Ein "Freiraum" für Kempten

Der Werkausschuss sammelt Ideen für die Zukunft der Allgäuhalle

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Was nach dem Auszug der Herdebuchgesellschaft 2022 aus der Allgäuhalle werden wird, liegt noch im Nebel. 

Kempten – Im Großen Saal des Rathauses hatten sich zu Beginn der Sitzung des Werkausschusses ungewöhnlich viele ZuhörerInnen versammelt, denn ganz oben auf der Tagesordnung stand die Zukunft der Allgäuhalle.

Da die Allgäuer Herdebuchgesellschaft 2022 nach Unterthingau umziehen wird, hatte die Stadt in Zusammenarbeit mit der auf Standort- und Immobilienentwicklung spezialisierten Regensburger Firma Eloprop eine Fragebogenaktion und einen Workshop durchgeführt, um Ideen und Pläne für die zukünftige Nutzung des Areals zu erarbeiten (der Kreisbote berichtete.) Thomas Kästle von Eloprop stellte dem Ausschuss die Ergebnisse von Befragung und Veranstaltung vor. Aus der großen Fülle engagierter, mündlicher wie schriftlicher Diskussionsbeiträge könne er dem Ausschuss „nur ein paar Ausschnitte“ zeigen und so ein erstes „Orientierungskonzept“ für die weitere Planung liefern, die schließlich zu einem Businessplan oder Geschäftsmodell führen könnten.

168 Vereine, Künstlergruppen, Schulen, Kleinunternehmen, Start-ups und andere Kemptener Veranstalter waren per Fragebogen aufgefordert worden, ihre Bedürfnisse, Interessen und Ideen im Hinblick auf die Nachnutzung der Allgäuhalle zu äußern. 34 haben geantwortet und sehr unterschiedliche Vorschläge gemacht. Rückmeldungen kamen auch von Adressaten, die keinen eigenen Raumbedarf haben, aber ihre Ideen einbringen wollten. 

Fragebogenaktion bringt große Ideenvielfalt
Kästle hat die vielfältigen Vorstellungen thematisch sortiert und zusammengefasst: Nutze man das Gebäude für „Kunst und Kultur“, könne man mit vielen Dauermietinteressenten rechnen; Märkte könne man abhalten, eine Markthalle für Direktvermarkter aus der Region einrichten oder auch den Wochenmarkt einquartieren; auch regionale Gastronomie könnten sich viele Teilnehmer der Umfrage gut vorstellen, außerdem gebe es den Vorschlag, eine „Armenküche“ unterzubringen; einziehen könnten auch Start-ups oder ein „Co-Working-Space“, ein offenes Großraumbüro für Freiberufler und digitale Nomaden, in das man sich einmieten kann; attraktiv sei das Areal auch für Jugendarbeit, Schulveranstaltungen sowie „Sport und Bewegung“; betreutes und inklusives Wohnen sei ebenfalls ein Thema; angesichts der zeitweiligen Nutzung des Geländes als KZ-Außenlager fände sich auf den Fragebögen außerdem der Vorschlag, dort eine internationale Begegnungsstätte aufzubauen; relativ viele unter den Befragten wünschten sich ein soziokulturelles Zentrum mit Gastronomie, Veranstaltungs- und „Kreativräumen“, mit Werkstätten und Ateliers und seien bereit, sich organisatorisch einzubringen und dauerhaft mitzuarbeiten. Auffallend sei zudem die „große Nachfrage“ nach „niederschwelligen“, kostengünstigen Räumen. Berücksichtige man, dass viele Ideengeber einen „Nutzungsmix“ bevorzugten, könne man aus den Ergebnissen der Befragung „verschiedene Einrichtungen“ für das Areal „ableiten“, folgerte Kästle. 

Vier Zukunftsszenarien für die Allgäuhalle
Die gesammelten Ideen, seine Schlussfolgerungen und weiterführenden Überlegungen hatte der Immobilienfachwirt im September zum Workshop in der Allgäuhalle mitgebracht, um sie dort mit etwa 50 VertreterInnen der unterschiedlichen Gruppen zu diskutieren und fortzuspinnen. Auf dieser Grundlage skizzierte er in der Ausschusssitzung vier mögliche „Szenarien“: Wenn man das Areal in ein „Kulturquartier“ umwandle, müsse die Stadt das Gebäude „ertüchtigen“, was angesichts des Denkmalschutzes große Herausforderungen mit sich bringen und „relativ hohe Kosten“ verursachen werde. Außerdem stelle sich die Frage: „Wer betreibt das? Der städtische Messe- und Veranstaltungsbetrieb? Oder ein Trägerverein?“ 

Es müsse klar sein, dass ein solches soziokulturelles Zentrum „höchst wahrscheinlich defizitär“ und zuschussbedürftig sein werde. Auf das bereits recht ausgereifte Gesamtkonzept des Kemptener Projektentwicklers Thomas Wirth (der Kreisbote berichtete) ging Kästle in diesem Zusammenhang nicht ein. Das zweite Nutzungskonzept, von Kästle „Bigbox plus“ genannt, könne man ebenfalls nur mit größeren Investitionen verwirklichen. Fraglich sei, ob mit einem weiteren Veranstaltungszentrum eine ungute Konkurrenzsituation entstehe. 

