"Drive in" für Biene, Lerche und Co.

Wildlebensraumberater Philip Bust informiert über eine insektenfreundliche Umgebung

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Honig und Käse aus der Region überreichte die Imker-Kreisvorsitzende Monika Theuring an den Wildlebensraumberater Philip Bust.

Landkreis – Früher für die meisten lästiges Geziefer, heute voll im Trend: Insekten im Allgemeinen und im Besonderen blütenbestäubende wie Bienen und Co. werden nach Berichten über das dramatische Ausmaß des Insektensterbens inzwischen von der breiten Bevölkerung mit anderen Augen gesehen. Als Bestäuber leisten sie unverzichtbare Dienste: Drei Viertel aller Hauptnahrungspflanzen setzen ohne eine Bestäubung durch Tiere keine oder nur wenige und kleine Früchte an, allein in Deutschland wird der ökonomische Wert der Bestäubung auf rund 2,5 Milliarden Euro geschätzt.

Insekten sind aber auch ein wichtiges Glied in der Nahrungskette. Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass Zählungen auch bei vielen Singvögeln wie Feldlerche oder Kiebitz einen deutlichen Rückgang verzeichnen, selbst „Allerweltsarten“ wie Haussperling oder Star gelten mittlerweile als bedroht. Und auch für andere Wildtiere wie Rebhuhn oder Feldhase sieht es eher düster aus – die Lebensräume und Nahrungsgrundlagen all dieser Wildtiere schwinden zusehends.

Der „schwarze Peter“ für diese Entwicklung wird allzu gerne der Landwirtschaft zugeschoben. Sie zum alleinigen Sündenbock zu machen mag zwar bequem sein, ist aber zu kurz gesehen und lässt viele weitere ursächliche Faktoren völlig außer Acht wie den zunehmenden Flächenverbrauch, die Versiegelung von Flächen, Umweltverschmutzung, die oft wenig wildtierfreundliche Pflege kommunaler und öffentlicher Flächen – Stichwort Kahlschlag an Autobahnen und Mulchmahd –, die intensive Freizeitnutzung der Natur durch den Menschen oder schließlich, und das ist unbequem, auch das eigene Fehlverhalten – Stichwort Gift im Hausgarten und Schotterwüste statt insektenfreundlich begrünter Vorgärten.

Wie können die Lebensräume von Wildtieren verbessert werden? Was können Landwirte im Rahmen ihrer betrieblichen Möglichkeiten tun? Darüber informierte der staatliche Wildlebensraumberater für Schwaben, Philip Bust (AELF Krumbach), auf Einladung des Kreisverbandes Imker Oberallgäu in Stein bei Immenstadt. 

Die Vorsitzende des Imkerkreisverbandes, Monika Theuring, begrüßte dazu neben Imkern unter anderem die Oberallgäuer Kreisbäuerin Monika Mayer, Eckard Radke, Präsident des Landesverbandes Bayerischer Imker, und das komplette erste Semester der Landwirtschaftsschule Kempten in Begleitung von Schulleiter Rainer Hoffmann. Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten erarbeitet derzeit ein Konzept zu einer Aktion „Wir wirtschaften bienenfreundlich“. Damit soll ein positiver Beitrag zum Insektenschutz im Allgäu geleistet werden. Theuring freute sich ganz besonders über das große Interesse der jungen Landwirte, man will im Gespräch bleiben und die Zusammenarbeit vertiefen.

Für Landwirte gibt es ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur Verbesserung der Wildlebensräume im Rahmen des Bayerischen Kulturlandschaftsprogramms, des Vertragsnaturschutzes sowie des von der EU geforderten „Greenings“. Zudem eine kostenlose, neutrale staatliche Beratung durch die Wildlebensraumberatung. „Gemeinsam Lebensräume in der Agrarlandschaft durch lebensraumverbessernde Maßnahmen aufwerten“ ist laut Bust das Ziel der Beratung. Ganz wichtig: Bei allen möglichen Maßnahmen ist die Freiwilligkeit das oberste Prinzip.

Bust lud die Zuhörer dazu ein, „die Brille der Wildtiere aufzusetzen“. Was brauchen diese, um überleben zu können? Ganzjährig ein vielseitiges Nahrungsangebot, außerdem Schutz, Deckung, Ruhe und geeignete Räume zur Fortpflanzung. Und weil der Aktionsradius vieler Wildtiere relativ gering ist, sollten die Lebensräume kleinstrukturiert wie Trittsteine in der Landschaft verteilt sein, sodass die Wildtiere geschützt von einem zum anderen Trittstein wandern können, sozusagen auf der „Wildtierautobahn“. 

Solche Trittsteine oder Überlebensinseln, die im Idealfall einen Biotopverbund bilden, sind dauerhafte Strukturen wie Hecken, Feldholz/Totholz, abgestufte Waldränder, Streuobstanlagen, unbewirtschaftete „wilde“ Streifen, Gewässerschutzstreifen, aber auch mehrjährige Blühstreifen, offener Boden, Brachen und Altgras. Das, was das menschliche Auge als „schön“ und „gepflegt“ erachtet, ist nicht maßgeblich für die Qualität von Wildlebensräumen, betonte der Berater, und: „Jeder kleine Trittstein ist wichtig.“

Eine Kooperation wäre aus der Sicht des Beraters sehr zielführend, etwa so: Landwirte stellen Flächen zur Verfügung – Imker, Jäger oder der Landesbund für Vogelschutz das Saatgut. Bust wünscht sich eine Zusammenarbeit „Hand in Hand“, um gemeinsam ein Maßnahmenpaket zu schnüren, das ganzjährig den Lebensraum für Wildtiere verbessert. „Auch im Kleinen lässt sich viel bewirken“, betonte er. Und nicht zuletzt gilt: Der Erhalt bestehender wertvoller Strukturen ist besser.

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