"Wir haben eine andere Philosophie"

Auf reges Interesse stieß Lutz Ribbe, Direktor der naturschutzpolitischen Abteilung „EuroNatur“, mit seinen Ausführungen zur geplanten Neuausrichtung der Agrapolitik. Foto: Tröger

Ein komplexes Thema hatte sich Lutz Ribbe, Direktor der naturschutzpolitischen Abteilung „EuroNatur“, für seinen Vortrag am Donnerstag vergangener Woche vorgenommen. Auf Einladung des CSU-Arbeitskreises-Landwirtschaft-Oberallgäu vermittelte er, gespickt mit vielen Zahlen und Erklärungen zu den komplizierten Zusammenhängen, seine Sicht bezüglich der geplanten Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik und ihrer Bedeutung für den Landkreis, Landwirte und Verbraucher. Ihm wichtige Anliegen waren mehr Transparenz in und die Änderung der bisherigen Förderstruktur der EU, wobei er Sinn und Zweck der von der Produktion entkoppelten, flächenbezogenen Direktzahlungen – die erste Säule im EU-Finanzierungssystem – in Frage stellte.

Der Süden Deutschlands sei, wie besonders hier im Allgäu, noch deutlich „landwirtschaftlicher geprägt“ als der Norden mit seinen Großbetrieben, die Ribbe ein Dorn im Auge waren. Da Bergbauern ihre Erzeugnisse „zum gleichen Preis anbieten müssen“, obwohl „Weidehaltung mehr Arbeit ist“, sei hier die zweite Säule der Förderung wichtiger, die zum Beispiel Umweltleistungen von Landwirten honoriere. Bei der heutigen Agrarpolitik gehe es nur noch ums „Geld verteilen“, kritisierte er ebenso den insgesamt falschen Weg „in Richtung Agrarindustrie“, bei der „Natur- schutz im Naturpark“ stattfinde, anstatt verträglicher „Agriculture“. Agrarpolitik sei schon allein durch Punkte wie Tierhaltung, Hunger in der Dritten Welt oder Qualität der Nahrungsmittel zugleich Gesellschaftspolitik, „die nicht nur Bauern betrifft“, stellte er klar. Alle Instrumente müssten darauf ausgerichtet werden „Bauern zum Bleiben zu motivieren“ sowie Umwelt und ländliche Räume zu erhalten. Werde die derzeitige Agrarpolitik so weiterbetrieben, „werden wir sieben Millionen Arbeitsplätze in der Landwirtschaft verlieren“, so seine Prognose. Biogasanlagen als Gefahr Er forderte einen Paradigmenwechsel, der unter anderem keine historische Begründung mehr für Direktzahlungen hergebe, sondern diese an gesellschaftliche Leistungen knüpfe, der Acker- und Grünlandprämien gleich stelle oder eine Basis- plus Ökokomponente vorsehe. „Die große Erleichterung“ sah er in der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU da nicht. Gefahr witterte er durch den immer weiter schreitenden Ausbau von Biogasanlagen, der den Maisanbau stark vorantreibe und damit die bäuerliche Landwirtschaft verdränge. Fest stand für ihn, dass weder die Energieprobleme durch Biomasse, noch das Hungerproblem durch Gentechnik oder Einsatz von Hormonen in der Tierzucht gelöst würden. „Ich bin fast ein fanatischer Anhänger der Idee“ einer wieder autarken Landwirtschaft, in der die Zugmaschinen anstatt von Putin & Co., durch den Anbau von Ölpflanzen für den Eigenbedarf „gefüttert werden“, verdeutlichte er den anderen Ansatz. Bedenklich stimmte ihn, dass „wir keine zehn Prozent“ unseres Einkommens mehr für Ernährung ausgeben, aber „mit neuen Wertschöpfungsketten und neuen Ideen ist viel zu machen“, zeigte er sich optimistisch. Auch wenn „EuroNatur“ die Kommissionsvorschläge für die Agrarreform 2014 insgesamt unterstützen werde, halte er nichts von einer Liberalisierung der Märkte. „Wir haben eine andere Philosophie davon, wie Landwirtschaft betrieben werden soll“. Klar sei, dass „wir in der Landwirtschaft neue Wege gehen müssen“, nur Rohstoffe zu produzieren reiche nicht und auch über den Fleischkonsum müsse man nachdenken. Zu seiner Freude sah er „die Lobby vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter BDM aufbrechen“, auch weil die „Bauern selbst nicht mehr glauben, dass er der richtige Vertreter für sie ist“. „Politik verändert sich nur von unten“ motivierte er seine Zuhörer, regionale Volksvertreter anzusprechen.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Shawn James im "mySkylounge"
Shawn James im "mySkylounge"
Schüsse im Wald führen zu Großeinsatz der Polizei
Schüsse im Wald führen zu Großeinsatz der Polizei
Humanitäre Ziele statt Weltherrschaft
Humanitäre Ziele statt Weltherrschaft

Kommentare