Vielleicht wäre es sinnvoller, ein solches Angebot auf die kleine Halle zu beschränken, gab der Standortentwickler zu bedenken. Das dritte Szenario läge „absolut im Trend“: Für eine „Markt- und Slow-Food-Halle“ müsse man sehr viel weniger Geld ausgeben, da man die Räume in ihrem jetzigen Zustand nutzen könne. Es genüge, den Boden einzuebnen und für eine angenehme Toilettenanlage zu sorgen. Dieses Konzept biete die „bestmögliche Anknüpfung an die bisherige Nutzung“. Zudem seien Einkaufsangebote und Gastronomie mit einem möglichen Wohnbauprojekt „auf der Freifläche“ besser vereinbar als ein Kultur- oder Veranstaltungszentrum. 

Als Betreiber kämen wiederum der städtische Eigenbetrieb oder ein Trägerverein in Frage, gut vorstellen könne er sich aber auch eine Genossenschaft, so Kästle. Seinen vierten und letzten Vorschlag könne man mit den Worten einer Workshop-Teilnehmerin betiteln, die angeregt habe, „die Allgäuhalle als Freiraum“ zu betrachten. Die Idee, die sich hinter diesem Motto verbirgt, sieht vor, die zukünftige Gestaltung und Verwendung des Areals aus seiner „Zwischennutzung heraus zu entwickeln“. Ohne größere, nachhaltige Umbauarbeiten könne man den interessierten Organisationen, Einrichtungen und Unternehmen „ein Raumlabor“ anbieten, in dem sie für ihre jeweiligen Vorhaben flexible Raum-imRaum-Lösungen ausprobieren könnten. Diese kostengünstige Art der Raumaufteilung veranschaulichte Kästle unter anderem mit einem Beispiel aus Leipzig, wo man in eine aufgelassene Industriehalle „einen Supermarkt ‚reingestellt“ habe wie eine große begehbare Kiste. 

Die WorkshopteilnehmerInnen hätten für dieses Szenario bereits konkrete Möglichkeiten ausgelotet, indem sie das von ihnen gewünschte „Raumprogramm“ in Grundrisse der Allgäuhalle eingezeichnet hätten. Zum Abschluss seines Vortrags machte Kästle der Stadt Kempten den Vorschlag, „einen städtebaulichen Wettbewerb“ auszuschreiben: „Was soll auf dem Areal der Allgäuhalle stattfinden?“ Bis zu einer endgültigen Entscheidung könne man mit der von ihm skizzierten Zwischennutzung engagierte Kemptener und Allgäuer am Entscheidungsprozess praktisch beteiligen, beobachten, was sich auf dem Gelände entwickle, und sehen, welche langfristige Nutzung sich für Akteure, Stadtgesellschaft und Umland als passend erweise. Falls die Stadt das Areal jedoch vorerst „liegen lassen“ wolle, könne sie es auch gewerblich nutzen und dort Lagerflächen vermieten. 

"Langer Abwägungsprozess"
In der anschließenden Aussprache meldeten sich neben Oberbürgermeister Thomas Kiechle (CSU) Hans-Peter Hartmann (FW) und Erna-Kathrein Groll (Bündnis 90/Die Grünen) zu Wort. Alle drei waren sich darin einig, dass ein „langer Abwägungsprozess“ ratsam sei, so Kiechle. „Ein Schnellschuss“ wäre hier auch deshalb verfehlt, weil die Stadt „in den nächsten Jahren auf die Kosten schauen muss“, mahnte Hartmann und wies darauf hin, dass die Allgäuhalle „keine Insel“ sei. 

Vielmehr berge das Gesamtareal womöglich „Potentiale, die wir noch nicht sehen“. Groll pflichtete ihm bei und riet von einer „kleinteiligen Entwicklung des Kleinods, die verbaut und blockiert“ ab. Dr. Richard Schießl, Referent für Wirtschaft, Kultur und Verwaltung, äußerte sich anerkennend über das „große, auch ehrenamtliche Engagement“ der Workshopteilnehmer und Ideengeber. Die „Bereitschaft sich einzubringen sei „nicht selbstverständlich“. 

Da viele Kemptener Vereine, wie zum Beispiel Musikkapellen, in ihren angestammten Probe- und Versammlungsräumen die derzeit geltenden Abstandsregeln nicht einhalten könnten, prüfe die Stadt, ob sie in der Allgäuhallen unterkommen könnten. Auch diese Zwischenlösung sei eine Gelegenheit, „zu erspüren, wie man mit dem Gebäude umgehen kann“. Zum Abschluss des Tagesordnungspunkts beschloss der Werkausschuss, den städtischen Messe- und Veranstaltunsgsbetrieb „mit der Fortführung der Untersuchungen zur Allgäuhalle“ sowie einer baulichen Bestandsaufnahme zu beauftragen. 

Antonia Knapp

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