Mit Wasserstoff ins "Dschungelcamp"

Die Liberalen blicken am politischen Aschermittwoch mit bissigem Humor auf die Kommunalpolitik

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Landratskandidat Michael Käser verglich das Rennen um den Sessel im Landratsamt mit einer „Staffel des Dschungelcamps“.

Kempten/Oberallgäu – Ohne Seitenhiebe kam der politische Aschermittwoch der FDP Kreisverbände Kempten und Oberallgäu natürlich nicht aus. Im Meckatzer Bräu-Engel nahmen die Stadträte Ullrich Kremser und Dr. Dominik Spitzer, MdL, die aktuelle Stadtpolitik vor rund 60 Zuhörern aufs Korn. OB-Kandidatin Gabriela Büssemaker gab preis, welche vor allem OB „Tommy“ Kiechle kritischen Tagräume sie auch durch die Nächte des Wahlkampfs begleiten; und Landratskandidat Michael Käser untermalte seine satirisch verpackten Beobachtungen des Rennens um den Chefsessel im Landratsamt mit witzig-boshaften Bildcollagen. Zum krönenden Abschluss gab es auch diesmal einen Kurzfilm der Jungen Liberalen, der sich nicht weniger bissig mit den politischen Gegnern im Kommunalwahlkampf beschäftigte und einmal mehr eine von Daniela Busses köstlichen Angela Merkel-Parodien zeigte.

Ohne „Schamesröte“, schoss Kremser gegen das konservative Lager, sei das Thema Wasserstoff von der CSU einfach „kassiert worden“ und „wir werden gar nicht mehr erwähnt“. Dabei sei es Anton Sommer, Schatzmeister des FDP-Kreisverbands Oberallgäu, gewesen, der vor rund zwei Jahren das Thema Wasserstoffzüge im Allgäu vorangetrieben und entsprechende Anträge gestellt habe. „Wir könnten schon viel weiter sein“ spielte Spitzer den Ball weiter, und „könnten heute schon Wasserstoffbusse und Tankstellen haben“. Stattdessen lasse man andere, wie Kaufbeuren, „aus parteipolitischen Gründen“ Vorreiter sein. 

Noch nicht verdaut hat Kremser auch den von ihm schon öfter als „Stadt-Steinpark“ titulierten Stadtpark. Mittlerweile seien an diesem „gewissen Platz“ Schilder „Parkanlage“ angebracht worden, „weil es weiß sonst keiner“, meinte er spöttisch. Den FDP-Vorschlag für eine Stadtbibliothek im Hofgarten hielt er nach wie vor für „den Besten“. „Synergismen“ und „Win-Win-Situationen“ sehen die beiden FDPler in der von ihnen vorgeschlagenen Alternative für den Wohnmobil-Stellplatz am Engelhaldepark, der abgesehen davon nach 30 Jahren einer Sanierung bedürfe. Bezüglich der FDP-Forderung Schülertickets im Rahmen des Mobilitätskonzeptes „kostenfrei“ anzubieten, sah Spitzer das Problem weniger bei den Kosten, „sondern der Umsetzung“. Dass die Stadt in den letzten Jahren von 63.000 auf 71.000 Einwohner gewachsen ist, sei „eine Entwicklung, die die Stadt verschlafen hat“. Aber „wir“, und damit meine er „alle Fraktionen“, wie Spitzer betonte, „haben die Stadt ein gutes Stück weiter gebracht“, was er so nach den Wahlen „gefährdet“ sehe. Deshalb sei es wichtig, „dass wir die bürgerliche Mitte behalten“ und „keinen Rand“ zulassen. „Wir machen hier Politik in Kempten und nicht in Thüringen“, wies Kremser auf die Verlautbarung der FDP hin, dass „wir mit der rechten Klientel nichts am Hut haben“. 

"Tommy, can you hear me?"

