Sieben KandidatInnen mit Stoppuhr

Wirtschaftsjunioren Kempten/Oberallgäu knöpfen sich die möglichen LandrätInnen in Spe vor

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Moderator Stefan Nitschke (v.l.) gestaltete kurzweilige Fragerunden mit den Oberallgäuer LandratskandidatInnen Christina Mader (Grüne), Alfons Hörmann (CSU), Markus Kubatschka (SPD), Indra Baier-Müller (Freie Wähler), Michael Käser (FDP), Peter Rist (BürgerBündnisOberallgäu) und Uwe Schweizer (AfD). Hubert Müller, der für die ödp ins Rennen geht, hatte seine Teilnahme aus Termingründen kurzfristig abgesagt.

Kempten – Nachdem das Jugendparlament in Dietmannsried vor Kurzem eine unterhaltsame Vorstellung der Landratskandidaten für die Wahlen am 15. März vorgelegt hatte (siehe Bericht im Kreisbote vom 5. Februar), stellten sich die potentiellen LandrätInnen Anfang dieser Woche in einer Podiumsdiskussion den Fragen der Wirtschaftsjunioren Kempten/Oberallgäu.

Rund 180 Interessierte füllten dabei den Saal der JugendKulturWerkstatt Villa K in Durach. Während Manuel Burkart ein paar Zahlen zum Landkreis Oberallgäu (OA) – 70 Kreistags-Mitglieder, 200 Millionen Euro Haushalt, rund 150.000 Einwohner – nannte, konnte das Publikum via Smartphone schon mal ihre/n Wunschlandrat/-landrätin wählen . 

Acht KandidatInnen bewerben sich bekanntlich um die Nachfolge von Toni Klotz, der nicht mehr antritt. Dies sind: Christina Mader (Die Grünen/Bündnis 90), Indra Baier-Müller (Freie Wähler), Markus Kubatschka (SPD), Michael Käser (FDP), Alfons Hörmann (CSU) Peter Rist (BürgerBündnisOberallgäu), Uwe Schweizer (AfD) und Hubert Müller (ödp), der kurzfristig aus Termingründen abgesagt hatte. Um politische Verantwortung übernehmen zu können, sei eine Voraussetzung, die Fähigkeit Menschen zusammenzubringen und zu einen, statt zu spalten und zu polarisieren, mahnte Burkart. Die Regeln waren von Moderator Stefan Nitschke schnell erklärt: Alle KandidatInnen hatten eine eigene Stoppuhr und insgesamt zehn Minuten Redezeit zur freien Einteilung. Bei jeder Frage antwortete ein anderer Kandidat als erster und die folgenden konnten auch zu den Vorrednern Stellung nehmen. Dazwischenreden war tabu. Und die Regel für das Publikum lautete: „Respektiert die politische Meinungsfreiheit“, keine Buhrufe oder Kommentare.

Thema: Wohnraum

Uwe Schweizer (AfD) will als Landrat Kommunen, Kreisräte und Bürgermeister unterstützen, so dass sie kleinere Baugebiete ausweisen können. Weitere Schwerpunkte sind für ihn Nachverdichtung sowie Bauen in die Höhe. Darüber hinaus will er beim Verkauf von neu gebauten Wohnungen darauf achten, dass sie als Hauptwohnsitz genutzt werden, statt als Zweitwohnung an Feriengäste vermietet werden. „Das wäre auch ein ganz, ganz wichtiger Punkt.“ 

Für Alfons Hörmann (CSU) stehen „ergänzende Bebauung in den Ortskernen“, „aktives Leerstandsmanagement sowohl in den Ortsbereichen wie auch in den Weilern, verbunden mit einer offensiven Genehmigungspolitik“ für Wohnen wie für Gewerbe im Fokus. Ein „weiter so“ mit Flächenfraß und Einfamilienhäusern auf der grünen Wiese die Ortschaften immer größer werden lassen, „sehe ich nicht als Perspektive für die Zukunft“, sagte er. Aktuell ermöglichten es interessante kommunale Bauprogramme, die von einigen Kommunen bereits zum Bau von Einfamilienhäusern genutzt würden, Wohnraum für sieben Euro pro Quadratmeter anbieten zu können. Der kommunale Ansatz sei deshalb interessant, weil eine Gemeinde so nach spätestens 30 Jahren im Bereich sei, „dass sie ohne großes Eigenkapital Vermögen aufbaut“ – „eine klassische Win-Win-Situation“. 

