Langwierige Aufarbeitung

Ein wissenschaftliches Gutachten liefert Impulse für die Streitfrage „Knussertstraße“

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Ob die Straße umbenannt oder mittels zusätzlich angebrachtem Schild in den Kontext aktueller Forschungsergebnisse gestellt wird, wird die Zukunft zeigen.

Kempten – Soll die Knussertstraße weiterhin ihren Namen tragen? „Wir müssen jetzt sachlich und frei von Emotionen auf die Person blicken“, sagt Oberbürgermeister Thomas Kiechle in dieser Streitfrage.

Dabei gehe es immer um die eigene Positionierung, auch angesichts erstarkender rechtsextremer Kräfte. Bereits vor zwei Jahren hatten sich Prof. Dr. Georg Karg und Dr. Michael Mayr, ehemalige Schüler von Dr. Richard Knussert am Humanistischen Gymnasium Kempten, an die Stadt gewandt, um eine Auseinandersetzung mit der Person Knussert und seinem Wirken im Nationalsozialismus anzustoßen (der Kreisbote berichtete).

Möglich geworden ist das mit dem umfangreichen wissenschaftlichen Gutachten, das Christina Rothenhäusler, Historikerin am renommierten Institut für Zeitgeschichte in München, erstellt hat. Darin ordnet die Autorin bisherige Kenntnisse über Dr. Richard Knussert in den aktuellen Forschungsstand ein. Dr. Martina Steber, ebenfalls Mitarbeiterin des Instituts, die beim „Bewegten Donnerstag“ vor einigen Wochen vom Forschungsstand zum Nationalsozialismus in Kempten berichtete, hat das Gutachten betreut und wird es bei der nächsten Stadtratsitzung am 30. Juli vorstellen. Die Stadt plane, so Kiechle, aus Gründen der Transparenz das Gutachten der Öffentlichkeit digital zugänglich zu machen. Die Grünen hatten im Juni einen Antrag gestellt, die Straße umzubenennen. Die AfD hat daraufhin gefordert, dass die Stadt den Anwohnern im Falle einer Umbenennung neben anfallenden Kosten zur Adressänderung auch eine Aufwandspauschale von mindestens 50 Euro pro Kopf bezahlen solle. 

Kulturarbeit und NS-Ideologie

Dr. Richard Knussert arbeitete zunächst als Lehrer an der Oberrealschule Kempten, ab September 1950 an der Oberrealschule Hohenschwangau und ab 1957 am Humanistischen Gymnasium in Kempten. Von 1936 bis Kriegsbeginn war er Gaukulturwart und später im Reichspropagandaministerium tätig. Der regionalen Kultur sei er eng verbunden gewesen und habe sich um die Erforschung und Vermittlung der Allgäuer Geschichte verdient gemacht. In diesem Punkt herrscht Einigkeit. Wie diese Verdienste allerdings zu bewerten sind, bedarf eines „wissenschaftlichen, vertieften Zugangs“, wie Kiechle sagt, der nun mit dem Gutachten „erstmals“ geschaffen werde. Darin wird eine „enge“ Verschränkung von NS-Ideologie und regionaler Kulturarbeit und Heimatpflege festgestellt: „So verstanden die Akteure ihre kulturellen Tätigkeiten immer auch als Beitrag zur Verwirklichung der kulturellen und politischen Ambitionen des Nationalsozialismus. Dies lag auch an der breiten Anschlussfähigkeit der vor 1933 bestehenden Konzepte in der regionalen Kulturarbeit und Heimatpflege.“

 Die Umstrukturierung der Gaukulturarbeit im Jahr 1936 – der bisherige Amtsinhaber wurde entlassen und durch NSDAP-Mitglied Knussert ersetzt, das Amt, das in der Gauleitung verankert war, wurde nun der Gaupropaganda-Leitung unterstellt – legt auch eine strukturelle Verbindung zwischen Kulturarbeit und NS-Regime nahe. Antisemitische Überzeugungen spiegelten sich in Knusserts Kunstverständnis wider. Kunst der Moderne zu fördern, „deutete Knussert als Teil einer „jüdischen Weltverschwörung“. Die „Fremd -rassigen” hätten „die künstlerischen Verirrungen” bewusst gefördert. Letztere dienten laut Knussert der „vom Juden angestrebten Auflösung des geordneten Staatswesens”.“ Knussert sei „mit völkischen und rassenideologischen geisteswissenschaftlichen Forschungen vertraut“ gewesen. Ob Knussert diesen Forschungsarbeiten unkritisch gegenüberstand, sei damit nicht belegt: „Durchaus kann es sein, dass Knussert in mancherlei Hinsicht auch vom NS-Regime „enttäuscht“ war, wie es einige seiner Lehrerkollegen im Jahr 1940/41 vermuteten.“ Mit dieser Stelle beleuchtet das Gutachten einen wichtigen Aspekt, bei dem sich sicherlich die Vorstellung historischer Laien von dem unterscheidet, was Historiker heute über das Funktionieren des nationalsozialistischen Regimes wissen. 

