Kurze Wege - weniger Stress - bessere Qualität

Weitnauer Kälber schmecken besser: Neue Initiative für tiergerechte Haltung und Schlachtung 

Stefanie Fink und Verena Graber an einer Stalltür
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Stefanie Fink (li.) und Verena Graber hatten die Idee für die Initiative „Weitnauer Kalb“: „Das läuft super!“

Weitnau – Eine Fernseh-Doku im ZDF gab den Anstoß: Ende Februar saß Stefanie Fink vor dem Bildschirm und sah die unglaublichen Transportwege, auf denen deutsche Kälber kreuz und quer durch Europa gekarrt werden. Ein riesiger Stress für die jungen Tiere, der keine Rücksicht auf ihre Gesundheit und auf die Qualität ihres Fleisches nimmt. „Da hab ich mir vorgenommen, etwas dagegen zu tun,“ sagt die junge Mutter.

Zusammen mit Verena Graber hat sie die Initiative „Weitnauer Kalb“ ergriffen, die die lokale tiergerechte Haltung und Schlachtung organisiert und der Fleischqualität in Weitnau zu einer neuen Dimension verhilft.

Kurze Wege – weniger Stress – bessere Qualität

Die beiden Weitnauerinnen sind selbst verblüfft: „Unsere Idee kommt richtig gut an, die Verbraucher finden es klasse, die Bauern sind sehr angetan!“ Statt die Kälber in riesigen Viehtransportern tagelang durch halb Europa zu karren, mit dem Schiff in den Nahen Osten zu bringen und dort unter zweifelhaften Bedingungen bis zur Schlachtreife zu mästen, dürfen die „Weitnauer Kälber“ solange wie möglich auf den saftigen Weiden zwischen Sonneck und Hauchenberg grasen. Ihr letzter Weg zur Schlachtbank ist kurz: die Tiere werden im Schlachthaus Seltmans getötet und zerlegt, gerade mal ein paar Minuten vom heimatlichen Stall entfernt. „Das erspart den Tieren eine Menge Stress“, freut sich Bernhard Mayer, der ortsansässige Metzgermeister. Weniger Stress bedeutet weniger Stresshormone im Blut und dadurch deutlich bessere Fleischqualität. „Das sehen Sie sofort in der Pfanne“, erklärt Mayer.

Andere Einstellung zum Fleisch

Als Stefanie Fink und Verena Graber ihn wegen einer möglichen Zusammenarbeit ansprachen, sagte er sofort zu. Das Konzept heimatnaher Tierzucht und Verarbeitung überzeugte Mayer. Heute sind die Auslagen in seiner stark frequentierten Metzgerei vollgepackt mit Produkten, die die Bezeichnung „Weitnauer Kalb“ tragen: Schnitzel, Hackfleisch, Braten, Steak, auch Bratund Weißwürste. Die Kundschaft goutiert dieses Angebot. Sie weiß, woher das Fleisch kommt, das macht ein gutes Gefühl. „Manchmal hat man beim Spazierengehen oben in Engelhirsch oder unten in Gerholz das Kalb noch auf der Weide gesehen, sogar eine Art Beziehung zum Tier entwickelt“, berichtet Mayer, da habe man beim Fleischverzehr eine ganz andere Einstellung als im Supermarkt. Weitnauer Bürger könnten so richtig gutes Kalbfleisch, passend für die jeweilige Haushaltsgröße einkaufen und unterstützen damit regionale Unternehmen, tiergerechte Aufzucht und nachhaltige Bezugswege.

Weitnauer Kalb auch bald anderswo?

Für die beiden Initiatorinnen ist es wichtig, auch die Nachhaltigkeit zu fördern. Stefanie Fink. „Durch kurze Wege entsteht ein geringerer CO2-Ausstoß, die Wertschöpfung bleibt im Ort und alle Beteiligten werden ein Stück unabhängiger von Großhandel und weltweiten Lieferketten.“ Das freut auch den Weitnauer Bürgermeister Florian Schmid. „Solche Ideen unterstützen wir gern“, sagt er. Das „Weitnauer Kalb“ bekommt Fördergelder und plant weitere Gemeinden in das Konzept aufzunehmen. „Überall, wo viele Kälber aufgezogen werden, wo es eine ortsnahe Schlachtung und einen ansässigen Metzger gibt“, erklärt Graber, „dort werden wir mit den Protagonisten reden“. Interessenten gibt es wohl schon.

Rezepte auf der Homepage

Das Oberallgäu mit seinen aufgrund der Milchwirtschaft vielen Kälbern eignet sich besonders gut für diese Pläne, wissen Fink und Graber. Seit Beginn ihrer Arbeit im späten Frühjahr konnten bereits mehrere Weitnauer Kälber vor der tierquälerischen Reise ins Unbekannte bewahrt werden. Sie landeten in den Töpfen und Pfannen einheimischer Familien „Natürlich ist Kalbfleisch aus Weitnau etwas teurer“, räumt Metzger Mayer ein, „dafür ist die Qualität eindeutig besser“. Um die BürgerInnen für das neue Projekt zu sensibilisieren, bringen Stefanie und Verena immer neue Rezepte heraus, die auf ihrer Homepage www.weitnauer-kalb.de zum Nachkochen animieren. „Das Kalbskotelett mit karamelisiertem Brokkoli und Zwiebeln mache ich mir am liebsten“, lacht Stefanie. Ein entsprechendes Rezeptbuch ist bereits angedacht. Den WeitnauerInnen scheinen ihre Kälber immer besser zu schmecken. „Durch Corona kochen die Leute verstärkt zuhause, die Gasthäuser sind ja geschlossen“, beobachtet Mayer, „und jetzt zu Weihnachten geht das Kalbsfleisch aus unserem Tal besonders gut weg“.

Lutz Bäucker

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