Indra Baier-Müller (Freie Wähler) schloss sich ihrem Vorredner an. Aber man müsse dabei darauf achten, dass auch „Menschen, die eher im mittleren Einkommen sind, die Möglichkeit haben, bezahlbaren Wohnraum anzumieten oder zu erwerben“. Wenn man nach Kempten schaue, könne man sehen, „wie die Durchschnittsmieten durch die Decke gehen und das wollen wir im Landkreis nicht“. 

Christina Mader (Grüne) wollte dazu eine Doppelnutzung; das heißt, „wenn wir jetzt Parkräume zur Verfügung haben, dann will ich die auch gerne in Zukunft überbauen lassen“. Einen weiteren Ansatz sieht sie in „Wohntauschbörsen“, vor allem um ältere BewohnerInnen auf freiwilliger Basis zum Umzug aus den oft viel zu großen Wohnräumen in kleinere zentrumsnahe zu bewegen. Dadurch würde von Familien benötigter großer Wohnraum frei. 

Peter Rist (BürgerBündnisOberallgäu) stellt sich „neue Wohnformen“, wie z.B. Alten-WGs oder auch Familien-WGs vor. Mit Wohnen allein sei es aber nicht getan, weshalb er „keine Kirchturmpolitik“ wolle, was bei Gewerbe „ja noch stärker praktiziert“ werde. Am Ende stehe aber vor allem die „bewusst provokante Frage“, „wie viele wollen wir sein?“ im Oberallgäu, 300.000 in 50 Jahren? „Die Nachfrage wäre da.“

 Michael Käser (FDP) will die „Subjektförderung“ mehr bewerben, da viele Leute, mit Anspruch auf Wohngeld, es gar nicht wüssten. „Abrüsten“ bei den „über 20.000 Vorschriften, was das Baurecht angeht“ um Bürokratie und Baukosten zu senken, ist ein weiteres Anliegen sowie Förderung von mehr Wohneigentum – auch als Mittel gegen Altersarmut – wofür man auf Kreisebene zum Beispiel auf die Grunderwerbssteuer verzichten könne. 

Markus Kubatschka (SPD) will neben Themen wie Nachverdichtung dringend auch die Nebenkosten „im Auge behalten“ u.a. die Strompreise, so dass der Wohnraum bezahlbar bleibe.

Thema: Leben & Versorgen

Das Thema Einzelhandel sei „wirklich schwierig“, appellierte SPD-Mann Kubatschka vor allem an die „Eigenverantwortung“ der Leute. Aber auch die Einzelhändler müssten reagieren und ihre Waren ebenfalls via Homepage anbieten. Bei Ärzten müsse man „Anreize schaffen“, zum Beispiel durch günstige Kredite und Pflegekräfte müsse man eben auch gut bezahlen. „Krankenhäuser sollten auf alle Fälle wirtschaftlich, aber nicht unbedingt gewinnorientiert arbeiten.“ 

Laut Baier-Müller erarbeiten derzeit viele Gemeinden und Kommunen Konzepte, „um Menschen in diesen eher ländlich strukturierten Räumen zu halten“. Aufgabe eines Landrats werde es sein, diese Konzepte zusammenzuführen und zu unterstützen. Konkrete Fragen seien dabei, ob z.B. statt einer Apotheke am Ort eine Abholstation in Verbindung mit dem Dorfladen täglich beliefert werden kann. Wichtig sei, dass die Versorgung im ländlichen Raum erhalten bleibt, da sich sonst „alles auf die Städte konzentrieren wird“. 

