Depression – Erkrankung von Seele und Körper

Tage der seelischen Gesundheit holen stigmatisierte Themen in die Öffentlichkeit

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Machte das Thema Depression verständlich: Prof. Dr. Markus Jäger, Ärztlicher Direktor BKH Kempten.

Kempten – „Wenn die Seele aus dem Gleichgewicht gerät, ist das schwer festzustellen“ und der Umgang damit im Freundes- und Bekannten- wie auch im Familienkreis schwierig. 

Betroffene bräuchten deshalb „Hilfe von Dritten“, stellte Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert zur Eröffnung der „Tage der seelischen Gesundheit“ unter dem Motto „Im Gleichgewicht?!“ vergangenen Donnerstagabend im Schönen Saal der Sing- und Musikschule fest.

OB Thomas Kiechle wies darauf hin, dass laut einer „relativ neuen Studie“ der Robert-Koch-Stiftung „33 Prozent und damit jeder Dritte in Deutschland im Lauf seines Lebens seelisch erkranke. Deshalb sei es umso wichtiger, das Thema „aus der Stigmatisierung“ herauszuholen.

Insgesamt neun Veranstaltungen hat der Gemeinschaftspsychiatrische Verbund (GPV) Kempten-Oberallgäu unter Federführung von Silvia Schneller für die bis 15. Oktober laufende Reihe organisiert. Den Auftakt gestaltete Prof. Dr. Markus Jäger, Ärztlicher Direktor des BKH Kempten, der mit seinem Vortrag „Depression – Wenn der Körper und Seele nicht mehr können...“ zur Entstigmatisierung beitrug; vielleicht aber noch wichtiger, mehrere Menschen aus dem Publikum dazu anregte, über ihre zum Teil schon jahrelangen Erfahrungen mit Depressionen als selbst davon Betroffene oder indirekt Betroffene zu sprechen. Mögliche Ursachen erkennen, unterschiedliche Formen, Diagnose, Behandlung – Jäger packte sozusagen den Stier bei den Hörnern und machte die Depression in ihrer ganzen Komplexität auch für interessierte Laien transparent.

Einen wichtigen Punkt sah er darin, dass Depression nicht nur die Seele, sondern auch den Körper betrifft, „also auch ein medizinisches Thema ist“. Die schon von Hippokrates (460 – 370 v. Chr.) als „Melancholie“ beschriebene, inzwischen „zur Volkskrankheit“ mutierte Erkrankung sei im Wesentlichen von einer „typischen Symptom-Trias“ gekennzeichnet: stark gedrückte Stimmung, verlangsamtes Denken und verlangsamte Bewegungen. Dazu kämen häufig Appetit-, Schlaf- oder Konzentrationsstörungen und vieles mehr – Faktoren, die im Zusammenspiel eine Diagnose ergeben würden. 

Jäger wies darauf hin, dass hinter einer Depression oftmals auch eine „körperlich begründbare Erkrankung“ stecke, wie zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion, deren Behandlung dann auch im Vordergrund stehen müsse. Auch mahnte er, Kritiker wie den renommierten Psychiater Allen Frances ernst zu nehmen, der in seinem Buch „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“ und die Pharma-Lobby wettere, man aber ebenso das Leid der Betroffenen im Auge behalten müsse. Dass Psychopharmaka „nicht im Gießkannenprinzip“ verabreicht werden dürfen, sondern lediglich als „Integration im Gesamtbehandlungskonzept“, stand für Jäger außer Frage und werde auch im BKH Kempten so gehandhabt.

Als einen wichtigen Beitrag empfand Jäger den einer seit ihrer Kindheit von Depression betroffenen Zuhörerin, die meinte, ihr helfe es am meisten, wenn sie in Gesellschaft von Menschen sei, die es in Ordnung fänden, wenn sie niedergeschlagen sei und keine Anforderungen an sie stellen würden. Infos zu den Veranstaltungen in Kempten, Sonthofen und Immenstadt unter www.bezirk-schwaben.de/bezirk-schwaben/aktuelles-presse/veranstaltungen/.

Christine Tröger

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