Wenn Bäume kommunizieren

Die Ausstellung "Baumlaboratorium" wagt einen Blick auf den Baum als Lebewesen

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Ein Raum voller Inspiration zum Thema Baum. Die Malereien und Objekte in der Kunsthalle bringen uns ganz persönlich mit der Natur in Verbindung.

Kempten – Drei Allgäuer Künstlerinnen aus verschiedenen Sparten arbeiten ein Jahr lang an einem gemeinsamen Lebensthema. Dem Baum. Mit dabei eine Bildhauerin, eine Installationskünstlerin und eine Malerin. Dabei treten sie immer wieder gemeinsam in Dialog und verändern dadurch auch ein stückweit ihren eigenen Blickwinkel und lassen sich auf neue Entdeckungen und Erfahrungen ein. Heraus kommt eine inspirierende, mutige und außergewöhnliche Ausstellung mit dem Titel „Baumlaboratorium“, die bis zum 24. November 2019 in der Kunsthalle Kempten zu sehen ist.

Mit der Kunst ist das oft so eine Sache. Sie hat es in Zeiten von Netflix, Computerspielen und Co. sicherlich noch schwerer als früher, Menschen in ihren Bann zu ziehen. Wer der Kunst generell offen gegenübersteht, der geht gerne in eine Ausstellung und lässt sich überraschen und im besten Fall begeistern. Aber Menschen, die durch das Wort „Kunst“ sofort abgeschreckt sind, weil sie fälschlicherweise denken, dass sei nichts für sie, all denen sei die Ausstellung „Baumlaboratorium“ in der Kunsthalle Kempten besonders ans Herz gelegt. Es geht um Bäume, wie der Name schon sagt. Und damit verbindet ein jeder etwas, ob er will oder nicht. 

Jeder hat eine Erinnerung an „seinen speziellen Baum“. Der Baum bei Opa im Garten zum Beispiel oder der Kirschbaum, der jeden Sommer die leckersten Früchte an den Ästen hatte. Der Baum, an dem früher die Schaukel befestigt war, die einen im Sommer juchzend in die Luft gewirbelt hat. Wir alle haben einen persönlichen Baum, an den wir uns bis heute erinnern. Auf Bäume klettern, ein Baumhaus bauen, Äpfel pflücken – da war doch was, richtig. Die Baumkrone als Schutz, wenn man sich „vor den anderen verstecken wollte“. Dabei ist der Baum noch so viel mehr, wie Daphne Kerber, Susanne Krämer und Magdalena Willems-Pisarek mit ihren Malereien, Objekten und Skulpturen zeigen. 

Den Baum erforschen

Ein Jahr lang haben sie sich alleine und gemeinsam mit dem Thema „Baum“ intensiv befasst und auseinandergesetzt. Experimentiert, entwickelt und gemalt. So sind innerhalb der letzten Monate neue Geflechte und Verbindungen entstanden. „Wir wollten keine Baumdarstellung machen, sondern wir wollten versuchen zu erforschen, wie Bäume denken, wie Bäume kommunizieren. Was ist eigentlich noch vorhanden, was wir noch nicht kennen?! 

Auf künstlerische Weise haben wir drei versucht, eine Art Baumforschung mit Material zu machen“, erklärt Bildhauerin Daphne Kerber aus Isny. Neben ihren Skulpturen hat sie unter anderem das Objekt „Samenschacht“ entworfen: eine große Säule aus Plexiglas, in der tausende von gesammelten Distelsamen zu sehen sind. Ein Baum sei viel mehr als nur „Holz“, auch „die Samen, die Früchte und Blätter gehören dazu. Genauso wie die Schwingungen, die durch Bäume erzeugt werden“, so Kerber. Das veranschaulicht sie gemeinsam mit der Objekt- und Installationskünstlerin Susanne Krämer aus Weitnau beispielsweise durch das Werk „Objektregal“. Ein Regal, in dem „Materialien des Baumes“ wie etwa Zweige, Blätter, Knospen, Früchte auf neue Weise arrangiert, vermengt und gestaltet wurden. 

Die Arbeit zu dritt als Experiment

„Bäume haben in meinem Leben schon immer eine ganz wesentliche Rolle gespielt, nicht nur in meiner Kunst. Als Kind habe ich mich oft in die Baumkrone zurückgezogen, gerade wenn es mir nicht so gut ging. Wenn ich später runtergeklettert bin, dann war die Welt irgendwie wieder ein wenig heller“, verrät Malerin Magdalena Willems-Pisarek, die in der Nähe von Warschau groß geworden ist. 