Zu viele Auflagen und Vorgaben sieht Rist als Hindernis bei der Regionalentwicklung. Als gute Beispiele, bei denen die „Dorfgemeinschaft im Vordergrund“ stehe, nannte er IGoMA in Waltenhofen oder die Krankenpflegevereine in vielen Orten. 

Für Schweizer ist klar, dass je attraktiver der ÖPNV sei, „umso stabiler wird auch das ganze System wieder“. 

Digitaler Wandel muss nach Ansicht Käsers mit dem stationären Einzelhandel vor Ort erfolgen, wofür bereits ein Netzwerk in Sonthofen gegründet worden sei. Netzwerke seien auch der Schlüssel in der Gesundheitsversorgung, um Ärzte, Gesundheitsdienstleister und Krankenhäuser zusammenzubringen. 

„Eine ganz wichtige Einrichtung, nicht nur was die Dezentralität der Krankenhäuser anbelangt“, sieht Hörmann im Krankenhaus-Zweckverband, der auch die Vernetzung mit den niedergelassenen Arztpraxen umgesetzt habe. Zur Stärkung des Einzelhandels vor Ort findet er Aktionen gut wie die Gutschein-Aktion „Kauf vor Ort“. 

Mader will vor allem regionale Produkte stärker vermarkten sowie innerstädtische Bereiche wieder fahrrad- und fußgängerfreundlich machen. Ihre Philosophie dazu: Radler und Fußgänger „lassen mehr Geld im Einzelhandel“. Regionalität und Direktvermarktung stehen auch bei Rist an oberster Stelle.

Thema: ÖPNV
Das ÖPNV-Problem ist nach Ansicht Hörmanns „nicht mit einer Einzelentscheidung oder einem einzelnen Element zu lösen“, sondern es gehe um eine „Verkehrswende“, mit einem „langfristigen Konzept“. Einstieg müsse ein „attraktives Angebot“ sein, dann werde auch eine „entsprechende Ticketakzeptanz gegeben sein“. Das Ganze „steht und fällt“ seines Erachtens mit der Vernetzung von Stadt Kempten, den Landkreisen und auch Teilen Österreichs. „Da geht’s um ein Jahrzehntprojekt.“ Es sei nötig, sich von der Zahl 100 zu lösen, jetzt „konzeptionell und strategisch“ zu denken und „uns nicht im Klein Klein des Tagesgeschäftes zu verlieren“. 

Aus Sicht Käsers wird „zu wenig visionär gedacht“, denn es müssten „neue technologische Wege“ erschlossen werden, wie das autonome Fahren. Für ein attraktives ÖPNV-Ticket schlug er als „ersten moderaten Schritt“ vor ohne Bahn voranzugehen. Als Start stellt er sich ein Angebot vor, das angelehnt an das von ihm seinerzeit mitinitiierte günstige Semesterticket in Kempten, im Ober- und Ostallgäu gelte, auch in Verbindung mit Sammeltaxi. Auf jeden Fall soll weiterhin, auch politischer, Druck auf die Bahn ausgeübt werden. 

Mader schlug eine Bresche für das 100-Euro-Ticket, das eine „mutige Entscheidung“ gewesen sei. Und „jetzt machen wir es auch“, machte sie deutlich. Dafür soll es einen Beauftragten des Landkreises geben. Für die Umsetzung brauche es einen Verbund Schwaben-Süd und ein kommunales Busunternehmen sowie u.a. eine „Mobilitätsgarantie, dass wir von fünf bis 24 Uhr wirklich auch in entlegene Dörfer kommen“. „Keimzelle“ des Ganzen sei eine Regionalbahn zwischen Oberstdorf und Kempten, für die es nach ihren Informationen „nur den politischen Willen“ brauche; die Bahn würde es unterstützen. 

