Angst und Aufbruch

In Wengen diskutieren die Bürger über den Mobilfunk-Ausbau

Wengens Bürgermeister Florian Schmid (li.) und Telekomvertreter Wilhelm Kielmann diskutierten mit rund 50 BürgerInnen in der Dorfhalle.

Weitnau/Wengen – Soll ein neuer Funkturm die Mobilfunk-Malaise im Tal beenden oder bleibt das Dorf weiter im Funkschatten?

Die seit Jahren laufende Diskussion hat jetzt neue Dynamik gewonnen: die Deutsche Telekom möchte unterhalb des Raggenhorns einen neuen Sendemast errichten und damit dem rasant steigenden Datenvolumen gerecht werden. 

Bei einer Bürgersprechstunde am vergangenen Montag traten die unterschiedlichen Meinungen zu diesem Thema klar zutage. Der neue Bürgermeister Florian Schmid (Freie Wählergemeinschaft Wengen-Kleinweiler) konnte rund 50 Bürgerinnen und Bürger aus dem zur Marktgemeinde Weitnau gehörenden Pfarrdorf Wengen begrüssen. Wilhelm Kielmann von der Telekom-Tochter Deutsche Funkturm GmbH präsentierte die Pläne und versuchte, etwaige Ängste und Bedenken hinsichtlich möglicher Gesundheitsschäden durch die Mobilfunkstrahlung zu relativieren. „Licht hat 400.000 mal mehr Energie als Mobilfunk,“ sagte der Physiker und gab zu bedenken: “ Beim derzeit schlechten Empfang im Wengener Tal strahlt ein Handy stärker als ein Sendemast.“

Kielmann berichtete, dass die Telekom schon 2018 eine erste Anfrage an die Besitzerin des künftigen Baugrundes im Bergwald hoch über dem Dorf gerichtet hat: “Leider haben wir damals von der zuständigen Kirchenpfründeverwaltung in Augsburg keine Antwort erhalten.“ Auch der bis 2019 in Wengen amtierende Pfarrer reagierte nicht. Inzwischen läuft die Kommunikation dank der Wengener Kirchenverwaltung besser und die für den Bau von Telekom-Sendeanlagen zuständige Deutsche Funkturm kann ihre Absichten konkretisieren. 

So soll im Bergwald der bisher dort stehende und wetteranfällige Mast abgerissen und durch einen etwa fünf Meter höheren Neubau aus Stahlgitter ersetzt werden. Von dort könnten in einem 180-Grad-Sektor alle Gebäude im Kern des Dorfes mit einer „um 20mal höheren Übertragungskapazität versorgt werden,“ so Funkturm-Vertreter Kielmann. Sogar das berüchtigte Funkloch im Tobel Richtung Schwarzerd verlöre dadurch seinen Schrecken. Andere Netzanbieter und das auch in Wengen aktive Regionalunternehmen Allgäu-DSL sollen durch den Ausbau keine Nachteile erfahren, hieß es auf der Bürgerversammlung in der Dorfhalle zu Wengen. In der lebhaften Diskussion wurden gesundheitliche Bedenken kaum angesprochen, es ging mehr um die tatsächliche Notwendigkeit des Ausbaus. Die Marktgemeinde hat nämlich bayerische und europäische Fördergelder für den Ausbau eines Glasfasernetzes beantragt, eine, so Bürgermeister Schmid,“ sehr zeitraubende und strapaziöse Angelegenheit“. 

Dieses Netz mache eine verstärkte Mobilfunkversorgung überflüssig, mutmaßten einige Bürger. Dem widersprach der Ortsvorsteher: „Der Ausbau dauert mindestens vier bis fünf Jahre,“ meinte Schmid, “unsere Gemeinde benötigt aber zeitnah eine bessere Infrastruktur!“ Nur so könne das wirtschaftliche Potential des Ortes für einen Aufbruch genutzt werden. Die Frage sei doch ganz einfach zu stellen: “Will Wengen einen besseren Mobilfunk haben oder will es das nicht?“ 

Klare Antwort einer anwesenden Gemeinderätin:“ Ich befürworte den Ausbau, denn die Mobilfunkversorgung ist beschämend – nicht nur in Wengen, sondern in ganz Deutschland!“ Weitere Fragen gab es zum genauen Standort des künftigen Telekom-Masten und zu dessen Höhe. Er darf auf keinen Fall von den Wanderern und Ausflüglern auf dem Wenger Egg zu sehen sein, warnte German Sutter, das beeinträchtige den Tourismus auf der vielbesuchten Alpe. Bürgermeister Schmid verwies abschließend noch einmal auf den Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Komfort und den diversen Bedenken und versprach jedwede Transparenz bei der Entscheidungsfindung. Als er um das aktuelle Meinungsbild nach gut zwei Stunden Diskussion bat, hob knapp die Hälfte der Teilnehmer die Hand für den Ausbau der Mobilfunkversorgung in Wengen, ein Drittel votierte dagegen, der Rest hielt sich bedeckt. Die Diskussion um einen neuen Mobilfunksendemast in Wengen soll noch vor Weihnachten in einer weiteren Bürgersprechstunde fortgesetzt werden.Es bleibt spannend, im Tal zwischen Sonneck und Schwarzem Grat. 

Lutz Bäucker

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