer von vielen treuen Stammgästen, für die der HK mehr als nur eine einfache Kneipe ist: Er ist ein „zweites kleines Zuhause“ oder „Wohnzimmer“. Was macht den HK für Adi denn so besonders? „Das ist das Freundliche, das Familiäre. Hier kann man sagen, was man möchte, ohne dass es jemand in den falschen Hals bekommt. Man ist lustig, erzählt sich nen Witz, es wird auch was getrunken, aber eben nicht exzessiv. Bevor ich daheim alleine vor dem Fernseher sitze, komme ich doch lieber hierher und habe etwas Gesellschaft. Ich bin Witwer, wo soll ich denn sonst hin?“, fragt der gebürtige Gelsenkirchener. 1957 ist der gelernte Bergmann nach Kempten gekommen, als Soldat. Fünf Jahre war er bei den Fallschirmjägern, danach hat er unter anderem auf dem Schlachthof gearbeitet und zum Schluss im Schmelzwerk. 

Seit 1997 ist er nun in Rente und seitdem Stammgast. „Ich bin gerne hier. Ich habe auch Renates Schwestern gut gekannt. Als ich noch meinen großen Garten hatte, habe ich ihnen immer Gemüse mitgebracht, Zucchini und so“, verrät er und fügt hinzu: „Ich koche auch gerne. Morgen kommt meine Bekannte und da mach´ ich wieder Pfannkuchen Hawaii mit Ananas.“ Wie hat er die Zeit während der Corona-Einschränkungen empfunden, als auch der HK für mehr als zwei Monate schließen musste? „Ich bin in so einem Alter, ich kann mich anpassen. Ich muss hier nicht unbedingt Bier trinken und spielen. Aber trotzdem hat mir der regelmäßige Besuch natürlich gefehlt. Das ist wie mein zweites Zuhause.“ 

Gäste wachsen ans Herz
Wirtin Renate hat die letzten Jahre zig Menschen kennen gelernt und einiges erlebt. „Ich hab´ gemischtes Publikum hier. Überwiegend Männer. Manche arbeiten und kommen nach Feierabend auf ein Bier und eine Zigarette. Andere können nicht arbeiten oder wollen schlichtweg nicht arbeiten. Wieder andere sind bereits in Rente. Viele Stammgäste sind leider auch schon verstorben. Früher hatten wir regelmäßig einen Rentnertisch. Es war generell deutlich mehr los früher. Da standen oder saßen sie hier dicht an dicht, da durfte man ja auch noch rauchen. Aber die Zeiten haben sich geändert“, so ihre Feststellung. Einige Gäste sind ihr im Gedächtnis geblieben. „Es sterben nicht nur alte Menschen, auch junge. Da reichen zwei Hände nicht. Fischkopf zum Beispiel. An den erinnere ich mich gut. Der kam fast jeden Tag in der Früh auf ein Bierchen. Hat Zeitung gelesen und wir haben ein bisschen gequatscht. Das war ein richtiges Unikat. Er kam aus Hamburg, deshalb haben wir ihn „Fischkopf“ getauft. Ja, und letztes Jahr ist er ganz plötzlich verstorben. Von einem Tag auf den anderen. Er hat uns zu Weihnachten noch eine Karte geschrieben und paar Tage später hieß es, er sei tot. So was ist heftig“, sagt die 59-jährige geknickt. 

„Oder Hans-Peter. Der saß immer da hinten. Der hatte Kehlkopfkrebs. Adam, Franz. Mir fallen da viele ein, die jetzt nicht mehr da sind.“ Die Gäste im HK kommen auch zum reden. Da gehe es um Politik, Frauen oder „es wird über das Wetter geschimpft“. Einige lesen Zeitung, tauschen sich aus und manchmal werde laut und heftig diskutiert. „Manche kommen natürlich zum spielen. Die merkst du gar nicht. Die sitzen am Automaten, trinken etwas und sind dann in ihrer eigenen Welt. Wieder andere kotzen sich hier aus. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Da weißt du genau, was wieder für Sätze kommen. Immer dieselbe Platte. Die jammern über das System, aber machen selbst recht wenig“, beschreibt Renate Karg ihren Alltag hinter dem Tresen. Wie geht es ihr dabei, wenn sie sich das regelmäßig anhören muss? „Das ist nicht immer einfach. Ich höre zu, klar. Aber ich stehe selbst mitten im Leben, bin teilweise zwölf Stunden hier und muss mir dann solche Sachen anhören. Das ist stellenweise schon anstrengend.“ 

Ein Job mit Höhen und Tiefen
Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich alleine und einsam. Das Thema Einsamkeit spielt auch bei den Gästen im HK eine große Rolle. „Vor allem bei älteren Menschen ist das weit verbreitet. Wenn die Bezugspersonen fehlen oder zu weit weg wohnen, dann sind wir hier oft die einzige Anlaufstelle. Viele kommen schon am Vormittag. Früher haben wir ja schon um 6 Uhr aufgesperrt, später um 7 Uhr und jetzt machen wir um 9 Uhr auf. Bis abends 20 Uhr.“ Sie selbst sieht sich nicht nur als reine Wirtin oder Servicekraft hinter der Theke. „Ich bin auch Psychologin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester. Mein Job vereint viele Berufe. Mir geben die Gäste aber auch etwas zurück. 

Allerdings erfordert meine Arbeit einiges an psychischer Kraft. Je nachdem, was für Publikum da ist, und was getrunken wird.“ Am besten gehen Weizen und Pils sowie Weinschorle. Außerdem Schnaps in jeglicher Form. Willy, Marille oder Jägermeister. Manche werden ganz ruhig, wenn sie ihr Bier oder ihren Schnaps trinken, andere wiederum sehr laut. Das kann auch schon mal frauenfeindlich werden. Dann ist das wirklich ein undankbarer Job, ehrlich gesagt. Anfangs war ich noch unsicher, aber mittlerweile bin ich reingewachsen. Ich lasse mir nichts mehr gefallen. Und gebe schon mal Kontra.“ Wer den Kiosk mal übernehmen wird, wenn Renate Karg in Rente geht? „Das weiß ich noch nicht. Darüber mache ich mir derzeit keine Gedanken. Wir alle müssen jetzt erstmal die Coronakrise überstehen und dann sehen wir weiter“, so die Wirtin mit Blick in die Zukunft. 

Kathrin Dorsch

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