Baier-Müller erinnerte daran, dass vor dreieinhalb Jahren ein Masterplan Klimaschutz verabschiedet worden sei und „ich fordere, dass das Konzept wirklich umgesetzt wird“. Angesichts des stark gestiegenen Automobil-Individualverkehrs brauche es Alternativen, u.a. bessere Bedingungen für den Radverkehr. Zudem müsse man überlegen, wie man Touristen von der Straße auf öffentliche Verkehrsmittel u.a. die Bahn bekomme. Ein Problem bei der Bahn sah sie in der Randlage des Allgäus, als „südlichster Zipfel Deutschlands“. 

„Wir brauchen Ortsbusse und Quartiersbusse“, die sich mit weiteren Strecken verbinden, so der Lösungsansatz von Rist. Um die hohen Personalkosten zu sparen, sollen diese „in unserer Vorstellung“ von Ehrenamtlichen betrieben werden, wie beispielsweise bereits in Waltenhofen. Die Fahrgastoffensive Oberallgäu basiere auf dieser „Ehe“. 

Schweizer will als Landrat das 100-Euro-Ticket verfolgen, „damit die Busse endlich mal voll werden“. Die Allgäu-Bahn ist für Kubatschke neben guter Taktung und gutem Angebot im ÖPNV ein zentraler Punkt, aber die Strecke Kempten – Oberstdorf „zu kurz gesprungen“. Er möchte sie weiter nördlich noch nach Betzigau und Wildpoldsried fahren lassen und im Süden wäre aus seiner und aus touristischer Sicht Bühl am Alpsee eine lohnende Station.

Thema: Energie & Umwelt
Maders Schwerpunkt liegt klar bei einer Solaroffensive. „Wir haben sehr viele Dächer, die gilt es jetzt zu bestücken“, Vorbild müsse der Landkreis mit seinen Liegenschaften sein. Danach brauche es vermutlich „keine 30 Windräder mehr in der Region, sondern nur noch zehn“. Das funktioniere nur im nördlichen Landkreis und nur, „wenn wir die Bürger mit ins Boot holen“. Auch bei der Biomasse sieht sie Potential, zumal laut Eza „die Wasserkraft ausgeschöpft ist“. Enorm wichtig seien „dezentrale Speicheroptionen“. „Hier ist ganz viel Potential, auch für neue Arbeitsplätze“, so Mader. 

Mit einer „Vorreiterrolle für Wasserstoff“ sieht Kubatschka gute Möglichkeiten, „schnell klimaneutral zu werden. Mittlerweile könne aus Licht und Algen Wasserstoff hergestellt werden, der dann dezentral für den Betrieb von Bahn und Bussen genutzt werden soll. Er würde eigene Wasserstoff-Werke gründen, für ihn die Lösung aller Klimaund Verkehrsproblematiken. Bei Gebäuden soll eine gute Dämmung für niedrige Nebenkosten und niedrigen Energieverbrauch sorgen. Dezentral, regional, erneuerbar – das sind die Kriterien für Rist und auch, „das gute Holz“ sei CO2-neutral. „Gerne ein Energie-Mix“, sagte er. 

Käser appellierte, erst einmal die Rahmenbedingungen für die neuen Technologien zu schaffen. Zu den regionalen Lösungen sei es ihm wichtig, auch die globale Ebene zu betrachten. Durch einen CO2-Preis bzw. -Deckel mit einem CO2-Emmissionshandel will er den Anreiz schaffen, „dass Tüftler, die zukünftige Technologien entwickeln, die uns vor dem Klimawandel retten“. Die Dieselzüge sollen zudem durch Wasserstoffbetriebene ersetzt werden. 

Unter anderem das Beispiel Wildpoldsried ist für Hörmann der „Weg in die Zukunft“. Der Landkreis müsse mit seinen 28 Kommunen eine Art Masterplan erarbeiten, der aufzeige ,wo macht was Sinn, aber auch, wo sind die Grenzen. 

