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Wie Kemptener BürgerInnen den Konflikt in ihrer alten Heimat sehen

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Von: Jörg Spielberg

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Ein gefährliches Ringen um Einflusssphären erleben derzeit die Menschen in der West- wie Ostukraine.
Ein gefährliches Ringen um Einflusssphären erleben derzeit die Menschen in der West- wie Ostukraine. © Grafik: Spielberg/pch.vektor

Kempten – Die Situation an der ostukrainischen Grenze spitzt sich zu. 

Der Kreml hat dort in den letzten Wochen starke Militärverbände zusammengezogen, von Belarus bis zum Asowschen Meer sind 100.000 Soldaten mit schwerem Gerät zusammengezogen worden. Im Westen und in der Ukraine fürchten viele, die Situation könnte eskalieren und es nach 2014 zu einer zweiten heißen Phase eines nie offiziell erklärten Krieges kommen. Wie erleben Kemptener BürgerInnen, die ihre Wurzeln in der Ukraine und Russland haben, die gegenwärtige Situation?

Vor Ort im Stadtteil Thingers

Andreas Höpting vom Stadtteilbüro Thingers spürt keinen Missmut in der russisch-ukrainischen Gemeinschaft. Um die Jahrtausendwende wurden viele Menschen aus der Ukraine, Russland, Moldawien und Kasachstan Neubürger Kemptens und ließen sich im Stadtteil Thingers nieder. „Anfangs kamen sich die osteuropäische und die dort bereits lebende türkische Gemeinschaft ins Gehege, innerhalb der eigenen Gemeinschaft gab es aber nie Probleme“, weiß der Geschäftsführer des ikarus.thingers e.V. zu berichten. Mit gezielten Angeboten an die Bürger bringt der Verein die interkulturelle Integration voran. „Unsere Angebote im Bereich Kultur, Sport und Jugendarbeit werden von allen Bürgern im Thingers angenommen. Da spielt es keine Rolle, ob jemand Russe, Ukraine oder Kasache ist“, sagt Höpting.

Dass es keine Spannungen zwischen den Volksgruppen gibt, beweist ein Besuch der Tafel im Stadtteilbüro. Dort haben die Menschen die Möglichkeit, für einen kleinen Obolus Güter des täglichen Bedarfs zu erhalten. Die meisten der älteren Besucher der Tafel kommen aus Russland, der Ukraine oder Kasachstan. Untereinander wird häufig russisch gesprochen und im Gespräch mit dem Kreisboten verraten die Menschen ihre Einstellung zur Krise: „Das Problem geht von den Politikern aus, nicht von den einfachen Menschen. Wir leben hier friedlich zusammen.“ Nur eine Dame sagt: „Die Ukraine ist selbst schuld, wenn sie an dieser Situation etwas ändert.“ Unisono aber sagen alle: „Wir wollen keinen Krieg.“ Die Probleme im Stadtteil sind sozialer, nicht ethnischer Natur. Die vielen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion haben zu kurze „deutsche“ Erwerbsbiographien, können von ihrer geringen Rente nicht leben und müssen aufstocken.

Ukrainische Stimmen

Aber es gibt hier auch sorgenvolle Stimmen zu hören. Die in Kempten wirkende Pianistin und Musikwissenschaftlerin Nataliya Tkachenko stammt ursprünglich aus der Nähe der Stadt Dnipropetrovsk, eine Großstadt, nicht weit entfernt vom Hotspot Donbass. Dort leben noch ihre Mutter und andere Verwandte. Zwar sagt auch die Künstlerin, dass es in Kempten gute Kontakte zwischen den Ethnien gibt, aber Nationalisten auf allen Seiten gefährden das Miteinander. Nataliya Tkachenko wünscht sich, dass das Bild der Deutschen über die Ukraine differenzierter und vertiefter wäre. Daher wünscht sie sich mehr Austausch auf menschlicher, kultureller wie wissenschaftlicher Ebene mit der Ukraine, wenngleich sie einräumt, dass sie „nicht mit jedem Deutschen über die aktuelle Krise sprechen will.“ Außenpolitisch setzt Tkachenko wie viele andere Ukrainer auf US-Präsident Biden und Natogeneralsekretär Stoltenberg. 

Ähnlich kritisch sieht auch die gebürtige Kiewerin M. die Situation in ihrer Heimat. M. (sie möchte nicht namentlich genannt werden) betreibt ein kleines Geschäft in der Kemptener Innenstadt. Zu ihrer Kundschaft zählen auch Russinnen, mit denen sie ein freundschaftliches Verhältnis hat. Für ihre Heimat sieht sie derzeit schwarz. „Es gibt keine Zukunft für die Ukraine. Durch die ständige Kriegsgefahr führt man dort ein Leben auf dem Vulkan“, sagt sie. Von Staatspräsident Selenski ist sie komplett enttäuscht. Klitschko sei ein hervorragender Sportler, aber kein Politiker. „Wir bräuchten gute Politiker“, sagt M. Die Selbstständige beschreibt das Denken ihrer Landsleute wie folgt: „In der Ukraine will niemand mehr ein Sowjetmensch sein, die Menschen wollen nicht nur in Fabriken arbeiten, sondern ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand nehmen.“ Wer eine Zeitreise in die Vergangenheit, 2. Weltkrieg und UDSSR, erleben möchte, dem empfiehlt M. eine Reise in die Ostukraine. Aus Angst vor dem, was passieren könnte, verlassen ihre drei Kinder derzeit die Ukraine.

Iwan, der Schreckliche?

