Sich und andere einschätzen lernen

Karrierecoaching: Zehnte Klasse der Mittelschule bei der Hofmühle erlernt Kernkompetenzen

+
Die Siegergruppe mit (v.l.) Sascha, Annika, Michelle und Melanie mit ihrer „Ei-Konstruktion“.

Kempten – In sechs Kleingruppen aufgeteilt sitzen die 24 Schülerinnen und Schüler der 10aM der Mittelschule bei der Hofmühle im Veranstaltungsraum des Stadtjugendrings in der Bäckerstraße.

Vor ihnen auf dem Tisch liegen 25 Strohhalme, ein Meter Tesafilm, eine Schere, ein Bleistift, ein Bogen DIN-A4-Papier und ein rohes Ei. Die Aufgabe: In einer dreiviertel Stunde soll um das Ei eine Konstruktion gebaut werden, sodass das Ei aus 2,50 Metern Höhe fallen kann, ohne zu zerbrechen. Dabei darf bis auf die Schere alles verbaut werden.

Diese Aktion ist Teil des professionellen Karrierecoachings unter der Leitung von Klassenlehrerin Michaela Baumüller und Sabine Fixmer, systematische Supervisorin, freiberuflicher Coach und Teamberaterin. „Sieht man die veränderte Lebenswelt der Jugendlichen und denkt nun 20 Jahre in die Zukunft, wird klar, dass die jungen Menschen in eine neue Lebenswelt schreiten werden. Roboter und andere Technologien verändern unser Leben und auch die Berufswelt. Das Karrierecoaching der 10aM ist ein Baustein, diesem entgegenzutreten und unsere jungen Menschen auf die Anforderungen der Zukunft vorzubereiten“, erklärt Baumüller. Das Karrierecoaching soll fünf Kernkompetenzen für die spätere Lebensführung und den beruflichen Werdegang vermitteln: Team- und Organisationsfähigkeit, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit sowie Belastbarkeit, wie Fixmer erläutert.

Insgesamt neun Termine umfasst das Karrierecoaching für die 10aM der Mittelschule bei der Hofmühle. Die Aktion mit dem Ei war der vorletzte Termin. Bei den anderen mussten die Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren zum Beispiel einmal in der Stadt ein Foto machen, auf dem alle Gruppenmitglieder, drei Männer, drei Frauen, drei Kinder, ein Kinderwagen, ein Fahrrad und ein Hund zu sehen sind. Obwohl sich die Jugendlichen zuvor selbst als „spontan“ bezeichnet hatten, fiel diese Aufgabe einigen nicht leicht. Zum Abschluss der Kooperation zwischen der Schule und Fixmer erhält jeder Schüler ein Einzelcoaching.

Bei allen Aktionen wurden die Gruppen willkürlich eingeteilt, sodass sich die Jugendlichen immer wieder auf neue Teammitglieder einstellen mussten. Bewusst wurden auch Räumlichkeiten in einer schulfreien Atmosphäre gewählt. Zum Abschluss jeder Aktion mussten die Schülerinnen und Schüler aufschreiben, welche der fünf Kernkompetenzen sie in ihrem Handeln erkennen konnten: „Wie habe ich mich verhalten, wie habe ich mich eingebracht, wie haben sich die anderen verhalten?“ „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen lernen, sich und andere einzuschätzen“, so Fixmer. Reflexion, Selbstreflexion und Fremdreflexion waren Kernpunkte der Arbeitstage. „Am Anfang waren viele Schüler damit überfordert, andere zu bewerten und explizit ein Feedback zu geben“, beschreibt Fixmer.

Mit dem Karrierecoaching schlägt die Mittelschule bei der Hofmühle einen neuen Weg ein und nimmt damit die Herausforderung der sich verändernden jungen Gesellschaft „zukunftsträchtig und professionell an“, findet Klassenleiterin Baumüller. „Uns ist wichtig, dass die Mittelschüler in einen positiven Fokus kommen. Sie werden oft unterschätzt“, betont sie.

Rektor Stephan Baumann ist die Berufsorientierung und die Vorbereitung der Schüler auf das Berufsleben ebenso wichtig. Umso mehr freut er sich, dass das Schulprofil der Mittelschule bei der Hofmühle „seinen“ achten Klassen zwei Stunden mehr Berufsorientierung ermöglicht als achten Klassen anderer Mittelschulen. „Von den Wahlpflichtfächern Wirtschaft, Technik und Soziales können unsere Schüler zwei wählen und haben beide jeweils drei Stunden pro Woche. In anderen Mittelschulen ist eines der Fächer à vier Wochenstunden üblich“, erklärt er.

Zurück zur Ei-Aktion: Die Gruppenarbeiten wurden in vier Kategorien bewertet: Wie originell ist der Ei-Name, wie schlüssig ist der Bauplan, wie gut ist die Schutzfunktion und wie originell ist die Konstruktion?

Nacheinander ließ jeweils ein Gruppenmitglied das Ei aus 2,50 Metern Höhe auf den Boden fallen. Trotz unterschiedlichster Konstruktionen und Überlegungen gingen die ersten fünf Eier zu Bruch. Als letztes ließen Sascha, Annika, Michelle und Melanie ihren „König Friedrich der erste und letzte von Kempten“ fallen und obwohl sie beim Basteln noch überzeugt davon waren, dass „das Ei einen frühen Tod erleben wird“, blieb es heil. Die Vier hatten die Strohhalme halbiert und das Ei damit umhüllt.

Melanie Weidle

Auch interessant

Meistgelesen

Video
Parkettböden - Wohngefühl und Lebensqualität
Parkettböden - Wohngefühl und Lebensqualität
Von Müll-Ansammlern und Müll-Verweigerern
Von Müll-Ansammlern und Müll-Verweigerern
Maria Profanter rühmt unsere Denkkraft in ihrer Ausstellung
Maria Profanter rühmt unsere Denkkraft in ihrer Ausstellung
Ankündigung eines Amoklaufs als "unbedachte Äußerung"
Ankündigung eines Amoklaufs als "unbedachte Äußerung"

Kommentare