"Wie ein Aussätziger"

Nach Ansicht der Gewerkschaften im Allgäu wird es künftig verstärkt zu Demonstrationen – wie hier vor einiger Zeit gegen Personalabbau im Krankenhaus – und sozialen Unruhen kommen. Foto: Archiv

„Leiharbeit ist Menschenhandel“. Im Rahmen eines bundesweiten Aktionstages haben die Gewerkschaften am Donnerstag auf die schwierigen Bedingungen von Leiharbeitern hingewiesen und gegen die Ausweitung von Leiharbeit protestiert. Im Allgäu hatten IG Metall, ver.di und KAB unter dem Motto „Arbeit – sicher und fair“ zu verschiedenen Veranstaltungen in den Betrieben von Füssen über Lindenberg bis Memmingen eingeladen.

Vor dem Hintergrund der durch den Wirtschaftsaufschwung wieder zunehmenden Leiharbeit ist die Forderung der Gewerkschaften eindeutig: Leiharbeiter sollen ab dem ersten Arbeitstag den gleichen Lohn wie Mitarbeiter der Stammbelegschaft bekommen. „Arbeit darf nicht zur Ramschware verkommen“, betonte Carlos Gil, 2. Bevollmächtigter der IGM, am Donnerstagnachmittag in einer Pressekonferenz. Derzeit seien in 23 Allgäuer Betrieben an die 1700 Leiharbeiter beschäftigt. Spitzenreiter ist eine Memminger Firma, die allein über 300 Leiharbeiter eingestellt hat. Bei der Otto Christ AG in Memmingen werden mittlerweile sogar die Azubis in einer firmeneigenen Zeitarbeitsfirma angestellt und dann an die einzelnen Unternehmen der AG ausgeliehen, wie ein Betriebsrat berichtete. Miese Arbeit 80 Prozent aller derzeit angebotenen Arbeitsplätze sind laut Gil prekäre Arbeitsverhältnisse. Die zurückliegende Krise habe aber gezeigt, dass Leiharbeiter die ersten sind, die trotz schlechterer Bezahlung als die Stammbelegschaft gehen müssen. „Hier zeigt sich der Wert eines nicht prekären Arbeitsverhältnisses“, sagte Gil. Stammmitarbeiter hätten durch Kurzarbeit ihre Jobs retten können. „Man fühlt sich wie ein Aussätziger. Die meisten haben sich nicht mal deinen Namen gemerkt, denn du hättest ja den nächsten Tag schon wieder weg sein können“, berichtete Pit Seegers, ein ehemaliger Leiharbeiter, von seinen Erfahrungen bei einem Memminger Einkaufswagenhersteller. Statt der 13,16 Euro Stundenlohn der Stammbelegschaft hätte er lediglich 6,53 Euro verdient. „Die niedrige oder schmutzigste Arbeit bekommt der Leiharbeiter“, so Seegers weiter. „Du bist noch ein Klasse tiefer als der letzte Fabrikarbeiter.“ Michaela Mayer, ebenfalls ehemalige Leiharbeiterin, mittlerweile bei Bosch in Immenstadt fest angestellt, hat ebenfalls vornehmlich negative Erfahrungen gemacht. „Du kannst dir nichts leisten, nichts planen, denn du weißt nie, ob du in zwei Wochen noch Arbeit hast“, erzählte sie. Bei Krankheit oder Urlaub habe ihre Zeitarbeitsfirma nur das minimale Basisgehalt gezahlt. „Das ist unvorstellbar.“ "Modell der Schande" Werner Röll von ver.di sieht allerdings auch die Kommunen in der Pflicht. Haben die kein Geld, gehe es auch den öffentlich Beschäftigten ans Gehalt. Als Beispiel nannte er das Kemptener Klinikum und die Auslagerung von Pflegediensthelfern in die AKS Klinik-Service GmbH. Von einem Tag auf den anderen würden dort die Mitarbeiter bei gleicher Arbeit und unter dem gleichen Geschäftsführer plötzlich bis zu 500 Euro weniger im Monat verdienen. „Es wird eine neue Klasse von Arbeitern geschaffen“, kritisierte Röll. Das Vorgehen des Klinikums bezeichnete er als „Modell der Schande“. Einig waren sich alle Beteiligten, dass Leiharbeit erhebliche Nachteile für den beitragsfinanzierten Sozialstaat nach sich ziehen wird. „Menschen in prekäre und schlecht bezahlte Arbeit zu drängen, höhlt den Sozialstaat aus“, betonte Gil. Pit Seegers rechnete hingegen vor, dass ein Leiharbeiter 45 Jahre arbeiten müsse, um eine Rente auf Hartz-IV-Niveau beziehen zu können. Sollte es in Zukunft zu sozialen Unruhen kommen – was nach Überzeugung der Gewerkschaften unausweichlich ist – sei von der IGM oder ver.di keine Unterstützung zu erwarten. „Zu uns brauchen die Arbeitgeber dann nicht kommen – das haben sie so gewollt und müssen es dann auch tragen“, so Carlos Gil von der IG Metall am Donnerstag.

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