Schüler lernen Leben retten

Wer es lernt, der hilft

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Julian zeigt, wie die Reanimation funktioniert. Wichtig ist, dass der Druckpunkt in der Mitte liegt. Die Puppe macht ein Knackgeräusch, wenn man tief genug drückt. Fünf bis sechs Zentimeter müssen es sein.

„Ihr seid die Zukunft“, sagt Christian Prezioso, Geschäftsführer der Firma globalheart aus Dietmannsried. Mit zwei Kollegen ist der Dozent nach Kempten gekommen, um den Siebtklässlern der Städtischen Realschule zu zeigen, wie sie Bewusstlose in Notfallsituationen reanimieren können.

Gleichmäßig aufgreiht liegen 30 nackte Oberkörper auf dem Klassenzimmerboden verteilt. Anhand der Puppen üben die Schüler, wie sie im Ernstfall Leben retten können. Die Dummys gehören der Firma globalheart, die sie den Schülern für die Zeit des Erste-Hilfe-Unterrichts zur Verfügung stellt.

Zweimal pro Sekunde wird bei einer Herzmassage der Brustkorb gedrückt. Die Schüler üben das zu pushender instrumentaler Musik, um ein Gefühl für den Takt zu bekommen. Und wie lange soll die Herzmassage dauern? „Solange bis Hilfe kommt“, tönt es aus den Reihen der Schüler. Zwölf Minuten am Stück reanimieren die Kinder im Klassenzimmer. „Das ist schon anstrengend“, sagt Elias, „aber es geht.“

Notruf, Rettungskette und die Reanimation stehen heute auf dem Plan. In der neunten Klasse lernen die Schüler dann die Beatmung und ab der zehnten kommt der Defibrilator dazu.

„Sprecht eure Eltern auf das Thema an, gebt ihnen einen Flyer!“, mahnt Prezioso die Schüler. Man merkt, wie sehr ihm das Thema am Herzen liegt. Zu oft habe er schon miterlebt, dass Menschen nicht geholfen haben. Das liege vor allem an Unwissenheit und der Angst, etwas falsch zu machen. Laut der Initiative „einlebenretten“, die vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird, beginnen nur 15 Prozent der Laien vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes mit der Wiederbelebung. In den meisten europäischen Ländern liegt diese Rate deutlich höher. In Schweden und Norwegen machen 60 Prozent der Bevölkerung eine Herzdruckmassage.

Rippen dürfen brechen

Und was ist mit der Hemmschwelle der Schüler? „Bei echten Menschen hat man mehr Berührungsängste“, sagt eine Schülerin, „aber wir wissen ja: weitermachen, selbst wenn die Rippen brechen. Lieber gebrochene Rippen als tot.“ Innerhalb von drei bis fünf Minuten muss gehandelt werden, ansonsten sterben Gehirnzellen ab, auch das haben die Schüler gelernt.

„Es handelt sich hier um Pilotunterricht“, sagt Prezioso. Der Erste-Hilfe-Unterricht ist bisher noch nicht fester Bestandteil des Lehrplans. Die Kultusministerkonferenz der Länder habe 2014 die Empfehlung ausgesprochen, dem Thema ab der siebten Klasse zwei Unterrichtsstunden pro Jahr zu widmen. „Leider fehlt ein verpflichtendes Gesetz und somit auch Geld für die Umsetzung“, fügt Prezioso an. Bayern sei Schlusslicht im Länder-Vergleich. Den Erste-Hilfe-Unterricht schulintern zu organisieren, sei eine zu große Herausforderung für die Schulen. Daher ist das Erst-Helfer-Team mit dem Programm „helfen ist school“ an die Städtische Realschule gekommen. Über den Erste-Hilfe-Kurs der Lehrer und den Erste-Hilfe-Kurs der Zehntklässler ist der Kontakt zwischen Prezioso und der Schule zustande gekommen.

Die Schulpartner haben ihn finanziert: Insgesamt sechs Euro Unkostenbeitrag pro Schüler wurden vom Klinikum Kempten, vom AÜW und der Käserei Champignon gespendet.

Stefan Thierer, der Sicherheitsbeauftragte an der Schule ist zufrieden. „Man sieht den Kindern die Freude an. Und ich denke, die Angst verlieren sie auch.“ Und was sagen die Schüler? „Es waren viele Infos, aber nicht zu viele, das kann man sich merken und umsetzen“, sagt Elias.

Susanne Kustermann

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