So habe Windkraft „in zahlreichen Regionen unseres Landkreises schlichtweg nichts zu suchen, weil der Schaden größer wäre wie der Nutzen“. Baier-Müllers Ansatz sieht vor allem in der „intelligenten Form“ des Stromverbrauchs, z.B. durch Smartmeter, großes Stromspar-Potential, das sie durch Schulung der Menschen vor Ort und Information nutzen möchte. Dezentrale Energiegewinnung durch PV auf dem Dach ist auch für den AfD-Mann Schweizer die Lösung. In Deutschland gebe es bereits Orte, „die sich unabhängig gemacht haben vom großen Stromnetz“.

Thema: Digitalisierung & Wirtschaft
Das Thema Digitalisierung ist für Käser „eines der wichtigsten Herausforderungen“ im Oberallgäu, sowohl in puncto Tourismus als auch für unseren Erwerb und unsere Lebensgrundlage. Deshalb fordere er zuvorderst eine „schonungslose Ist-Analyse“, wo noch Potentiale für Breitband seien, sowie Investitionen in die Bildung. Denkbar ist für ihn ein Zweckverband mit Kempten, um die Digitalisierung in den Schulen voranzutreiben. 

Denn „was haben wir denn im Allgäu, in Deutschland schon für Ressourcen? Wir haben kein Öl und kein Gold. Wir brauchen Wissen“, so Käser. 

Hörmann sieht in der Digitalisierung „Chance und Risiko zugleich“. Schnelles Internet auch in kleinen Weilern gehöre zu den Pflichtaufgaben, „da man andernfalls bestimmte Orte schlichtweg vom öffentlichen Leben abhängt“. 

Mader wünscht sich Glasfaser am besten in jedem Haushalt. Bei 5G mache ihr „Mutterherz“ sich immer „ein bisschen Sorgen, dass es ein großes Versuchslabor wird, weil wir einfach die Folgen nicht kennen“. Aber das Stadt-Land-Gefälle müsse natürlich nivelliert werden. In den Schulen brauche es einen Wart, der alles in die Hand nimmt und auch beim Arbeitsamt müssten die Stellschrauben auf Weiterbildung gestellt werden. 

Käser wünscht sich auch im OA ein Gründerzentrum wie in Kempten. Es werde jungen Menschen hier schwer gemacht, ein Unternehmen zu gründen, da sie z.B. keine Co-Workingspaces finden, „um ihr eigenes Business hochzuziehen“. 

Man dürfe nicht vergessen, dass es noch immer Menschen gebe, „die wenig mit Computern anfangen können“, mahnte Baier-Müller. Und auch bei der Forcierung dieser disruptiven Innovationen (4.0) „sollten wir die ethische Geschichte nicht vergessen, weil wir schauen müssen, dass wir unsere Kontrolle nicht an Maschinen abgeben“. Das Thema künstliche Intelligenz „ist ein großes Thema“, das viele Menschen beschäftige und auch vielen Angst mache. 

„Wirtschaft ist für mich mehr als Digitalisierung“, die für Rist aber dennoch zur Grundausstattung gehört. Da es in der Region viele Mächeler gebe, kann er sich Existenzgründerzentren wie in Kempten z.B. in Sonthofen gut vorstellen.

Thema: Bildung, Erziehung & Fachkräftemangel „Wir brauchen eine gute Bedarfsplanung“, betonte Baier-Müller, die dafür nach eigenem Bekunden aktuell an der Überarbeitung des seniorenpolitischen Gesamtkonzepts mitwirkt. Handlungsbedarf seitens der Behörde bestehe auch bezüglich der rund 150 fehlenden Kita-Plätze. Bei Fachkräften müsse man mit dem Pfund, „eine der schönsten Regionen Deutschlands“ zu sein, arbeiten. 

