"Wir wollen individuelle Förderung"

Minister Spaenle. Foto: FK

Viele Häuptlinge waren am Samstagmorgen im Kornhaussaal unter sich. Erstmals tagten die bayerischen Gymnasialdirektoren in Kempten. Zu Gast war auch der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle. Bei der Hauptversammlung sprachen sich die Redner für den Erhalt des Gymnasiums ab Klasse fünf aus. Der Einheitsschule hingegen erteilten sie eine klare Absage.

Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Das bayerische Gymnasium ab Klasse fünf − erfolgreich und hoch geschätzt“. Mit Piloten hätte der Flugzeugkonstrukteur Claude Dornier Direktoren vielleicht verglichen, meinte Gerald Dötz, Schulleiter des Allgäu-Gymnasiums Kempten. Tatsächlich gebe es viele Gemeinsamkeiten. Flug und Route seien durch Lehrpläne und Stundentafeln vorgegeben. Passagierverluste seien zu vermeiden. „Wir sind über Jahre geschult, mit zwei verschiedenen Typen von Langstreckenflugzeugen zu fliegen, G8 und G9. Letzterer wird nächstes Jahr ausgemustert.“ Die Bildungspolitik habe über alle Parteien hinweg im Stadtrat den höchsten Stellenwert, sagte der Kemptener OB Dr. Ulrich Netzer (CSU). Rund 3000 Schüler zählten derzeit die Gymnasien in Kempten, 60 Prozent kämen dabei aus dem Landkreis Oberallgäu. 12 Millionen Euro habe die Stadt für Umbauten, Sanierungen und die Mittagsbetreuung ausgegeben, 35 weitere Millionen Euro seien geplant. Der Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz (BDK), Dr. Rainer Stein-Bastuck, forderte ein Ende des „Schulchaos in Deutschland“. Wegen der verschiedenen Anforderungen sei der Umzug in ein anderes Bundesland für Eltern schulpflichtiger Kinder eine große Zumutung. „Der BDK fordert eine Vereinheitlichung der Ausbildung und die Vergleichbarkeit der Abschlüsse.“ Der Föderalismus habe negative Auswirkungen auf die Lehrergewinnung und Lehrerausbildung. „Ich bin gegen eine Einheitsschule mit Einheitslehrern und Einheitsbesoldung“, betonte der Saarländer. Auch den Beginn des Gymnasiums in einer späteren Jahrgangsstufe lehnte er ab. Im Saarland sei das Vorhaben gescheitert, die Grundschulzeit auf fünf Jahre zu verlängern. Dies gehe auch auf die Bundesdirektorenkonferenz zurück. Umsetzung mit Fehlern Der bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle (CSU) erteilte der Einheitsschule ebenfalls eine klare Absage. „Wir wollen die individuelle Förderung im differenzierten Bildungswesen.“ Die Nullrunde im öffentlichen Dienst in den Jahren 2011 und 2012 sei für die Betroffenen natürlich schmerzhaft. „Ich weiß um die Fehler, die bei der Umsetzung des achtstufigen Gymnasiums geschehen sind“, erklärte Spaenle. Die Verantwortung für diese Fehler liege nicht bei den Lehrern, sondern bei der politischen Planung. Dennoch sei das G8 ein erfolgreiches System. Das bayerische Gymnasium bilde die Schulform mit dem breitesten Katalog an Möglichkeiten. „Das Instrument der Intensivierungsstunde ist eines der Gewinne des G8.“ Die Förderung von Begabten und Hochbegabten müsse aber eine zentralere Rolle einnehmen. Die Abhängigkeit der Schulabschlussart von der sozialen Herkunft sei in Bayern immer noch zu hoch. Die Weiterentwicklung des Ganztagsschulangebotes sei eine wichtige Säule der Bildungspolitik. „Wir müssen bildungspolitische Entscheidungen mit den Betroffenen intensiv diskutieren und die Prozessen begleiten“, so der Kultusminister. Die hohe Qualität der gymnasialen Lehrerbildung sei für den Erfolg verantwortlich. Je höher die fachliche Kompetenz sei, umso größer sei die didaktische Qualität des Unterrichts. Das bayerische Gymnasium bereite junge Menschen hervorragend auf ihre persönliche und berufliche Zukunft vor, sagte Dr. Winfried Steflbauer, Landesvorsitzender der Direktorenvereinigung bayerischer Gymnasien. Dies zeige sich an der hohen Studienquote von 85 Prozent. Aufgrund der Öffnung für jede Schicht der Gesellschaft bezeichnete er das Gymnasium „eine Schule für viele, aber keine Schule für alle.“ „Gymnasien mit bilingualem, altsprachlichem, neusprachlichem oder musischem Profil wird das Fundament entzogen, wenn nicht bereits in der fünften Klasse begonnen wird.“ Steflbauer berichtete von den Bemühungen der Direktorenvereinigung, die erste Fremdsprache durch Unterricht auf muttersprachlichem Niveau zu ersetzen. Das Diktat des ausgeglichenen Staatshaushalts bringe einige „Grausamkeiten“ mit sich. Dazu zählten die Absenkung der Einstiegsgehälter, die Nullrunde für Beamte, die Wiederbesetzungssperre der Schulsekretariatsstellen im Doppelabiturjahrgang 2011 und die Streichung von Planstellen. Er kritisierte die Überlegungen des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, den Beamtenstatus für Lehrer abzuschaffen. Dadurch verringere sich die Attraktivität des Berufsstandes. „Die Sinnhaftigkeit einer Beurteilung von Oberstudiendirektoren ab dem ersten Januar 2011 erschließt sich uns nicht“, sagte Steflbauer. Das Gymnasium in Bayern habe sich zur Manövriermasse des Staatshaushalts entwickelt. Er fühle sich von der Politik im Regen stehen gelassen. Trotzdem werde die Direktorenvereinigung auch künftig loyal bei der Weiterentwicklung des Gymnasiums mit allen Verantwortlichen zusammenarbeiten.

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