Der deutsch-russische Bildungsverein e.V. bietet Kindern und Jugendlichen mit osteuropäischem Hintergrund Nachhilfe an. Ziel ist, u.a. die schöpferischen Fähigkeiten zu fördern, Integrationshilfe zu leisten, demokratische Werte zu vermitteln und den Horizont der Kinder zu erweitern. Geführt wird der Verein von Eugen Hübert, der in Nowosibirsk geboren wurde, im Jahr 2000 nach Deutschland kam und Verwandte in Russland und der Ukraine hat. Die Schuldigen für die Misere sieht Hübert in der Politik und der Einmischung von außen. „Der Westen hätte nicht vorschnell nach den sogenannten „Maidan-Protesten“ Partei ergreifen sollen. Dann wäre die Lage heute nicht so tragisch.“ Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, wer im Februar 2014 alles auf Protestierende geschossen und damit bewusst zur Eskalation beigetragen hat. Es ärgert Hübert, wenn auch in westlichen Medien häufig Falschmeldungen verbreitet und subtile Schuldzuweisungen nur an eine Seite gerichtet werden. Für Hübert sind Ostukrainer und Russen seelenverwandt, die Westukrainer hätten aufgrund ihrer Geschichte eine andere Haltung zu den Dingen. Als Mensch wünscht sich Hübert, dass Ukrainer und Russen selbst einen Weg aus ihrem Dilemma finden und Deutschland sich zurückhält. „Auch wir Deutsche haben genügend eigene Probleme.“ Zuletzt empfiehlt Hübert den unmittelbaren Kontakt zu seinen ehemaligen Landsleuten zu suchen, das sei friedensstiftender, als das Narrativ der Massenmedien zu glauben.

Wie bewertet der Politologe Ingmar Niemann die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine? 

Herr Niemann, wie schätzen Sie die aktuelle Situation zwischen Russland und der Ukraine ein? Kommt es zum Schlimmsten?

Ingmar Niemann: Sie meinen, Putin marschiert in die Ukraine ein? Putin hat in der Ukraine längst alles erreicht, was er erreichen wollte. Er ist nicht dafür bekannt, lange zu warten, um seine Interessen durchzusetzen. Mit der unter russischer Kontrolle stehenden Donbassregion hat er die Ukraine in einen militärischen Konflikt gezwungen, der ausschließt, dass das Land der NATO beitreten kann, denn nur konfliktfreie Staaten werden vom westlichen Militärbündnis aufgenommen. Mit Manövern an der Grenze zur Ukraine wird ein deutliches Signal an die pro-russischen Separatisten gesendet: „Ihr könnt Euch auf mich (Putin) verlassen, wir sind den ukrainischen Truppen weit überlegen“. Gleichzeitig unterstreicht die russische Führung ihren Anspruch auf Interessenvertretung der russischen Minderheit in allen Nachbarstaaten. Das sind in der Ukraine etwa 20 Prozent der Bevölkerung, von denen viele den russischen Präsidenten als ihren legitimen Vertreter sehen. Ansonsten ist die russische Offensive ein Säbelrasseln, um zu signalisieren, Russland ist mehr als nur eine einsame „Regionalmacht“ (Zitat: Präsident Obama). Die Ukraine liegt geostrategisch im „politischen Hinterhof“ Russlands, welchen Russland als Puffergebiet für sich in Anspruch nimmt.

Also Entwarnung, alles problemlos?

Ingmar Niemann: Ein globaler Blick auf den Konflikt zeigt eine neue Dimension des russischen Aufmarschs an der Ostflanke der NATO: Immer mehr sind Russland und China in den letzten Jahren Partner geworden, sowohl durch gemeinsame militärische Manöver als auch wirtschaftlich, wie zum Beispiel durch den 100 Milliarden Euro Erdgas-Deal, der Anfang Februar 2022 abgeschlossen wurde. Zusammen mit der Islamischen Republik Iran bilden die zwei Großmächte ein geostrategisches Dreieck auf dem asiatischen Kontinent, dass die globale Führung des „Westens“ herausfordert. Sollte es zeitgleich im Südchinesischen Meer, im Persischen Golf, im Baltikum oder Polen zu militärischen Konfrontationen kommen, hat der Westen auf konventionellem Niveau dem kaum etwas entgegenzusetzen. Putin und Xi Jingping zeigen uns daher gerade, wie schwach der Westen geworden ist!

Wie sollte sich Deutschland jetzt verhalten?

Ingmar Niemann: Es gilt, die Ukraine zu stabilisieren. Das muss nicht militärisch sein, aber wirtschaftlich und politisch braucht das Land eine Perspektive, um in ein „europäisches Haus» einziehen zu können. Das wird nur mit Zustimmung Moskaus friedlich und erfolgreich sein. Es gilt russische Interessen zu berücksichtigen, ohne deshalb die territoriale Integrität der Ukraine in Frage zu stellen. Russland braucht eine europäische Option, um es aus den Fängen der chinesischen Führung zu befreien. Der große Kulturkonflikt unserer Zeit wird zwischen dem kommunistisch-totalitären China und der westlichen Gemeinschaft stattfinden. Deutschland allein wird das nicht leisten können, dennoch wäre es wünschenswert, sich nicht mit „5.000 Helmen“ lächerlich zu machen. Auch wenn wir in Krisengebiete keine Waffen versenden, Partnerstaaten sollten wir „Hilfe zur Selbsthilfe“ durchaus zukommen lassen. Letztlich können nur Sicherheitsgarantien (wie z.B. gegenüber Taiwan) Schutz bieten. Hier ist die US-Regierung gefordert, die aber m. E. derzeit diese Verpflichtung nicht eingehen möchte.

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