Nach Ansicht Käsers sind sich die meisten gar nicht bewusst, „welche Sprengkraft“ das Thema Pflegenotstand hat. Im Moment hätten wir rund 10.000 über 80-Jährige, 2038 würden es 15.000 sein, so seine Prognose. Lösungswege für die „massive Mehrbelastung, die auf uns zurollt“, sieht er z.B. in Quartiersarbeit und Nachbarschaftshilfe. 

„Es geht hier um Menschen“, betonte Kubatschka, und deshalb müsse uns Kindererziehung und Pflege „viel viel mehr wert sein“. Bei der Kinderbetreuung müsse es ein gutes Ganztagsangebot geben, auch in der Grundschule, „so dass alle die Arbeiten müssen oder wollen, auch arbeiten können“. 

Beim Thema Pflegefachkräftemangel sieht Rist klassisches „Organisationsversagen“. Das Arbeitsklima in den Einrichtungen sei schlecht – eine Folge der Privatisierungen. Nahversorgung und dezentrale Lösungen in gewohnter Umgebung, wo die sozialen Kontakte sind, sieht er als gangbaren Weg. 

„Strategische Landkreisplanung“ ist der Lösungsansatz bei Hörmann. Mobilität, Wohnen spiele in den gesamten Komplex ebenso hinein wie Bildung und Erziehung. Für einen „lebenswerten Landkreis“ müsse es gelingen, die verschiedenen Facetten so abzudecken und zu entwickeln, dass am Ende keine doppelten Gehälter notwendig seien, sondern das Notwendige „eben auch vor Ort zu verdienen ist“. 

Schweizer ist die Unterstützung der Heime vom Landkreis wichtig und dass entsprechend Geld vom Budget abgezweigt wird. Mader sieht einen „Schlüssel“ bei den Frauen. „Wir brauchen flexiblere Arbeitsmodelle“, flexiblere Arbeitsplätze, Teilzeitmöglichkeiten, Kita-Plätze, öffentlichen Nahverkehr, listet sie auf. Bildung sei ein ebenfalls wichtiger Faktor, der mit der Hochschule in Kempten künftig gut abgedeckt werde. 

Thema: Landwirtschaft
Eine klare Absage erteilte Rist an den „Industrie-Lobbyismus“, wie auch der Rolle der Pharmaindustrie in der Landwirtschaft. „Ich will dem Lobbyismus keine Chance geben“, aber es passiere „leider durch die großen Parteien“, kritisierte er. Es gebe Bundes- und Landesgesetze, so das häufige Argument, aber das Gesetz „bietet immer einen theoretischen Rahmen, zwei Leitplanken“, zwischen denen das Gesetzt Anwendung finden müsse und in Bayern setze der Landrat vor Ort um. Hörmann sieht auf Kreiseben dagegen nur „sehr eingeschränkte“ Handlungsspielräume, da Brüssel eher „sehr enge Leitplanken“ vorgebe. 

Bei Schweizer steht im Vordergrund, dass der Landrat den Bauern Hilfe und Unterstützung bietet. 

Veterinärämter würden zu viel Dokumentation und zu wenig Beratungen machen, findet Käser, „ich würde mich für Entbürokratisierung einsetzen”. 

Baier-Müller nannte nur einen Begriff, um auszudrücken, woran es derzeit gegenüber der Landwirtschaft mangelt: „Wertschätzung“. 

Mader wies darauf hin, dass „wir Öko-Modellregion sind“ und die kleinbäuerlichen Strukturen fördern, vor allem auch, um die regionalen Produkte zu vermarkten. 

Kubatschka würde als Landrat die Veterinärämter besser ausstatten. Kontrollen sollen vor allem bei den großen Betrieben durchgeführt werden.

Thema: Tourismus
In seinen noch verbliebenen 13 Sekunden fasste Käser in einer zeitlichen Punktlandung zusammen: „Wir haben partiell Overtourism. Professor Baur sagt, der Verkehr ist das Problem. Wir brauchen ein Tourismuskonzept, keine Blätter, sondern ein Konzept und ich stehe für eine Qualitätsinitiative für kleine Tourismus-Betriebe.“

 Rists Ansatz ist Tourismus aus Sicht der Einheimischen, denn „wenn es uns hier gefällt“, gefalle es auch den Gästen. „Qualität vor Quantität“ ist sein Wahlspruch. 

