Warum so wenig Politikerinnen?

"Frau Abgeordnete, Sie haben das Wort" widmet sich den Frauen im Landtag

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Barbara Lochbihler (v.l.) war für die Grünen Mitglied im Europaparlament; Gisela Bock, Kreisrätin der FDP, und Heidi Lück, ehemalige Landtagsabgeordnete der SPD, mit der Gleichstellungsbeauftragten Katharina Simon. Bei der Ausstellungs-Eröffnung sprachen sie über ihre Erfahrungen als Frauen in der mehr oder weniger großen Politik.

Kempten – Viel zu kurz, nämlich nur vier Tage, ist die hochinformative Wanderausstellung "Frau Abgeordnete, Sie haben das Wort" – von den beiden Landtagsvizepräsidenten MdL Thomas Gehring und MdL Alexander Hold nach Kempten geholt – in der Schrannenhalle des Rathauses zu sehen. Sie erinnert am passenden Ort an Parlamentarierinnen, die von 1946 bis 2016 im Bayerischen Landtag aktiv waren.

Bei der festlichen Eröffnung war sich Oberbürgermeister Thomas Kiechle mit Thomas Gehring und Alexander Hold im Dialoggespräch einig: „Demokratie ist nur möglich, wenn die Politik von Frauen und Männer in gleichem Maße mitgestaltet wird. Sie funktioniert nur mit den Frauen.“ Die ersten weiblichen Abgeordneten im Bayerischen Landtag waren mutige Pionierinnen und sind Vorbilder, die Frauen motivieren könnten, sich über den familiären Tellerrand hinaus in die institutionelle Politik einzubringen. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Katharina Simon, hatte dazu ernüchternde Zahlen parat: Im Bundestag sind 31 Prozent der Abgeordneten weiblich, so viel, bzw. so wenig wie vor 20 Jahren, auch im aktuellen Kemptener Stadtrat sind Frauen mit 23 Prozent nicht ihrem Bevölkerungsanteil von 51 Prozent entsprechend präsent. An die drei gestandenen und vielfach ausgezeichneten aktiven und ehemaligen Politikerinnen, Heidi Lück (SPD), Gisela Bock (FDP) und Barbara Lochbihler (Grüne) hatte Simon im moderierten Gespräch viele Fragen: Woran liegt es tatsächlich, dass Frauen der Schritt „raus aus dem Elternbeitrat, rein in die Politik“ noch so schwer fällt? Warum werden Frauen nicht gewählt? Wird ihnen keine Führungsrolle zugetraut? Haben sie schlicht zu viele andere Aufgaben und deshalb keine Zeit? „Wir sind nicht zu Selbstbewusstsein erzogen worden“, meinte Lochbihler dazu. „Frauen sind selbstkritischer als Männer und deshalb zögerlicher, wenn es um ein politisches Mandat geht“, war sich Lück sicher. Aus ihrem politischen Nähkästchen plaudernd hatten alle drei die Erfahrung gemacht, dass der Geräuschpegel im Raum ansteigt, wenn eine Frau redet, und Zwischenrufe von Männern als cool gelten, die von Frauen als nervig. Und weshalb kamen an diesem Abend Rosen dreifach zum Einsatz? Einmal im Knef-Song „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, das Mia Weirich, von Professor Herbert Wiedemann am Klavier begleitet, sehr überzeugend vortrug. Eine einschmeichelnde Melodie mit rebellischer Botschaft! Dann als Zitat aus einem vor nicht allzu langer Zeit noch beliebten Vers im Poesiealbum, mit dem Mädchen zu veilchenhafter Bescheidenheit aufgefordert und ermahnt wurden, nur ja nicht wie eine „stolze Rose“ aufzutreten. Schließlich im von der Festgesellschaft gemeinsam mühsam gesungenen Streikparolen-Lied „Brot und Rosen“, das aus der Gewerkschafts- und Frauenbewegung des frühen vorigen Jahrhunderts stammt. Nur noch heute, Freitag, 31. Mai, ist die Ausstellung bis 17 Uhr geöffnet und am Montag, 3. Juni, von 8 bis 11 Uhr.

Kommentar

Als seit Jahrzehnten privat und politisch für Frauenrechte eintretende ehemalige Stadträtin der Kempt’ner Frauenliste hatte ich an diesem Abend gleich mehrere Dejà-vu-Erlebnisse. Die Themen waren die gleichen wie vor 40 Jahren. An der geschlechtstypischen Sozialisation von Frauen und Männern hat sich seither offenbar nicht viel verändert. Das Wort „Feminismus“ wird öffentlich immer noch ungern in den Mund genommen. Klingt in traditionellen Männer- und Frauenohren wohl zu selbstbewusst. Einzig die Grüne Barbara Lochbihler forderte eine explizit feministische Politik, gemacht von Männern und Frauen. Auch die aus Brezenteig gebackenen Frauenzeichen, die am Ende des Abends freundlich herumgereicht wurden, kamen mir bekannt vor. Meinen Einstieg in den Stadtrat anno 1990 habe ich auf die gleiche Weise markiert. Diese Geste wurde damals nicht sehr goutiert, eher mit Befremden registriert. Ebenfalls in der ersten Sitzung des neu konstituierten Stadtrats 1990 hing von Geisterhand angebracht jedem zweiten Sessel ein Schild mit dem Satz „Dieser Sitz gehört einer Frau“. Eigentlich deprimierend, dass sich seither nicht viel verändert hat … 

Elisabeth Brock

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