Mit Flexibilität dem Patienten nahe bleiben 

Wie sich der Klinikalltag im psychiatrischen Bezirkskrankenhaus (BKH) verändert hat 

Prof. Dr. Markus Jäger (.v.l.), Beatirce Pfirschke, Helmut Notz.
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Prof. Dr. Markus Jäger (.v.l.), Beatirce Pfirschke, Helmut Notz.

Kempten – „Plötzlich wird alles, was den Menschen an Leib und Seele guttut, mit Füßen getreten“, hat der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen vor kurzem in einem Grußwort über den Pandemiealltag gesagt, „statt uns zu bewegen, zu plauschen, Informationen und Humor auszutauschen, starren wir den ganzen Tag auf irgendwelche Bildschirme.“ Treffend formuliert, wird wohl mancher Zuhörer gedacht haben; doch es dürfte nicht nur das bisweilen isolierte Arbeiten im Homeoffice sein, das für viele im Laufe der vergangenen 14 Monate zur psychischen Belastung geworden ist. 

Auch Kontaktbeschränkungen, Einkommensverluste, geschlossene Schulen, die Infektionsgefahr und immer neue Meldungen und Maßnahmen führen zu Stress und Erschöpfung, machen einsam und schüren Ängste. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN) hat zu Beginn des Superwahljahres 2021 darauf hingewiesen, dass es für die psychische Gesundheit gerade in Krisenzeiten sehr wichtig ist, genügend „Unterstützungsangebote“ bereitzuhalten und in die „Früherkennung“ psychischer Erkrankungen zu investieren. Sie ist besorgt, dass sich der Zustand vieler Patienten während der Pandemie verschlechtert hat, und weist darauf hin, dass in Deutschland „jeder Vierte“ von einer psychischen Krankheit be- troffen ist. In Kempten sowie in den Landkreisen Oberallgäu und Lindau bietet das Bezirkskranken- haus (BKH) gemeinsam mit sei- nen gemeindepsychiatrischen Partnern Erwachsenen mit psychischen Störungen therapeutische Hilfe an. Das Haus gehört zu den neun Bezirkskliniken in Schwaben und versorgt seine Patienten stationär und ambulant sowie in den beiden Tageskliniken in Kempten und Lindau. Was hat sich dort seit Beginn der Corona-Pandemie verändert? 

Wer einen Termin im BKH hat, betritt das Klinikum Kempten wie alle anderen Patienten und Besucher auch durch den gemeinsamen Haupteingang. Eine Treppe tiefer führt ein heller Gang zu den Räumen des psychiatrischen Krankenhauses. Prof. Dr. Markus Jäger, Psychiater und seit 2017 Ärztlicher Direktor des BKH, sagt: „Seit Monaten sind wir Tag für Tag in Sorge, das Gesundheitsamt könnte unser Krankenhaus dichtmachen. Wie sollen wir dann die Versorgung der psychisch Kranken hier in der Region aufrechterhalten? Wir stehen unter ständiger Anspannung: Hoffentlich passiert nichts. Was machen wir, wenn ein Mitarbeiter positiv getestet wird?“

Welche besondere Herausforderung der Infektionsschutz für das BKH bedeutet, wird anschaulich, wenn man sich den Klinikalltag vor Augen führt. Die langjährige Pflegedirektorin Beatrice Pfirschke erklärt: Anders als bei körperlichen Erkrankungen „sind unsere Patienten mobil und aktiv. Sie leben auf den Stationen zusammen, essen gemeinsam und nehmen in wechselnden Gruppen an verschiedenen Therapieangeboten teil“. Die durchschnittliche „Liegezeit“ ist mit 21 Tagen deutlich länger als im benachbarten Klinikum. Zudem haben die Patienten auch mal Ausgang oder sind übers Wochenende beurlaubt.

„Noch am Gründonnerstag 2020 haben wir die Maskenpflicht eingeführt“, erinnert sich Helmut Notz, der sich als Regionalleiter Südwest u.a. um die Verwaltung, Hauswirtschaft und Haustechnik kümmert. Zu diesem Zeitpunkt „waren Schutzartikel noch Mangelware“ und die Verteilung der knappen Güter brachte „für unsere Hauswirtschaftsleitung einen hohen logistischen Aufwand“ mit sich. Die Leitung des BKH bildete mit drei Kollegen einen sechsköpfigen Krisenstab: „Anfangs haben wir täglich ein, zwei, drei und mehr Stunden getagt; etwa die Hälfte unserer Arbeitszeit haben wir der Anpassung aller Arbeitsprozesse an die neue Situation gewidmet“, berichtet Pfirschke. „Es gab immer neue gesetzliche Vorgaben, die uns teils sehr kurzfristig erreicht haben, und es war ein riesiger administrativer Aufwand, sie umzusetzen.“

Für Neuankömmlinge richtete das BKH eine eigene Station ein. Erst wenn ihr Testergebnis negativ ausgefallen war, durften sie auf die ihnen eigentlich zugedachte Station umziehen. „Dafür haben wir eine Zwischen- wand eingezogen und ein Team aus Mitarbeitern zusammengestellt, das sich freiwillig bereiterklärt hatte, dort zu arbeiten. Sie haben sich aus sechs verschiedenen Stationen zusammengefunden“, was nicht nur für das Teamwork, sondern auch für die Urlaubsplanung eine Herausforderung war. Inzwischen hat der Krisenstab die Übergangsstation wieder aufgelöst. „Seit der zweiten Welle haben wir für Neuaufnahmen zwei Zimmer reserviert und arbeiten mit Schnelltests“, sagt Jäger. „2020 mussten wir auf das Testergebnis ja noch tagelang warten“, ergänzt Pfirschke.