Mobilitätswende, Energiewende und die „geordnete Form der Besucherlenkung wird laut Hörmann „dazu führen, dass wir kein Problem“ mit Overtourism haben.

Aus Sicht Schweizers sollen auch Vereine unterstützt werden. Denn wenn diese ihr „Brauchtum pflegen, dann stellt sich oft der Anteil vom Tourismus von alleine mit ein“. Beim Grünten gelte es, den Sommertourismus etwas mehr zu beleben. Und ein Ausbau der Radwege sei auch für die künftigen Radpendler wünschenswert. 

Mader setzt ebenfalls auf Qualität und will einen „klimafreundlichen Zweig aufbauen“, u.a. durch Unterstützung für eine Anreise mit der Bahn und die Vermarktung regionaler Produkte. Wintertourismus gelte es, jetzt „neu zu denken“, erteilte sie einer weiteren Förderung von Schneekanonen eine Absage. 

Während der Baier-Müller ein gemeinsames TourismusKonzept für das gesamte Allgäu vorschwebt, wünscht sich Kubatschka ein „allumfassendes Konzept“ für den ganzen Landkreis mit innovativen Wanderkarten, Reit- und Fahrradwanderwegen etc., das auch Familien herbringt.

Drei Publikumsfragen – ein Auszug
Bei den drei ausgewählten Publikumsfragen zu Windräderausbau im OA, 5G-Ausbau und was die potentiellen LandrätInnen in drei Jahren Amstzeit ungesetzt haben würden, regte Schweizer an, für eine alternative Optik spiralförmige Windräder in Erwägung zu ziehen; 

Rist gestand, mit 5G „nicht viel am Hut“ zu haben, empfahl aber vielleicht besser noch ein paar Monate mit dem Ausbau zu warten, „dann gibt’s eine tatsächlich bessere, weil viel gesündere Technologie“. 

Käser will sich hierzu lieber auf die vom Bundesamt für Risikobewertung bescheinigte Unbedenklichkeit verlassen und sieht in 5G den Standard für die Technologie der Zukunft. 

Die Ziele in den ersten drei Amtsjahren lauten bei
 • Mader: Regionalbahn, viele Kita-Plätze, mehr Teilzeit-Pflegeplätze • Hörmann: Start eines stimmigen ÖPNV, Weiterentwicklung der Zweckverbände und dabei die Tüftler und Mächler im OA in das digitale Zeitalter mitnehmen • Kubatschka: Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die ersten Bahnhöfe für die Eisenbahn bauen, Wasserstofftechnologie • Baier-Müller: „Wir sind in drei Jahren die erste Dienstleistungsbehörde in Bayern.“ Umsetzung von Energiewende, ÖPNV und sozialen Belangen • Käser: ein nachhaltiges Tourismus-Konzept, ein digitaler Zweckverband, Wasserstoff auf der Schiene, autonomes Fahren, und Pflegenotstand an oberste Stelle setzen • Rist: Ökologie, Soziales, Kultur und Ökonomie immer gemeinsam sehen. • Schweizer: Ausgebauter und preiswerter ÖPNV, eine gesunde Landwirtschaft, leistbares Wohnen.

Christine Tröger


Abstimmungsergebnisse:

Indra Baier-Müller: 24(vorher) 13(nachher); Christina Mader 11(vorher) 21(nachher) Alfons Hörmann: 39 (vorher) 36 (nachher); Michael Käser: 6 (vorher) 17 (nachher); Markus Kubatschka: 3 (vorher) 4 (nachher); Peter Rist: 2 (vorher) 4 (nachher); Uwe Schweizer: 3 (vorher) 1 (nachher); Hubert Müller: 3 (vorher) 2 (nachher).

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