Alle Jahre wieder schön

Frank Müller, die St.-Mang-Kantorei und das Collegium Musicum spielen Weihnachtsoratorium

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Kempten – Der Erfinder der Noten, die am vergangenen Sonntag in der St.-Mang-Kirche erklangen, wäre zu seiner Zeit nie auf die Idee gekommen, die adventliche Ruhe durch die Aufführung einer so prächtigen und festlichen Musik zu stören.

In der Zeit des Pietismus, in der das Stück geschrieben wurde, nämlich 1734, war die Adventszeit der stillen Andacht und der Einstimmung auf Jesu Geburt vorbehalten. Das Weihnachtsoratorium sollte den Gläubigen dann mit Pauken und Trompeten umso lauter und eindrucksvoller nach der Zeit der Besinnung zu Gehör bringen, dass jetzt Gottes Sohn geboren sei. Aber die Vorstellung von Andacht und Ruhe hat sich durch die Jahrhunderte genauso gewandelt wie der Begriff von Frömmigkeit.

In unserer hektischen und lärmenden Welt dient gerade das vorweihnachtliche Anhören eines solchen, wiewohl von zahlreichen Musikern dargebrachten nicht eben leisen Konzerts innerhalb eines Kirchenraums als Möglichkeit, zur inneren Einkehr zu gelangen. Vielleicht ist genau deshalb das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach eines seiner beliebtesten und meistgespielten Werke und wird mit Vorliebe in der Zeit vor Weihnachten dargeboten. Und es sind in unseren säkularen Zeiten natürlich beileibe nicht mehr nur die frommen Christenmenschen, die kommen um zuzuhören. In jedem Fall sind es Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts, die sich auf den mit Worten kaum fassbaren Zauber dieser Musik einlassen wollen. Die sechs Teile des Oratoriums waren von Bach für sechs bestimmte Tage nach Heiligabend beginnend am Ersten Weihnachtsfeiertag zur Aufführung vorgesehen. Da kein durchgehender Bibeltext zugrunde liegt, der durch Chöre, Choräle und Arien illustriert und vertont wird, ist es eigentlich kein Oratorium im strengen Sinne. Eher handelt es sich um eine Kommentierung und eine Reflexion über die biblische Erzählung von der Geburt Christi in der musikalischen Form von sechs Kantaten.

Heute ist es üblich geworden, jeweils drei Teile des Gesamtstücks in einem Konzert zusammenzufassen. Kirchenmusikdirektor Frank Müller hat die ersten drei Teile des Oratoriums mit seinen Musikern einstudiert, und es ist ihm gelungen, gerade diesen oben erwähnten überkonfessionellen Zauber der Bachschen Musik herauszuarbeiten. Der Klangkörper, den er zur Verfügung hatte, bot die Möglichkeit für eine sehr zeitgemäße und schlanke Interpretation des Stücks. So kam mit dem sparsam besetzten Orchester der Gedanke an historisierende Aufführungspraktiken gar nicht erst auf, statt Barocktrompete und Oboe da Caccia wurden die besser spielbare Bachtrompete und das Englischhorn unserer Zeit eingesetzt.

Der große Chor der Kantorei der St.-Mang-Kirche stand am hinteren Ende des langen Kirchenraums, das kleine Orchester davor und ganz vorne am Publikum die Solosänger, was ein sehr gutes Verschmelzen der vielen Klangstimmen ergab. Vielleicht fehlte aber gerade durch die Größe des Raums etwas die von anderen Aufführungen gewohnte Wucht der Anfangs- und Schlusschöre, zum Beispiel beim einführenden „Jauchzet, frohlocket“. Mit der Akustik des Kircheninneren hing vermutlich auch zusammen, dass die vierstimmigen Sätze des engagiert singenden Chors etwas höhenbetont herüberkamen. Von den Solostimmen gefielen am besten der sichere und ausdrucksstarke Bass von Andreas Scheibner und die schön ausgewogene Altstimme Isabelle Stettlers, die natürlich davon profitierte, vom Komponisten entsprechend seinem musikalischen Programm viel stärker bedient zu werden als die Sopranstimme. Bei „Schlafe, mein Liebster“ im zweiten Teil fehlte Stettler bei den langen Tönen etwas die Durchsetzungskraft gegenüber den Instrumenten, was aber beim geschmeidig gesungenen „Schließe, mein Herze“ im dritten Teil wettgemacht wurde. Susanne Schütz an der Solovioline war hier die gleichwertige Mitspielerin.

Insgesamt hörte man trotz der ständigen Wechsel von Chören, Rezitativen und Arien eine klanglich sehr homogene Interpretation des Werks. Frank Müller am Pult hatte seine Musiker gut im Griff, sein Dirigat strahlte die Ruhe und Entschlossenheit eines Menschen aus, der seine Hauptarbeit geleistet hatte und nun die Früchte seiner Mühen erntete. Am Ende (und nach einem Glockengeläut) entließ ein gelungenes Konzert sein frohgestimmtes Publikum in die Kälte und Dunkelheit des Winters und vielleicht in den Trubel des nahen Weihnachtsmarktes.

Jürgen Kus

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