"Wirtschaftlicher Unsinn"

Außen hui, innen pfui: Das Sudhaus auf dem ehemaligen Gelände des Brauhauses soll abgerissen und vier Meter weiter neu aufgebaut werden. Foto: Matz

Der Legende nach war es der russische Feldmarschall Grigori Potjomkin, der 1787 auf der gerade eroberten Krim Dörfer aus bemalten Kulissen errichten ließ, um Zarin Katharina II das wahre Gesicht des Landstrichs zu verbergen – der Begriff Potemkinsche Dörfer war geboren. Ein „echter Potemkin“ steht auch in Kempten, genauer auf dem ehemaligen Gelände des Allgäuer Brauhauses. Das alte Sudhaus gilt von außen betrachtet zwar als Ortsbild prägend und wird von der Kemptener Bevölkerung geliebt, im Inneren des Gebäudes aber herrschen Chaos und Verfall. Trotzdem oder gerade deswegen haben die Investoren der Stadtverwaltung nun vorgeschlagen, das Gebäude abzureißen und vier Meter weiter südlich neu aufzubauen. Der Bauausschuss stimmte dem Angebot am Mittwochabend bei einer Gegenstimme von Ingrid Vornberger (SPD) zu.

Um einen möglichst detailgetreuen Wiederaufbau des 1904 gebauten Sudhauses zu garantieren, soll auf Anregung von Grünen-Stadtrat Thomas Hartmann („Das Erscheinungsbild muss präzise dem von heute entsprechen.“) eine präzise Gestaltungsformulierung in den Vertrag mit dem Investor aufgenommen werden. Gleichzeitig billigte das Gremium den überarbeiteten Bebauungsplanentwurf für das Brauhaus-Gelände, sodass das Papier nun erneut in die öffentliche Auslegung gehen kann. "Pragmatische Lösung" Bis auf Ingrid Vornberger von der SPD zeigten sich die Stadträte erleichtert, dass das neubarocke Sudhaus nach einjährigem Ringen nun doch erhalten werden kann. „Ich bin froh, dass wir mit dem Investor eine pragmatische Lösung gefunden haben“, lobte CSU-Fraktionschef Erwin Hagenmaier. Das Sudhaus gehöre einfach zum Stadtbild. „Das Erscheinungsbild hat man lieb gewonnen und der Bürger wird die drei oder vier Meter gar nicht bemerken“, sprach er sich dafür aus, das Angebot der Bauherren anzunehmen. OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) wies darauf hin, dass das Sudhaus „ein Gebäude mit einem hohen Identifikationswert“ sei. Antje Schlüter vom Stadtplanungsamt empfahl den Anwesenden ebenfalls, auf den Kompromiss einzugehen: „Die Verwaltung befürwortet diesen Antrag als Kompromiss zwischen widerstrebenden Zielen“, sagte die Amtsleiterin. Stadträtin Vornberger dagegen bezeichnete Abriss und Wiederaufbau als „wirtschaftlichen Unsinn“. Entweder solle man das Gebäude stehen lassen oder ganz abreißen, sagte sie. Öffentliche Diskussion Tatsächlich wird die Zukunft des Gebäudes seit ziemlich genau einem Jahr kontrovers diskutiert. Seinerzeit legten Stadtverwaltung und Bauausschuss nach sanftem öffentlichen Druck fest, dass das Haus als „städtebaulicher Identifikationspunkt“ wenn möglich erhalten werden muss. Investor Geierhos argumentierte dagegen, dass das Haus aufgrund seines desolaten inneren Zustandes nicht vernünftig genutzt werden kann und zudem den Bau der geplanten Tiefgarage erheblich erschwere und deutlich teurer mache. Außerdem verschatte das Sudhaus ein Nachbargebäude, sodass dort keine Wohnungen eingerichtet werden können. Darüber hinaus war das Landesamt für Denkmalpflege nach zweifacher Prüfung zu dem Ergebnis gekommen, dass das Sudhaus im Gegensatz zur Fasshalle oder der Villa nicht denkmalgeschützt sei. Bevor der Bebauungsplan nun nach der erneuten öffentlichen Auslegung als Satzung beschlossen wird, soll der Vertrag zwischen der Stadt und dem Investor abgeschlossen werden.

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