Bis 2013 hat sie fast ausschließlich Bäume gemalt, nun auch vermehrt Landschaften und gelegentlich Porträts. „Bäume kommunizieren untereinander, da geht es um Dialog. Und darum ging es auch bei uns Dreien während des Projekts. Wir mussten ähnlich wie Bäume für die gemeinsame Ausstellung miteinander in Dialog treten. Wir wollten einander besser verstehen, uns einlassen. Unsere Werke funktionieren nur gemeinsam, werden sogar teilweise durch einander durch gesehen. Wir wollten unsere verschiedenen Arbeiten eben nicht trennen, sondern ganz bewusst verflechten, sodass dadurch etwas Neues entsteht“, sagt Willems-Pisarek, die mittlerweile in Wertach zu Hause ist. Susanne Krämer nickt zustimmend: „Das war ein spannender Prozess. Wir haben auch immer wieder heftig gerungen, wie wir das umsetzen. Wichtig ist, dass die jeweiligen Werke miteinander sprechen. Nichts darf als Fremdkörper für sich alleine stehen. Man soll das Gefühl haben, jawohl, das ist ein Baumlaboratorium. Das ist insgesamt alles stimmig“, so Installationskünstlerin Krämer. 

Das herauszukitzeln, was sich nicht in Worte fassen lässt, zwischen den Zeilen zu lesen – das war ihr Ansporn. Was sich den Besuchern in der beeindruckenden Ausstellung in der Kunsthalle am Ende zeigt, war für die drei Künstlerinnen selbst ein Wagnis und eine lehrreiche Erfahrung. „Mich hat es wahnsinnig interessiert, das Risiko einzugehen, vor Ort was zu entwickeln. Nicht vorher präzise zu wissen, was hänge ich hin, was klebe ich fest, was stelle ich auf. Sondern erstmal den Raum wahrzunehmen. Sehen, was er mit mir macht. Was mag der Raum, was mag er nicht“, berichtet Bildhauerin Daphne Kerber. Seit über 35 Jahren ist sie in der Kunst zu Hause und beschreibt die Arbeit zu Dritt als ein „Experiment, das man bewältigen muss“. 

„Da muss man mal runter von seinem eigenen Sockel, das Neue aufnehmen und dann kommt man schlussendlich weiter“, sagt Kerber mit einem Schmunzeln im Gesicht. Alle drei Frauen sind sich einig, dass es sie weiter gebracht hat. 

Mein Freund, der Baum

Bei der Vernissage am vergangenen Sonntag erhalten sie viel Lob und Zuspruch von den Besuchern, die das „Baumlaboratorium“ auf sich wirken lassen. In der Laudatio zur Eröffnung findet Kollegin und Malerin Nicole Dinand aus Argenbühl passende Worte: „Der Baum ist mehr als ein Ding. Er ist mehr als bloßes Heizmaterial, sondern ein Lebewesen, das wir auch so behandeln sollten. Bäume sind soziale und kommunizierende Wesen. Im Mittelalter waren sie als Ort dunkler Mächte und Geheimnisse plötzlich zu einer Art Gefahr geworden. Erst in der Romantik hat sich die tiefe Sehnsucht, die wir mit ihnen verbinden, wieder durchgesetzt. Heute ist der Wald gezähmt und ein stückweit entzaubert“, so Dinand. Deshalb brauche es jemanden, der quasi als „Dolmetscher für die Sinne“, wieder an das menschliche Unterbewusstsein herankommt. Das könne die Kunst leisten. 

Neue Einblicke und neue Zugänge zum Wesen der Bäume liefern Kerber, Krämer und Willems-Pisarek mit ihrer gemeinsamen Ausstellung auf bemerkenswerte Art und Weise. Das „Baumlaboratorium“ ist bis zum 24. November 2019 in der Kunsthalle Kempten zu sehen, jeweils von Freitag bis Sonntag. Der Eintritt ist frei. Und da jeder von uns seit seiner Kindheit einen mehr oder weniger starken Bezug zu Bäumen hat, ist die Ausstellung definitiv eine persönliche Bereicherung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Kathrin Dorsch

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