Weniger Platz für Autos, mehr ÖPNV

Grüne legen Positionspapier zum Verkehr vor und setzen auf ein bekanntes "Pferd"

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Wochenmarktbesucher treffen auf Mittagsverkehr. Grünen-Fraktionschef Thomas Hartmann (links im Bild) beäugt skeptisch die Szenerie.

Kempten – „Nur wenn beides Hand in Hand geht, können wir einen Paradigmenwechsel schaffen“, sagt Thomas Hartmann, Fraktionschef der Kemptener Grünen-Stadträte. Seine Partei möchte langfristig die Flächen verringern, die dem individuellen Autoverkehr zur Verfügung stehen, und „synchron“ den ÖPNV ausbauen. Im Zentrum steht dabei eine Idee, die nicht neu ist. Ein Schienenbetrieb bis zur ZUM soll es den aktuell 18.000 Einpendlern – Tendenz steigend – ermöglichen, „umstiegsarm“ in die Kemptener Innenstadt zu gelangen.

Bisher hat der Verkehrssektor in Sachen Klimaschutz keine Entwicklung gezeigt. Die Motoren sind zwar effizienter geworden, die Autos aber zahlreicher und größer. Die Grünen wollen daher die Kemptener Verkehrswende vorantreiben. „Für die Menschen muss der Öffentliche Personennahverkehr praktischer sein als ihr eigenes Auto“, sagt Fraktionschef Thomas Hartmann. „Kostenlose Tickets allein oder eine Mehrwertsteuersenkung für Bahnfahrkarten nützen nichts“, ist er überzeugt.

 Seine Partei will dagegen Fahrspuren zu Fahrrad- und Fußgängerwegen umwidmen, öffentliche Parkplätze zu Grünflächen oder Fahrradstellplätzen machen. 

Die Geschwindigkeit soll nach ihrer Vorstellung innerorts auf 30, auf dem Ring auf 50 und auf Straßen ohne Fahrradstreifen auf 25 Kilometer pro Stunde gesenkt werden. 

Als Beispiel nennt Hartmann die Salzstraße. 16.000 Autos rauschen täglich durch die an einigen Stellen enge Straße. „Lebensgefährlich“ sei es im Moment dort mit dem Fahrrad zu fahren. „Allein eine Umwidmung einer Autofahrspur zur Radspur und eine Temporeduzierung werde dort zu weniger Autoverkehr führen“, so Hartmann. Zwar werde der Verkehr in umliegenden Straßen erst einmal zunehmen, aber irgendwo „muss man ja mal anfangen“. 

Der Nebeneffekt, den sich die Partei zunutze machen will: Die weitgehend autofreien Straßen „bieten Platz für einen ÖPNV, der allen Bedürfnissen gerecht wird“, so Hartmann. 

Rückgrat des Konzepts ist die Regionalbahn bis zur ZUM. Zwei Mal ist Thema schon diskutiert und wieder verworfen worden. Eine Machbarkeitsstudie hat erst vergangenes Jahr eine Maximalversion mit zweigleisigem Verkehr zwischen Immenstadt und Kempten untersucht, der viele neue Haltepunkte und Brücken erfordert hätte. Auch der Abschnitt ins Kemptener Zentrum war als teuer und deshalb für nicht rentabel befunden worden. 

Weil die Stadt sich an der zweiten Machbarkeitsstudie für eine „abgespeckte“ Regionalbahnversion nicht beteiligt hat, die laut Hartmann eine bessere Kosten-Nutzen-Bilanz erzielt hätte, „wurde der Kemptener Arm nicht untersucht“. Seiner Meinung nach könne nur eine Regionalbahn den Verkehrskollaps verhindern, der auch trotz E-Mobilität drohe. 

Auch die Seilbahn sei nicht dafür geeignet, die Situation zu verbessern, „weil ein Pendler, der zum Beispiel aus Aitrang kommt, nicht auf den letzten Metern noch in eine Seilbahn umsteigt“. Hartmann sieht das Seilbahnthema eher als Manöver, das davon ablenke, dass „außer kosmetischen Maßnahmen aus dem Mobilitätskonzept nichts geschieht“.

"Autos und Tiefgaragen langfristig totes Kapital"

Als erste Ausbaustufe der Regionalbahn plädieren die Grü- nen für eine Strecke in den südlichen Landkreis. Dabei soll die bestehende Infrastruktur genutzt werden und der Anschluss Kemptens mit einer Straßenbahn hergestellt werden. 

Autonome Fahrdienste werden bald kommen, da ist sich der Grünen-Fraktionschef sicher. Weil damit langfristig viele Autos und Tiefgaragen unter Wohnanlagen obsolet werden, wie er meint, setzt sich seine Partei für einen begrenzten Stellplatzschlüssel und weniger Tiefgaragen unter Wohnanlagen ein. Diese teuren Bauten seien dann für nichts mehr zu gebrauchen als für Sanierungen. 

Auch die Busunternehmen werden von den autonomen Fahrdiensten bedrängt werden, so die Meinung der Grünen. Hartmann will sie als Zubringer zu den Regionalbahnpunkten beteiligen und auch zwischen den nicht erschlossenen Destinationen. 

Dem Nachwuchsproblem bei Busfahrern solle die Stadt mit einem Ausbildungs- und Anwerbeverfahren gegensteuern. Als dritten Punkt im „Entwicklungs-Triplex“ der Grünen setzen sie auf die konsequente Umstellung auf Elektromobilität. Die Parkgebühren für E-Autos wollen sie konsequent senken, ohne die Gebühren für konventionelle Autos dramatisch zu erhöhen, „denn dann hätten wir ein Thema, das dauerhaft provoziert“, sagt Hartmann. 

„Wenn man das zu Ende denkt, werden sich nicht nur die Nutzungsgewohnheiten ändern, sondern auch die Geschäfte“, sagt Hartmann und erinnert an die Einführung der Fußgängerzone im Jahr 1967. „Die Geschäftsleute in der Fischerstraße haben sich gewehrt. Heute sind dort andere Läden, aber die Geschäftslage ist die beste weit und breit.“

Susanne Lüderitz

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