Warum versteht es keiner?

Einiges zu Knabbern lieferte das Stück „Die Ziege oder wer ist Sylvia?“ aus der Feder des amerikanischen Dramatikers Edward Albee, dem der Ruf als „Spezialist für Zimmerschlachten ums Ganze“ anhaftet. Ein nicht unbegründeter Ruf, wie das Publikum im TheaterInKempten (TiK) am vergangenen Freitagabend erleben konnte. In der Inszenierung von Christian Stückl feierte dort das Münchner Volkstheater Premiere bevor es auf Deutschlandtournee ging.

In sprachlich und inhaltlich ungeschminkter Direktheit bricht Albee nicht nur mit gesellschaftlichen Normen und bürgerlichen Tabus. Nein, er zerschmettert die heile Schein-Welt in einer alles mitreißenden Explosion. Der Raum des Geschehens – ein stilsicher nüchtern eingerichtetes Wohnzimmer – gewährt keinerlei schützende Begrenzung. Einer kleinen Insel im dunklen Nichts gleich, bildet ein heruntergebrochenes Deckenstück den Boden für das Drama. Darüber ein dunkles Loch von einem ausgefransten Rand umrahmt. Das Vorzeige-Upper-Class-Ehepaar Martin und Stevie warten auf ihren besten Freund, den Fernsehproduzenten Ross, der den eben 50 gewordenen, gefeierten Stararchitekten interviewen möchte. Der völlig abwesend wirkende Martin gesteht ihm unter vier Augen, dass er sich verliebt hat – in eine Ziege. „Sie schaute mich an, mit diesen Augen....“ beschreibt er seine tiefen Gefühle für „Sylvia“. Das Drama nimmt seinen Lauf als Stevie durch Ross davon erfährt. Verständnislosigkeit schlägt Martin von allen Seiten entgegen. Seine aufrichtige Liebe, in der seine Einsamkeit Erlösung findet, wird auf triebhafte Sodomie reduziert. Der Fantasie der Menschen ausgeliefert, wird „Du verstehst nicht“ zu Martins häufig wiederholter Feststellung. Die erfahrene Kränkung ist für Stevie das zentrale Thema in der Auseinandersetzung, die Beweggründe ihres Mannes versucht sie möglichst zu meiden. Während sie nebenbei das Zimmer verwüstet, mutiert die perfekte Überfrau zur verletzlichen, die abwechselnd souverän, spöttisch, sarkastisch oder auch verzweifelt versucht, ihren Weg durch die Geschehnisse zu finden. Es ist etwas passiert, womit sie nicht gerechnet hat, worauf sie auch gedanklich in keiner Weise vorbereitet ist. Vorwürfe, Aggressionen und gegenseitige Verletzungen prägen den Wortwechsel mit dem 17-jährigen schwulen Sohn Billy, der schließlich in bekennender Zuneigung zueinander endet. Durch einen Kuss auf den Mund brechen sie erneut ein Tabu – ausgerechnet als Ross auftaucht, für den prinzipiell alles erlaubt ist, solange man sich nicht ertappen lässt. Die Ursache der dramatischen Entwicklung hartnäckig ignorierend, bekämpft Stevie schlussendlich das Symptom: Sie tötet Sylvia und präsentiert den Kadaver siegessicher in der ehelichen Wohnung. Nicht zuletzt die durchweg exzellente Besetzung mit dem herausragenden August Zirner als das Leben hinterfragender Martin, Katalin Zsigmondy als betrogene Ehefrau Stevie, Martin Liema als pubertierender Billy und Alexander Duda als der Verlogenheit gesellschaftlicher Normen angepasster Ross, machten den Abend zu einem intensiven, nachhaltigen Theatererlebnis, das mit stürmischem Applaus belohnt wurde.

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