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Wie kann man ein Unternehmen sozialer und nachhaltiger machen? So läuft‘s beim „Premium-Kollektiv“

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Von: Susanne Lüderitz

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Zwischen Kleidern, Müsli und Cola: Kevin Caprano vom „Premium-Kollektiv“ war im „Piepmatz – Zentrum für nachhaltige Lebensweise in Kempten“ und traf auf ein äußerst interessiertes Publikum. 2022
Zwischen Kleidern, Müsli und Cola: Kevin Caprano vom „Premium-Kollektiv“ war im „Piepmatz – Zentrum für nachhaltige Lebensweise in Kempten“ und traf auf ein äußerst interessiertes Publikum. © Lüderitz

Kempten – „Wirtschaft hacken“, das hat sich das „Premium-Kollektiv“ mit seiner Art des Arbeitens und seinen Getränke-Produkten auf die Fahnen geschrieben.

„Wirtschaft hacken“, das hat sich das „Premium-Kollektiv“ mit seiner Art des Arbeitens und seinen Getränke-Produkten auf die Fahnen geschrieben – Hä? Sind Hacker nicht blasse Computer-Freaks, die heimlich via Internet Institutionen lahmlegen? „Hacken heißt, auf kreative Art und Weise über einen anderen Weg zum gleichen Ergebnis kommen“, erklärt Kevin Caprano. Das „Premium-Kollektiv“, das vier Flaschengetränke-Sorten auf den Markt bringt und vertreibt, will sozial und nachhaltig handeln und dem kapitalistischen System etwas entgegensetzen. Das Rezept: Alle entscheiden alles und: ganz viel Vertrauen.

„Eine Entscheidung im Premium-Kollektiv dauert im Schnitt zwei Wochen“, erzählt Kevin Caprano. Die Gäste ziehen die Augenbrauen in die Höhe. Caprano steht im „Piepmatz – Zentrum für nachhaltige Wirtschaftsweise“ in Kempten, um ihn herum die faire Kleidung, die dort vertrieben wird, 16 Interessierte und ein Hund. In einem herkömmlichen Unternehmen, in dem Einzelne entscheiden, dauert ein Beschluss vielleicht nur ein paar Minuten. „Aber langfristig spart die Konsens-Demokratie Zeit, weil alle damit leben können“, ist Caprano überzeugt.

„Wir ziehen keine Grenze zwischen uns und denen, mit denen wir zusammenarbeiten, also unseren Zuliefererinnen, Spediteurinnen oder Kundinnen. Wer von uns betroffen ist, gehört dazu. Und wer dazugehört, darf mitreden.“

Uwe Lübbermann in: „Wirtschaft hacken. Von einem ganz normalen Unternehmer, der fast alles anders macht“ (open source), generisches Femininum im Buch. 

Die Konsens-Demokratie im Premium-Kollektiv ist eine erweiterte Form von Demokratie: Alle entscheiden alles gemeinsam, vom Vertriebler über Fahrer und Buchhalterin bis hin zum Getränkekonsumenten, sofern er schon eine Flasche des Kollektivs getrunken hat und ein Mitglied kennt. Das Veto eines Einzelnen reicht, um einen Vorschlag zu blockieren.

In der herkömmlichen Demokratie dagegen werde „eine Minderheit unterdrückt“, wie Caprano erklärt. Er ist seit der Corona-Zeit im Kollektiv dabei. Schon immer habe er der dem Profit-Primat des Kapitalismus skeptisch gegenüber gestanden.

Zeit spare den Mitgliedern die Frage: „Kannst du damit leben?“. Vetos würden äußerst verantwortungsvoll von den etwa 300 Mitdiskutierenden eingesetzt, wenn sie mit einer angedachten Neuerung absolut nicht mitgehen können. Wenn das Kollektiv dennoch in Gefahr gerät, zu lange zu diskutieren oder sich selbst zu blockieren, hat Gründer Uwe Lübbermann das Not-Aus-Recht. „Davon hat er in 20 Jahren dreimal Gebrauch gemacht“, erzählt Caprano, und in einem dieser Fälle erforderte die Situation einen schnellen Beschluss.

„Experten sehen manches nicht mehr“

Entscheidungen laufen mittlerweile online ab. „Konsens ist, wenn drei bis vier Tage kein Veto kommt“, so Gebietsvertreter Caprano.
Mit dieser Unternehmenskultur komme eine neue Art von Wissen ins Unternehmen, nennt er einen Vorteil. Zum Beispiel sei so der Anti-Mengenrabatt entstanden. Händler, die wenig abnehmen, bekommen beim Kollektiv einen besseren Preis als größere Abnehmer. Der kleinere mache auch schließlich weniger Profit mit dem Produkt. Überhaupt legt das Kollektiv die Preise für die verschiedenen Händlertypen fest, „damit am Ende ein fairer Preis für die Endkunden bleibt“.

Premium-Kollektiv: Mit Vertrauensvorschuss

Ein weiterer Unterschied des Kollektivs: Alle acht Mitarbeiter bekommen den gleichen Lohn von 18 Euro pro Stunde. 1,50 Euro mehr werden es bei einem Pflegefall in der Familie oder etwa pro Kind. Bezahlt wird also nach Bedarf und nicht nach Leistung. „Alle müssen sich ja zur Arbeit motivieren und nicht jeder hat die gleiche Chance auf Ausbildung“, erklärt Caprano.

