"Wir sind einzigartig"

Einweihung des ersten deutschen Hybridspeicherkraftwerks in Sulzberg Au

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AÜW-Geschäftsführer Michael Lucke (li.) machte Oberbürgermeister Thomas Kiechle (3.v.l.) und Landrat Anton Klotz (4.v.l.) mit dem „Hybridspeicher-Team“ des AÜW bekannt.

Kempten/Sulzberg – Dass man am Freitagmittag mehr für das Klima tun kann, als für Klimaschutz zu demonstrieren, das zeigte das Allgäuer Überlandwerk vergangene Woche seinen rund 100 geladenen Gästen.

Gefeiert wurde die offizielle Einweihung des Hybridspeicherkraftwerks Sulzberg Au. Gemeinsam mit seinen Partnern smart Power, AllgäuNetz, Sungrow und Entelios hatte das Allgäuer Überlandwerk (AÜW) bereits 2018 das Hybridspeicherkraftwerk Sulzberg Au in Betrieb genommen. Dieses ist derzeit eines der größten Energiespeicherprojekte in Deutschland. 

Im Zuge der Energiewende wird in Deutschland zuviel Strom produziert. Das Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EEG) sieht vor, dass Übertragungsnetzbetreiber Strom aus erneuerbaren Quellen grundsätzlich abnehmen, auch wenn sie ihn nicht brauchen. Weil herkömmliche Kraftwerke bei einem Überangebot nicht einfach abgeschaltet werden können sondern immer auf Reservelast mitfahren, kommt es zur Überproduktion von Strom. Da in Deutschland Möglichkeiten fehlen, erzeugte Energie zu speichern, u.a. werden Pumpspeicherkraftwerke von der Bevölkerung kategorisch abgelehnt, führt dies auf den internationalen Strommärkten zu einem „Verramschen“ nachhaltig erzeugten Stroms. Das Überangebot führt zu einem Strompreisverfall an den Strombörsen, so dass Abnehmer des „deutschen“ Stroms wie Frankreich, Niederlande und Polen immer häufiger mit einem „Negativpreis“ dafür bezahlt werden müssen, die deutsche Überlast in ihre Netze aufzunehmen. 

Batterien - ein Lösungsansatz

Um dieses Problem zu lösen, wird u.a von Energieunternehmen wie dem AÜW an neuen Möglichkeiten der Stromspeicherung geforscht. Eine mögliche Lösung: überflüssigen Strom in großen Lithium-Ionen-Batterien zu speichern. Das AÜW errichtete in Sulzberg Au genau ein solches Hybridspeicherkraftwerk. Die Anlage besteht aus vier Batteriecontainern mit je 44 Tonnen, die jeweils mit zwei stählernen Systemen, sogenannten Racks, ausgestattet sind. In den Racks, vergleichbar mit Serverschränken, befinden sich die Batterien. Alle Racks enthalten je zwölf Module, insgesamt sind 1344 Module verbaut. Die Gesamtleistung der vier Batteriecontainer beträgt 16 Megawatt. Die zwölf Meter langen und 2,5 Meter hohen Container sind mit automatischen Klimaanlagen ausgestattet, da die Batterien nicht wärmer als 50 Grad Celsius (°C) oder kälter als 10°C werden dürfen. Sollte deren Energiemenge nicht ausreichen, schließt eine vor Ort verbaute AÜW-Gasturbine die Kapazitätslücke. Theoretisch kann die neue Hybridspeicheranlage 21.300 Haushalte für eine Stunde mit Strom versorgen.

  "Wir handeln"

A Ü W - G e s c h ä f t s f ü h r e r Michael Lucke bedankte sich in seiner Begrüßungsrede für das Vertrauen in das Leuchtturmprojekt beim AÜW-Verwaltungsrats mit Oberbürgermeister Thomas Kiechle an der Spitze. Insgesamt wurde das Projekt mit fünf Millionen Euro bezuschusst. Bisher gibt es nur eine kleinere vergleichbare Anlage in Garching und so verkündete Michael Lucke stolz: „Wir sind einzigartig!“ Er machte klar, dass das AÜW weiter daran arbeiten möchte, das „Allgäu zum Schaufenster der Energiezukunft zu machen“. Geplant ist auch, die Idee eines solchen Hybridspeicherkraftwerkes bundesweit zu vermarkten, da „Speichern ein wesentlicher Baustein der Energiezukunft sein wird“, so Lucke. Kiechle bedankte sich beim gesamten Team des AÜW, dieses Projekt realisiert zu haben. „Im Angesicht eines geplanten Austiegs aus der Atom- und Kohleenergie, stellt das Hybridspeicherkraftwerk einen wunderbaren Schritt auf einem steilen und steinigen Weg dar, der uns bei der Umsetzung der Energiewende noch bevorsteht“, sagte er. 

Landrat Anton Klotz stellte den Klimawandel in seinen Ausführungen als nicht zu leugnende Tatsache dar, räumte aber ein: „Wir werden die vereinbarten Klimaschutzziele nicht erreichen.“ Trotzdem blieb der Landrat zuversichtlich: „Wir haben Klimaziele und wir werden handeln.“ Klotz hob hervor, dass die Energiebilanz Kemptens und des Landkreises Oberallgäu deutlich über dem des Bundesdurchschnitts liegt. Am Ende richtete er noch ein paar Worter an die „streikenden Schüler“ der „Fridays for Future“- Bewegung. Erst unlängst habe er mit einem Verantwortlichen der Protestbewegung gesprochen, der sich zu Pfingsten in den Flieger nach Mallorca setzte. „Wir müssen schauen, was die Teilnehmer der Bewegung tatsächlich bereit sind, an persönlichen Verzicht zugunsten des Klimaschutzes zu leisten. Sonst bleibt ihr Protest höchst inkonsequent und frei von Lösungsansätzen.“ 

Jörg Spielberg

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