Das Gutachten bezieht sich hier auf den Historiker Prof. Ulrich Herbert, der an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg lehrt: In der Erforschung von Typologien politischen Verhaltens sei vermutlich nur eine Minderheit „nicht ambivalent, also einmütig gestimmt und ohne Zweifel“ an der NS-Ideologie gewesen. Bislang galt: Knussert wurde laut Bescheinigung des Entnazifizierungs-Hauptausschusses Telgte/Kreis Münster-Land am 18. Dezember 1948 als „Mitläufer“klassifiziert, eine Bezeichnung, die dem Betroffenen Weiterbeschäftigung im bisherigen Beruf ermöglichte. Ob Knussert nach 1945 nicht nur formal als teilweise rehabilitiert gelten durfte, sondern tatsächlich Abstand von antisemitischem Gedankengut und der NS-Ideologie genommen hat, ist nun zu klären gewesen. Rothenhäusler erkennt „Kontinuitäten“ in Knusserts weiter bestehendem „Glaube an einen vermeintlich guten Kern im Nationalsozialismus“, den Knussert in seinen Rechtfertigungsschreiben nach 1945 wiederholt zum Ausdruck brachte. 

Wichtige Teile der NS-Ideologie wirkten auch nach 1945 weiter fort, wohingegen ihre Kernelemente des Rassismus und Antisemitismus ausgeblendet oder als „Abirrungen einzelner Verbrecher“ gewertet wurden.Die individuelle Verantwortung, Teilhabe und Kooperation am NS-Regime blendete Knussert, wie auch andere schwäbische Funktionseliten, nach 1945 weitestgehend aus.“ Im Gutachten stellt die Autorin anhand zahlreicher Quellen aus mehreren Archiven fest, „eine „gegnerische Einstellung zur Partei“, die Knussert nach 1945 für sich beanspruchte, lässt sich nicht nachweisen. Vielmehr versuchte Knussert, interne Streitigkeiten mit seinem Vorgesetzten nachträglich als Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zu stilisieren – eine Taktik, die auch andere Funktionseliten nach 1945 anwandten.“ 

Erinnerungskultur

 Diese Frage beschäftigt nicht nur Kempten, sondern zahlreiche weitere Städte und Gemeinden. Die Stadt Freiburg etwa ließ auf Anregung von Bürgern durch eine achtköpfige Kommission alle rund 1300 Plätze und Straßen der Stadt prüfen. Auch die Stadt Oldenburg hat systematisch alle Straßennamen überprüft, die nach Personen benannt wurden, die nach 1930 starben. „Absolut notwendig und längst an der Zeit“ sei die Auseinandersetzung mit der Personalie Knussert, findet Markus Naumann, Vorsitzender des Heimatvereins Kempten. Der Prozess, Geschichte aufzuarbeiten, ist in seinen Augen „immer gewinnbringend“ und deshalb schlägt er eine Kommission aus Vertretern der Wissenschaft und der Stadt vor, die „ohne Zeitdruck“ umfangreich recherchieren und dann Entscheidungen treffen. „Es kommen noch einige andere Namen ins Spiel, die beleuchtet werden müssen.“ 

Zwischen Aneignung und Aufarbeitung 
Straßenumbenennungen sind kein neues Phänomen. Bereits vor Beginn des zweiten Weltkriegs wurden deutschlandweit viele Plätze und Straßen, die nach jüdischen Bürgern benannt waren, umbenannt, um Anhänger der NS-Ideologie zu ehren. Dass Straßenumbennenungen nicht zwingend auf Begeisterung stoßen, hat die Posse um die heutige Prälat-Götz-Straße bewiesen, was auch zeigte, wie schleppend die Entnazifizierung tatsächlich ablief. Erst 1973 wurde die Straße durch einen Beschluss des Stadtrats nach Generaloberst der Wehrmacht Eduard Dietl benannt, dem mehrere Kriegsverbrechen nachgewiesen wurden. Bundesweite Aufmerksamkeit zog der Fall auf sich, als sich 1993 Bonn, damals noch Bundeshauptstadt, einschaltete und die Umbenennung erzwang. 

Der Fall gelangte in die überregionale Presse, ebenso wie die Umbenennung des Carl-Diem-Wegs. Carl Diems Ehrung wurde in zahlreichen Städten zurückgenommen. In Kempten fand man in der Regionalgeschichte die Person Karl Diem und blieb zumindest phonetisch beim gewohnten Namen. 

In der Causa Knussert wird es letztlich darum gehen, als was die Benennung einer Straße nach einer Persönlichkeit verstanden werden will: Als Ehrung oder Mahnung? 

Martina Ahr

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