Wie ein Jahr ohne Weihnachten und Ostern

Wenger Egg ohne Viehscheid

Almhirten treiben Kühe auf der Straße
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Viehscheid am Wenger Egg

Weitnau/Wengen – Normalerweise wäre am, Samstag, 19. September, der Höhepunkt des Jahres: das ganze Dorf in freudiger Erwartung, Hunderte von Zuschauern dicht gedrängt, links und rechts der extra gesperrten Hauptstraße, die Trachtenmusik in voller Montur.

Ein bisschen Ausnahmezustand in Wengen: es wäre Viehscheid. Normalerweise. Heuer ist wegen Corona nichts normal – die Schumpen laufen nicht auf vier Beinen ins Tal , sondern sie werden im Transporter ihrer Bauern nachhause gefahren. 

Uns fehlt was!

Das größte Fest des Jahres fällt aus. Kein Alpabtrieb, keine Blasmusik , keine frischen Kässpatzen, keine Feier in der Dorfhalle. Das geht sogar German Sutter an die Nieren: “Es fehlt was!“, stellt der Vorsitzende der Wengener Wald- und Weidegenossenschaft betrübt fest.

„Der Viehscheid, das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen, eine jahrzehntelange Tradition für unser Dorf!“ 

German Sutter, Vorsitzender der Wengener Wald- und Weidegenossenschaft
Freuen sich über den schönen Alpsommer: Alphirte Thomas Osterrieder(v.li),German Sutter von der Wald- und Weidegenossenschaft und Alpmeister Andreas Reichart.

Und der Wengener Alpmeister Andreas Reichart ergänzt: „Grad, weil’s bei uns so familiär ist, isches b’sonders schad‘!“ Die Beiden sitzen oben auf der Alpe Wenger Egg mit Thomas Osterrieder zusammen, dem neuen Hirten der nördlichsten offiziell anerkannten Alpe des Allgäus. Thomas kümmert sich seit dem 1. Mai um die Zäune und den Stall und die 127 Schumpen, die am 3. Juni auf die würzig-saftigen Bergwiesen in 1056 Metern Höhe getrieben worden waren. „Mein erster Bergsommer, ein optimaler Sommer, schön warm, keine Unfälle, kein Unwetter und immer genug Wasser!“, bilanziert der junge Hirte aus Ottobeuren, der trotzdem etwas traurig ist: „Grad nach so einem Sommer wäre mein erster Viehscheid das Tüpfelchen auf dem i gewesen.“

Nüchternes Ende

Ist leider nicht so, überall im Allgäu sind der Alpabtrieb und die damit verbundenen Festivitäten abgesagt worden. Die Schumpen (Tiere im Alter von einem bis etwa zweieinhalb Jahren) müssen trotzdem wieder ins Tal und in ihre heimatlichen Ställe gebracht werden. Alpmeister Reichart hat sich in den vergangenen Tagen also ans Telefon gehängt und mit den 14 „Beschlägern“ der Wenger EggAlpe den Abtransport ihrer Tiere besprochen. Einige der Jungtiere w e r d e n bis hinunter nach Blaubeuren verfrachtet, a n d e r e haben es nach Buchenberg g a n z nah. Das Ende des schönen Alpsommers 2020 fällt nüchtern aus: es gibt keine prächtig bekränzten Rindviecher und keine insbesondere für Besucher spannende Verteilung der aufgeregten Tiere. „Wir hocken uns mit den Bauern oben auf der Alpe zusammen und feiern a bissle, das wars“, sagt Sutter, der sich daran erinnert: „Der Viehscheid ist in den vergangenen fünfzig Jahren nur einmal ausgefallen!“ Damals, als das kurvige Mautsträßchen vom Dorf hinauf zu den Bergwiesen frisch asphaltiert worden war, da konnten die Schumpen nicht über den scharfen Rollsplitt getrieben werden.

Sommerfrische für Schumpen

Für Sutter, für die Leute im Dorf ist es keine Frage: „Im nächsten Jahr machen wir wieder richtig Viehscheid, das gehört zu Wengen!“ Doch auch so ist die Schumpen-Sommerfrische auf der Adelegg eine wichtige Angelegenheit : sie bringt Geld in die Kasse der Wald- und Weidegenossenschaft, die hübschen Jungtiere auf grünen Wiesen sind gern gesehene Foto-Motive und ihre immer zu hörenden Schellen „klingen den Touristen wie Musik in den Ohren!“ Das zumindest meint Althirte Michel, der 49 Jahre lang auf dem Wenger Egg das Vieh hütete…

Schoko-Kirsch-Kuchen ist der Hit

Nachfolger Thomas hat sich schnell an das Leben da oben gewöhnt: „Die Ruhe ist wunderbar, ich muß zwar hart ran, bin aber viel ausgeglichener geworden!“ Freundin Mona nickt zustimmend: „Ich freu mich schon auf den nächsten Alpsommer!“ Sie kümmert sich um die zunehmende Zahl von Wanderern und Radlern, die die Alpe als attraktives Ziel ihrer Ausflüge wählen und gern bei hausgemachten Brotzeiten und Kuchen vor der blumengeschmückten Hütte rasten: “Monas Wurstsalat und ihr Schoko-Kirsch-Kuchen sind der Hit!“, schwärmt Thomas. Am vergangenen Sonntag riß die Schlange am Ausgabefenster nicht ab: „Etwa 500 Gäste wollten verköstigt werden, so was haben wir noch nie erlebt!“

Cowboys in der Dämmerung

An diesem Abend ist irgendwann Schluß mit Plaudern am wuchtigen Älpler-Stammtisch: Sutter und Reichart müssen zurück ins Tal und Thomas will vor Einbruch der Dunkelheit seine jungen Schützlinge noch auf eine hüttennahe Weide am Raggenhorn treiben. Die ganze Verwandtschaft hilft mit und schwärmt mit langen Holzstecken in den Händen aus. Unter lauten „hoh,hoh,hoh !“- Rufen und angetrieben vom alpeigenen Quadfahrzeug ziehen die Schumpen bald in einer langen Reihe durch die Allgäuer Dämmerung. Was für ein Bild, die Wengener Cowgirls und Cowboys machen einen tollen Job –auch ohne Viehscheid.

Lutz Bäucker

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