Für ihre Kandidatur seien zwei Songs ausschlaggebend gewesen, eröffnete Büssemaker ihren Traumtanz. Das eine, „Tommy, can you hear me“ von The Who, und das andere „Gabi wartet im Park“ von Udo Jürgens. „Tommy Kiechle wollte mich nicht hören und Gaby hatte keine Lust mehr zu warten, im Park“, der in Kempten „eine Betonwüste“ sei. Geträumt habe sie auch von einem Stadtrat, „der sich deutlich verjüngt hat“ und in dem „sachlich und diszipliniert diskutiert wird“; von einem Stadtoberhaupt, „das in der Lage ist, Sitzungen stilgerecht zu eröffnen, den Geburtstagskindern nachträglich zu gratulieren, die Beschlussfähigkeit festzustellen sowie Presse und Zuschauer freundlich zu begrüßen“; und von einem Stadtoberhaupt, „das nicht nur desinteressiert an der Meinung anderer moderiert und verwaltet, sondern entscheidet und die Stadt mit Impulsen voranbringt“. 

Sie habe davon geträumt, dass Kempten nicht immer nur „als Leuchtturm benannt wird“ sondern tatsächlich Vorreiter sei, u.a. beim ÖPNV, bei Radwegen oder der Ansiedlungspolitik. Auch der „Ricola-Effekt“ hat Büssemaker in ihren Tagträumen umgetrieben: „Ihr wisst schon: Wer hat’s erfunden?“. Und da „die Erfindung mit wasserstoffbetriebenen Zügen“ bei der FDP liege und nicht bei der CSU, war sie auch der Meinung „Erfindungen sollten beim Erfinder bleiben“. Gleiches beanspruchte sie für „die Erfindung“, alle Vorlagen im Stadtrat nach Umweltgedanken zu prüfen, die nicht von der SPD stamme. Auch die von der CSU-Stadtratsfraktion gewünschte Seilbahn schwebte durch ihre Tagträume – in den erforderlichen „60 Metern Höhe – höher als die Skylounge“.

Eine "Staffel des Dschungelcamps" 

Mit einer „Staffel des Dschungelcamps“ verglich Michael Käser das „Rennen um den Chefsessel im Landratsamt“, mit lauter mehr oder weniger bekannten Leuten, die „einer mehr als der andere“ um die Aufmerksamkeit der Wähler buhlen. Genüsslich nahm er die „verschiedensten Gattungen von Stereotypen“ ins Visier.

"Generöser Platzhirsch"

Einmal den „generösen Platzhirsch“ Alfons Hörmann, der seine Kandidatur für die CSU als „Ehrensache“ betrachte und dies auch auf jedem Plakat kundtue. Aus Sicht Käsers ist „Ehrensache“ allerdings eher etwas, „was man nicht unbedingt gerne macht, sich jedoch nichts vorwerfen lassen möchte, indem man ablehnt“. Er stellte sich das Bewerbungsverfahren vor: Da habe der Kreuzer beim Hörmann angerufen und gesagt: „Griaß di Alfons! Du, du musch den Landrat fürs Oberallgäu machen. Der Beißwenger hat’s it im Kreuz, der Ried Alois kommt it von seinem Berg nap und der Kaiser hat auch keinen Bock mehr.“ Da der mögliche neue Job für Hörmann „höchstwahrscheinlich ein finanzielles Downgrade“ bedeute, sei es auch verständlich, dass er seine Tätigkeit als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes „nicht für so eine Nebentätigkeit ruhen lassen will“. Käser hoffte, dass Hörmann im Falle seiner Wahl und aufgrund seiner Affinität zum Sport, die Paralympics ins Oberallgäu holen werde – sollten bis dahin auch die Bahnhöfe barrierefrei sein. 

Der "Schlagerbarde"

Beim Auftreten des „extrovertierten“, schlagersingenden „Shootingstars“ Peter Rist „könnte man meinen, Hansi Hinterseer hätte die Kommunalpolitik für sich entdeckt“, stellte Käser die sich in der Tat sehr ähnelnden Konterfeis der Schlagerbarden nebeneinander. Aber hinter der sich „emotional, traditionsbewusst“ und „heimattümelnden“ Fassade verberge sich „ein Taktiker, der keine Chance verpasst, das Rampenlicht der Politbühne zu entern“. Bei allen Parteien –„außer der AfD“ – habe Rist um Unterstützung gebeten, und nachdem ihn keine aufgestellt habe, „eine Ansammlung von Groupies um sich geschart“ und das Überparteiliche BürgerBündnis Oberallgäu gegründet. 

