Wechselhafte Geschichte

Beim Rundgang über die Burghalde gab es am Tag des offenen Denkmals viel Interessantes zu deren Geschichte von Roger Mayrock, Leiter des Burgenmuseums, zu erfahren. Foto: Tröger

„Romantik, Realismus, Revolution – Das 19. Jahrhundert“ standen im Fokus am Tag des offenen Denkmals am Sonntag. Mit großem ehrenamtlichen Einsatz war in Kempten ein gut ineinandergreifendes Programm zur Stadtgeschichte geboten, das trotz des verlockenden Bergwetters auf großes Interesse stieß. Zu erfahren gab es in Ausstellungen, Vorträgen und Führungen reichlich, angefangen bei der Wiederentdeckung der Römer über die Geschichte des Kemptener Stadtparks bis zu Bausünden des 19. Jahrhunderts.

Führungen an ausgewählten Punkten der Kemptener Stadtmauer beschäftigten sich mit den baulichen Modernisierungsbestrebungen unserer Ahnen, die auch damals schon umstritten gewesen seien, wie Heimatpflegerin Ingrid Müller versicherte. Neben Birgit Kata hatte sie eine der Touren zum Thema „Eine Stadt wird umgebaut: Kemptens Altstadt im 19. Jahrhundert“ übernommen. „Es ist unglaublich, was da abgerissen worden ist“, stimmte sie die Gruppe ein. „Da stellt es Ihnen die Haare zu Berge“. Es sei übrigens ein Märchen, dass die Stadttore wegen des zunehmenden Autoverkehrs abgebrochen worden seien, meinte sie am Ort des ehemaligen Klostertores. „Es wurde 1811 abgerissen. Wie viele Autos hat es da gegeben?“ Viele alte Ansichten im Gepäck, zeigte Müller mit dem Abbruch der Stadtfestung ab 1808 verschwundene Gebäude wie Straßenführungen, darunter bekannte Bauten wie Waisen- oder Klostertor, aber auch unbekannte wie den Diebesturm oder das Schützenschießhaus. Am Ende des Rundgangs, im Beginenhaus, konnte man sich in der Ausstellung „Kempten im 19. Jahrhundert – Zeichnungen und Aquarelle des Kemptener Kunstmalers Joseph Buck“ die „verlorene“ alte Zeit noch einmal bildlich zu Gemüte führen. Eine wechselhafte Geschichte von römischer Besiedelung über anno 1705 dort stationierten französischen Truppen bis heute durchlief ebenso die Burghalde, wie Roger Mayrock, Leiter des dort beheimateten Burgenmuseums, vermittelte. Eigentlich sei die Burghalde im 19. Jahrhundert „eine Ruine gewesen“, der sich namhafte Kemptener Bürger angenommen und 1868 einen Verein gegründet hätten – der Beginn der Umgestaltung „zum ersten Bürgerpark Kemptens“. Das Wärterhaus stamme nicht aus dem Mittelalter, sondern sei 1870 im neogotischen Stil, ruinenartig gestaltet mit Flachdach, erbaut worden. Wohl habe sich dann das Dach als unpraktisch erwiesen, sodass 1889 der Holzaufbau mit dem heutigen Dach entstanden sei – begleitet vom Spott der Bürger, die es „als scheußlich empfunden haben“. Die dort untergebrachte Gastronomie für ausschließlich Vereinsmitglieder sei „ideal zur Mitgliedergewinnung gewesen“, schmunzelte Mayrock. Vieles, wie der Bau mehrerer Pavillons, sei allerdings wegen Geldmangels gar nicht verwirklicht worden. Dennoch seien Bäume gepflanzt und heute nur noch teilweise vorhandene Wege angelegt worden. Ziel wilder Spekulationen sei immer wieder der einst 30 Meter tiefe und damit bis zur Iller reichende Brunnen im Bühnenbereich. Vermutlich stamme er aus dem 16. Jahrhundert, einer Zeit, in der die Burghalde nur noch „Rückzugserweiterung“ gewesen sei. Wo heute die Toilettenhäuschen stehen, sei früher ein „Aussichtshügel aufgeschüttet“ gewesen. Mayrock merkte an, dass manche Inschriften der alten Tafeln auf der Burghalde nicht ganz den Tatsachen entsprächen und räumte mit einem Irrglauben auf: „Es gibt bis heute nicht den geringsten Hinweis darauf, dass hier eine keltische Burg war“.

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