Die Gruppentherapieangebote finden jetzt in festen, stationsbezogenen Gruppen statt, so dass etwa Kunst-, Musik- oder Ergotherapie nicht mehr in wechseln- der Zusammensetzung möglich sind. Kriterien wie das Krankheitsbild oder die persönliche Interessenlage des Patienten könnten deshalb häufig nicht berücksichtigt werden, bedauert Jäger. „Immer wieder gut überlegt“ hat der Krisenstab auch, wie das BKH die Angehörigen weiterhin in die Behandlung einbeziehen kann. Gerade auch in der Suchtmedizin sei es unerlässlich, das Lebensumfeld des Erkrankten in die Therapiearbeit einzubinden. Telefongespräche oder Videoschalten, ob mit Angehörigen oder ambulant betreuten Patienten, könnten den „Face-to-Face-Kontakt“ nicht ersetzen: „Die Mimik ist für den Psychiater ganz wichtig.“

Die Anzahl der Patienten ist seit Beginn der Pandemie eher zurückgegangen, vor allem während der ersten und zweiten Welle kamen weniger Hilfesuchende und es gab auch weniger Notfälle. Wenn sich die Infektionslage entspannte, „sind die Menschen wieder gekommen“, so Jäger, derzeit „haben wir wieder Regelbelegung“. Allerdings „haben wir die Patientenaufnahmen auch aktiv gesteuert, weil wir in unseren Räumen weniger Menschen unterbringen als sonst“, um einen möglichst hohen Infektionsschutz zu gewährleisten. Bisher haben die Neuerkrankungen nicht zugenommen, aber der Psychiater beobachtet, „mehr schwere Verläufe bei schwerkranken Patienten, besonders bei chronischer Schizophrenie und Depressionen“. In den Hochphasen der Pandemie „haben sich diese Patienten seltener Hilfe gesucht und waren weniger gut versorgt“. Ergänzende Strukturen, die diese Menschen sonst begleiten und auffangen können, seien zeitweise „weggebrochen“, so hatte etwa die Diakonie während der ersten Welle ihr gemeindepsychiatrisches An- gebot notgedrungen eingestellt. Zudem „treffen die Kontaktbeschränkungen unsere Patienten besonders hart“, gerade auch diejenigen, die in Altenheimen oder Einrichtungen für psychisch Kranke leben.

Pflegedirektorin Pfirschke bilanziert: „Wir haben nicht weniger Arbeit und wir sind in unserer Flexibilität sehr gefordert.“ Mittlerweile habe das BKH eine neue Routine entwickelt, sind sich die Direktoren einig. „Seit etwa zwei Monaten ist wieder eine gewisse Normalität eingekehrt. Die dritte Welle hat nicht mehr diesen Schrecken“, sagt Notz. Dennoch, „die Mitarbeiter sind ausgelaugt von all den zusätzlichen Maßnahmen. Die Sorge nagt an uns allen“, so Jäger. Vieles, was „den Spirit des Hauses“ ausmache, sei seit mehr als einem Jahr nicht mehr möglich, bedauert Pfirschke. Das tägliche Stationsfrühstück im gemeinsamen Pausenraum, das Sommerfest, der Betriebsausflug – all das ist abgesagt oder ausgesetzt. „Viele gute Gespräche gehen verloren“, sagt Jäger. Trotzdem sei über alle Berufsgruppen hinweg ein starker Zusammenhalt spürbar. Und „ich bin sehr froh, dass wir weitgehend verschont geblieben sind. Nur wenige Tests sind positiv ausgefallen, niemand hatte eine schweren Verlauf oder ist gestorben.“ 

Inzwischen seien alle impfwilligen Mitarbeiter mindestens einmal geimpft. Wer Fragen oder Bedenken hat, kann sich vom Betriebsarzt beraten lassen; verpflichtet ist niemand. Psychiatriepatienten haben ein relativ hohes Corona-Risiko, erklärt Jäger, sie leiden häufig auch an körperlichen Krankheiten. Die Frage „kriegen wir unsere Patienten zur Impfung?“ treibt uns um.“ Zwar kommen psychische Erkrankungen in allen gesellschaftlichen Gruppen vor, aber diejenigen Patienten, die in eher prekären Verhältnissen leben und wenig soziale Kontakte haben, sind oft schwer zu erreichen; zudem neigten etwa Schizophrene dazu, vieles „erstmal abzulehnen“.

Ob sich in den kommenden Monaten viele neue Patienten hilfesuchend an das BKH wenden werden, weil sie unter den Pandemiebedingungen krank geworden sind, vermag der Psychiater noch nicht zu sagen. „Wir leben in einer Region, die vom Tourismus geprägt ist; viele Menschen haben Existenzängste. Was macht das mit uns? Kommt die große Welle?“ Niedergelassene Kollegen berichteten bereits von solchen Tendenzen – „aber letztlich ist das Spekulation“.

Mit Blick auf die Bundestagswahl im Herbst sind sich der Ärztliche Direktor und seine bei- den leitenden Kollegen einig: Die „Entbürokratisierung“ des Gesundheitswesens ist lange überfällig. „Einen großen Teil unserer Arbeitszeit verbringen wir damit, uns gegenüber den Krankenkassen zu rechtfertigen“, sagt Jäger. „Da findet eine Überregulierung statt, die in keinem Verhältnis zu ihrer Effektivität steht.“ Diese „Kultur des Misstrauens“ frustriere die Mitarbeiter am meisten. „Entbürokratisierung ist Vertrauen.“ Und Pfirschke bekräftigt: „Es geht in erster Linie um die Behandlung und Betreuung von Menschen, nicht um Dokumentation.“

Antonia Knapp

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