Von wegen Methusalem-Komplott

Dr. Henning Scherf signiert nach dem Vortrag im Kornhaus seine Bücher. Foto: Kampfrath

„Riesenschritt“, „Riesenchance“, „Riesenbereich“: Der über zwei Meter große Dr. Henning Scherf (SPD) denkt und handelt groß, was sich schon an seiner Wortwahl zeigt. Am Dienstagabend vergangener Woche konnten sich die Zuhörer davon im vollen Großen Kornhaussaal überzeugen. Der ehemalige Bürgermeister und Senatspräsident der Hansestadt Bremer sprach zu dem Thema: „Grau ist bunt: Was im Alter möglich ist.“

Das gleichnamige Buch, das 2007 erschienen war, hielten manche im Publikum in ihren Händen. Scherf hatte es als Antwort auf Frank Schirrmachers Werk „Das Methusalem-Komplott“ geschrieben. Während der Mitherausgeber der FAZ eine überaus pessimistische Sicht hat, sieht Scherf im demografischen Wandel eine „Riesenchance“. Und der bald 73-Jährige steht voll hinter seinen Thesen, wie an diesem Abend deutlich wurde. Schon vor seinem Vortrag geht der Norddeutsche durch jede Stuhlreihe und begrüßt nahezu alle Anwesenden per Handschlag. Dabei schaut er seinem Gegenüber tief in die Augen, mit seiner gesamten Mimik und Gestik wirkt er überaus sympathisch. Trotz seiner offensichtlichen Beliebtheit bleibt er bescheiden; trotz seines mitreißenden Humors ist er sich stets der Ernsthaftigkeit der Themen Demenz, Angst vor dem Alleinsein im Alter und Sterben bewusst. Mit Sätzen wie „Ich bin geübter Opa“ oder „Meine Frau weiß, dass ich ein Typ bin, der unglücklich wäre, wenn man ihm den Mund verbieten würde“, beschreibt er sich selbst durchaus treffend. „Sie sind die Herren von der CSU, nehme ich mal an“, sagt er gleich am Beginn zu seinen Vorrednern, dem Oberallgäuer Landrat Gebhard Kaiser, und Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Letzterer ist neben dem Kemptener Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer (CSU) ebenfalls Schirmherr der diesjährigen „Tage der seelischen Gesundheit“, die mit Scherfs Vortrag starteten. Die Alzheimer Gesellschaft Allgäu, die den Abend veranstaltete, hatte den charismatischen Bremer nach Kempten geholt. Irgendwie anders Von seinen Vorrednern unterscheidet sich Scherf auch dadurch, dass er nicht auf die Bühne steigt. Mit dem Mikrofon in der Hand steht er direkt vor der ersten Reihe und läuft oftmals hin und her. Auf seine Heimat Bremen und das Erreichte ist er stolz: „Wir haben seit 25 Jahren die ‚Blaumeisen‘ bei uns. Das ist eine Gruppe von Therapieerfahrenen, die Theater spielen. Die Karten für ihre Vorstellungen sind lange im Voraus ausverkauft.“ Scherf plaudert gern aus dem Nähkästchen: „Wir haben als Kinder gehört, dass die Bibelgeschichten entstanden seien, weil die damals allzu lange in der Sonne gesessen haben.“ Er habe das lange Zeit nicht geglaubt – bis er einem Mann mit einer seelischen Erkrankung begegnet sei. "Tragfähiges Konzept" Scherf, der sich sehr in der evangelischen Kirche engagiert, ist auch Präsident des Deutschen Chorverbands. „Von den Mitgliederzahlen dort können Union und SPD nur träumen.“ Sein Lieblingslied sei „Geh aus mein Herz und suche Freud.“ Er selbst könne den Text von vier Strophen des Kirchenlieds auswendig singen. „Aber meine älteren Mitsänger kennen zum Teil Strophen auswendig, die gar nicht im Gesangbuch stehen“, meinte der 72-Jährige. Scherf möchte nach eigenen Worten mit Leuten zu tun haben, die ihn integrieren. Ein Stück seines Lebens auch im Alter zur Verfügung zu stellen und nicht nur „vor der Glotze zu sitzen“, sei ein „tragfähiges Konzept“. Scherf selbst lebt mit seiner Frau Luise in einer Bremer Hausgemeinschaft, die er als Wohngemeinschaft bezeichnet. Denn auch er sei auf Hilfe angewiesen, wenn es mit seiner Gesundheit bergab ginge. „Wenn meine Frau und ich zu Pflegefällen würden, müssten wir Sozialhilfe beantragen.“ Es sei wichtig, einen Mittelweg zu finden zwischen dem Alleinsein im Alter und dem Leben in einem viel zu großen Seniorenheim. „Größere Einrichtungen haben im Schnitt einen Leerstand von 20 Prozent, während sich die kleineren dagegen vor Anfragen kaum retten können“, erklärt der Jurist aus der Hansestadt .

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