"Christen auf der Flucht"

Wenn Menschen wegen ihres Glaubens zu Vogelfreien erklärt werden

+
Gholamreza Sadeghinejad, Theologisch- pädagogischer Referent der Ev.-Luth. Kirche Bayern für die interkulturelle Arbeit mit geflüchteten Christen, berichtete zum Thema „Christen auf der Flucht“.

Kempten – Christen auf der Flucht – offizielle Zahlen gibt es dazu eher selten. Viele sind bereits vor ihrer Flucht konvertiert, wie beispielsweise viele Männer und Frauen aus dem Iran, Afghanistan oder Pakistan. Gholamreza Sadeghinejad – kurz „Reza“ - selbst wurde als Moslem in eine iranische Familie hineingeboren, seine Eltern gehörten der Generation der islamischen Revolution an.

Heute lebt der 40jährige als Christ in Nürnberg, ist seit Herbst 2018 als theologisch- pädagogischer Referent in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Bayern für die interkulturelle Arbeit mit geflüchteten Christen zuständig. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Engagiert für Integration“ berichtete er jetzt im evangelischen Gemeindehaus Kempten über „Christen auf der Flucht“. Das lockte sogar Besucher aus Buchloe und Kaufbeuren nach Kempten! 

„In streng muslimischen Regionen gelten konvertierte Christen als vogelfrei – d.h. jeder kann Dich töten und wird dafür nicht belangt“, begann Reza. Im Islam hatte er sich nie so ganz heimisch gefühlt. 2008 kam er dann auf der Arbeit mit Christen in Kontakt. Sticheleien gegen diese prallten ab. „Meine christlichen Arbeitskollegen ließen sich nicht provozieren“, erzählte er. Daraufhin las er die Bibel. Besonders das Johannes-Evangelium hat es ihm angetan – bis heute. 2008 ließ er sich taufen, 2010 flog seine Untergrundkirche auf, die rund 90 Mitglieder der Untergrundkirche wurden von dem Ortsvorsteher für vogelfrei erklärt - und er wie auch die anderen mussten fliehen. 

18 Monate dauerte es, bis er über die Türkei, Tansania, Kenia, Nairobi und Mombasa nach Deutschland kam. Hier in Deutschland begleitet er nach seiner theologischen Ausbildung am Johanneum in der evangelischen Landeskirche nun Iraner in Glaubenskursen – oder auch bei Gericht. Insgesamt gehören zwischen 1000 und 1200 iranische Christen zur Landeskirche, darunter sind auch sieben Kirchenvorsteher. Reza spricht Farsi, Paschtoo und Deutsch und hat inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Bewerber, mit denen er zu tun hat, müssen ein pfarramtliches Zeugnis beim BAMF einreichen, das bestätigen soll, dass sie tatsächlich Christen sind, und sich einer strengen Befragung unterziehen. Dazu gibt es die Glaubenskurse. 

Bei Gericht, so kam dann in der Diskussion auf, sei es ein Manko, dass hier nicht die Pfarrer als Sachverständige gehört würden, sondern ein Richter beurteile, ob der Bewerber ein Christ sei oder nicht. Oftmals, so ergänzte Reza, scheitere ein Verfahren auch daran, dass man als Iraner eben anders denke als ein Deutscher. Von geflüchteten Christen berichtete er, sie hätten sich von Anfang an hier wohl gefühlt – und frei. „Die Kirche ist erst einmal der einzige Ort, wo sie sich sicher und geborgen fühlen. Jesus gibt Frieden!“ Reza hat die Hoffnung: „Eines Tages wird der Iran christlich sein, auch wenn ich das vielleicht nicht mehr erlebe.“

Mori

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Neu abgeformte Kaiser Augustus-Statue im APC feierlich enthüllt
Neu abgeformte Kaiser Augustus-Statue im APC feierlich enthüllt
Hinter den Kulissen von Allgäuer Schlachthöfen
Hinter den Kulissen von Allgäuer Schlachthöfen

Kommentare