Die gefürchtete "Domina"

Freie Wähler-Kandidatin Indra Baier-Müller schilderte Käser wiederum als „ganz anderen Charakter“. Sie gelte als „knallharte und toughe Businessfrau, die keine Konfrontation scheut“ und sei als Chefin bei der Diakonie gefürchtet, bekamen die Zuhörer die Bildunterschrift zu einer Collage mit Baier-Müller als Domina – „Hart. Härter.Indra.“ – geliefert. 

Der "Streber"

Die Rolle des laut Käser in einer Gruppe unvermeidlichen „Strebers und Besserwissers“ wies er dem SPD-Kandidaten Markus Kubatschka zu. In „geradezu ausschöpfenden Monologen“ kläre er über die Funktionsweise von Brennstoffzellen auf. Sein Traum seien die „Allgäuer Wasserstoff Werke“ – aber „war da nicht auch was in unserem Wahlprogramm?“, schmunzelte Käser darüber, dass der SPD-Mann ja vielleicht bei der FDP „abgeschrieben“ habe, was bei einem Lehrer natürlich „besonders zynisch“ sei. 

Grüne "Dauergrinserin"

Auch „notorisch gut gelaunte Menschen“ gebe es in jeder Gruppe, hatte Käser „Dauergrinserin“ Christina Mader von den Grünen dafür ausgemacht, die durch den linken Zeitgeist „auf einer Wolke der Euphorie“ getragen werde. In Fragen der Ökologie und des Klimaschutzes gebe sie sich „stets kämpferisch, wenn nicht sogar verbissen“ und führe „einen Kulturkampf gegen das Auto“. Die Grünen stünden, so Käser, aber auch „auf Kriegsfuß“ mit der Digitalisierung“. Unter anderem wolle Mader Funklöcher im Oberallgäu mit dem „radikalen Ausbau von Glasfaser“ schließen, was in etwa so hilfreich sei, „wie wenn ich mich bei einem grauen Star einer Darmspiegelung unterziehe“. 

Dschungelcamp-"Diva"

Um die Umwelt „nicht weniger radikal bemüht“ sei die „Diva“ des Kandidaten-Dschungelcamps Hubert Müller von der ÖDP, der bei seinem Hauptthema, der Rettung des Grünten, „oft beleidigt und bitter“ wirke. Allerdings habe er in diesem Kampf ein „Authentizitätsproblem“, da er vor einigen Jahren noch das Grüntenprojekt des Schweizer Investors Wallimann verteidigt habe, nun aber ebenso „inbrünstig“ das Projekt der Familie Hagenauer zu vereiteln suche.

Das konzeptlose "Irrlicht" 

Und zu guter Letzt gebe es da noch „den Außenseiter, mit dem niemand so recht etwas anfangen kann oder zu tun haben will“, wandte sich Käser dem AfD-Kandidaten Uwe Schweizer zu. Der „irrlichtert“ durch diesen Wahlkampf, „ohne Konzept, ohne Programm, ohne Kopf“. Sein Mitleid halte sich dennoch in Grenzen, da sich Schweizer zwar von der AfD abgrenze, sich aber „wohlwollend hofieren und instrumentalisieren“ lasse. „Wer sich zum Handlanger der Rechten machen lässt, der begibt sich in eine Mittäterschaft bei der Spaltung unserer Gesellschaft“, was er Schweizer „nicht durchgehen“ lasse, auch wenn er ihn nicht für einen Rechtsextremen halte. 

Welchen Stereotyp Käser selbst verkörpert, überließ er mit einem Lächeln der Vorstellungskraft des Publikums.

Christine Tröger

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