Einen festen Arbeitsplatz oder ein Büro gibt es nicht. Alle arbeiten mit Laptop und Handy. „Ich kenne die anderen gar nicht richtig“, sagt Caprano, Gebietsvertreter für die Postleitzahlen-Gebiete 5 und 8. Trotzdem sei die Identifikation mit dem Unternehmen stark. „Uns eint die Frustration vom System.“

Weitere Prinzipien des Premium-Kollektivs

• Keine schriftlichen Verträge (außer bei der Unternehmensgründung)

• Lieber langsam und organisch wachsen, als Kredite aufnehmen

• Zahlungsaufschübe gewähren statt Zinsen verlangen („diejenigen, die Schulden haben, haben schon genug Druck“)

• Transparenz auf allen Ebenen

Den Brau- oder Mischvorgang der Getränke – eine Cola, ein Bio-Pils, ein Bio-Holunderblütengetränk und ein Bio-Mate-Getränk – erledigen andere Produzenten in Fulda, Nürnberg oder bei Stuttgart. Ein zentrales Lager von Premium steht in Frankfurt. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Freiberufler. Sie schreiben selbständig ihre Stunden und eine Rechnung, die nicht gegengeprüft wird. Wer krank ist, braucht keine Krankmeldung und die Kündigung gibt‘s nur, wenn der- oder diejenige aktiv dem

Unternehmen geschadet hat. Und selbst dann reiche ein Veto aus, um den Rausschmiss zu verhindern. Zwei Ausschlüsse habe es bisher gegeben – und einer der Betroffenen arbeite inzwischen wieder fürs Kollektiv. „Menschen muss man auch mal drei bis vier Chancen geben“, sagt Caprano voller Inbrunst, „man darf sie nicht aufgeben.“

„Werbung ist eine Waffe“

Auch Werbung – sonst ein gerne benutztes Vertriebsins­trument von Firmen – findet im Kollektiv mehr Skepsis als Zustimmung. „Werbung hat manche Nachteile“, sagt Caprano, der persönlich auch ein Veto gegen Marketing einlegen würde, wenn es nicht jemand anders tue. Werbung sei aggressiv und manipuliere die Menschen, Dinge zu kaufen, die sie nicht wollen. Die Werbe-Abstinenz gehe sogar so weit, dass es nur eine Etiketten-Vorderseite auf den Getränkeflaschen gibt. „So sparen wir einen Acht-Meter-Papierturm.“

Kooperation statt Konkurrenz im Kollektiv

Statt auf Konkurrenz setzt Premium auf Kooperation und hilft anderen Herstellern schon mal mit Flaschen aus, wenn diese Not am Glas haben. Während der Corona-Zeit profitierte auch das Kollektiv über Zahlungs- und Produktionsauf­schübe oder treue Aufträge von seinem guten Miteinander mit den Lieferanten und Partnern. „Wir finden Wettbewerb nicht so gut, weil dadurch Konkurrenz und Druck entsteht und so wiederum Arbeiter schlechter bezahlt werden könnten oder vielleicht unökologische Entscheidungen getroffen werden.“ An die Partner ging während Corona immer die Frage hinaus: „Braucht ihr etwas von uns?“

Auch die Produktionsmenge will das Unternehmen auf zwei Millionen Flaschen pro Jahr beschränken, sonst entstehe ein „Bürokratiemonster“ und auch zu große Abgabemengen an einen Kunden, wie zum Beispiel eine Supermarktkette, lehnt Premium ab, denn auch dadurch gebe es Abhängigkeit und Druck.

Mit einem höheren Pfandsatz als üblich will die Gruppe die anderen Produzenten dazu bringen, ebenfalls nachzuziehen. Das aktuelle Pfand sei zu billig; ständig fehlten Flaschen im System.

Premium-Kollektiv: Gibt es auch Probleme?

Und gibt es auch Probleme? „Die Kalkulationen transparent zu machen, erleichtert die Verhandlungen [...] nicht immer“, schreibt Uwe Lübbermann in seinem Buch „Wirtschaft hacken“. Für viele sei noch entscheidend, wie viel der Nachbar habe und nicht, wie viel sie selber brauchen. Das System langsam von innen ändern, will das Kollektiv.

Auch lange Diskussionen können zu einer Gefahr werden, wenn nicht das letzte Wort bei einer Person liegt. Die Suche nach einer Rechtsform für das Unternehmen, die allen Anforderungen gerecht wird, beschäftige die Kollektivisten immer wieder, erzählte Caprano. Hier gehe es auch um die Haftungsfrage.

Weniger Ehrgeiz – Vor- oder Nachteil?

Lübbermann schreibt auch von einer „zuweilen fehlenden Bereitschaft mancher Kollektivistinnen, Verantwortung zu übernehmen“. „Das heißt für mich, zu handeln, wenn gehandelt werden muss: nötigenfalls einfach selbst mehr arbeiten.“ [...] „Vielleicht ist dieser Mangel an Ehrgeiz tatsächlich ein Grundproblem kollektiven Wirtschaftens.“ Lübbermann sieht aber auch den Vorteil daran: Es mache ein Wirtschaften möglich, das sich weniger an der Logik der Steigerung und der Konkurrenz orientiert, sondern an der Kooperation.

Die Mitglieder jedenfalls berichten gerne von ihren Prinzipien und Erfahrungen und kommen an Universitäten, in Firmen, in die Sekundarstufen an Schulen. Einzelne Abteilungen in Unternehmen buchen die Kollektivistinnen und Kollektivisten zum Beispiel zur Konfliktlösung, oder um danach selbst in ihrer Firma mit einer anderen Kultur voranzugehen.

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