Unsere Historienseite

Woher kommt der Name der Besenkapelle an der Memminger Straße?

1 von 4
Die Besenkapelle an der Memminger Straße.
2 von 4
Das Deckengemälde im Inneren der Besenkapelle.
3 von 4
Besen neben dem Altarkreuz.
4 von 4
Opfertafel für die armen Waisen.

Kempten - Klein und unscheinbar, dabei künstlerisch, historisch und auch volkskundlich bedeutend ist die Kapelle an der Memminger Straße 61. Heute nehmen kaum mehr Menschen Notiz von ihr. Dabei ist ihre Geschichte und Bedeutung hoch interessant.

VON DR. WILLI VACHENAUER

Dieses kleine katholische Gotteshaus steht direkt gegenüber dem ehemaligen Stiftskrankenhaus und neben einem denkmalgeschützten Gebäude, das der Barockmaler Franz Georg Hermann in den Jahren 1730/40 für sich als Wohnhaus erbauen ließ. 1858 wurde das ehemalige Wohnhaus von Hermann zu einem katholischen Waisenhaus umgewidmet. 1957 errichtete man neben dem Waisenhaus ein weiteres Gebäude. Das ehemalige Waisenhaus beherbergt heute die Kindertagesstätte St. Nikolaus. Den Künstler Franz Georg Hermann, (geboren am 29. Dezember 1692 in der Stiftsstadt Kempten, gestorben am 25. November 1768 in der Stiftsstadt) ernannte Fürstabt Anselm Reichlin von Meldegg, der seit 1728 in Kempten regierte, zu seinem Hofmaler. Hermann, der auch in Kempten äußerst schaffensreich wirkte, schuf unter anderem in der Stiftskirche St. Lorenz die Kuppelbilder, in den Prunkräumen der Residenz alle Decken- und Wandgemälde und die Porträts der Fürstäbte im Fürstensaal der Residenz sowie die Fassade des Landhauses in Kempten. Auch malte er zwischen 1740 bis 1742 den Festsaal im Ponikauhaus in der evangelischen Reichsstadt Kempten aus.

Die Besenkapelle dürfte um 1740 als Hauskapelle für den Hofmaler Hermann errichtet worden sein. Hermann kam gerne in diese Kapelle, um dort zu beten. Auf einem dieser Gänge ereilte ihn dann auch der Tod.

Die Menschen im damaligen Kempten und im Stiftsgebiet gaben dem Kirchlein verschiedene Bezeichnungen. Einmal nannten sie es „Besenkapelle“, oder wie der Allgäuer auch sagt „Besenkäppele“. Der offizielle Name „Besenkapelle“ ist heute noch als Inschrift über dem Eingang zu lesen. Es bürgerte sich auch der Begriff „Kopfhäusle“ ein. Beide Benennungen sagen aber kaum etwas über ihre Bedeutung oder gar über ihre interessante Geschichte aus. Die Kapelle selbst gibt über die Namensgebungen kaum Hinweise mehr. Als einziges Indiz stehen rechts und links des Altarkreuzes noch einige Besen und eine Gedenktafel rechts vom Eingang der Kapelle gibt nähere Hinweise für die Bezeichnung Kopfhäusle.

Schon mit dem Begriff Besenkapelle werden viele Menschen heute kaum mehr etwas anfangen können. Dieser Name rührt daher, dass die Zeitgenossen Reisigbesen als Symbol der Reinigung opferten. Dies taten sie in der Hoffnung, von sogenannten „Aißen“, aber auch Warzen befreit zu werden. Seinerzeit verstand man unter einem „Aiß“, dass man unter einem Furunkel, einem Geschwür oder anderen Hautausschlägen litt. 

Früher glaubten die Geplagten noch, dass man von Aißen durch die Hilfe des heiligen Zyprian und der heiligen Justine Heilung finden konnte, wenn sie einen Besen in der Kapelle hinterließen und an die beiden Heiligen beteten. Der heilige Cyprian aus dem ehemaligen Kupferland „Cypern“ war aber zunächst alles andere als ein Heiliger, sondern ein gottloser Zauberer, der den Menschen allerlei Gebrechen angehext haben soll, ehe es der heiligen Justine gelang, ihn zu bekehren. Vielleicht haben ihn die Menschen deswegen für seine Besenwunder ausgesucht, weil sie es sonst keinem anderen zugetraut haben, eine solche zauberähnliche Heilung zu bewerkstelligen.

Die Besen, die die Leidenden dabei in der Kapelle hinterließen, dienten symbolisch als Reinigungsgerät, mit dem solche körperlichen Beschwerden weggefegt werden konnten. Einen Besen als Reinigungsinstrument fand man bei uns früher auch in anderen Zusammenhängen. Wer wollte, dass sein Haus oder Stall über das Jahr von Mäusen verschont bleiben sollte, musste am Karsamstag während der Auferstehungsfeier um sein Haus herumgehen und einen Besen nach sich ziehen. Wie populär der Besen als Reinigungssymbol damals gesehen wurde, beweist die Tatsache, dass nicht nur in Kempten, sondern auch andernorts wie z.B. in Altusried, Börwang, Buchenberg, Dietmannsried, Wertach oder Wiggensbach solche Kapellen bekannt sind.

Der Ursprung der Besenkapellen liegt vermutlich in den Pestzeiten. Die Menschen, die seinerzeit von der Pest verschont geblieben sind oder sie überlebt haben, sich also davon gereinigt hatten, opferten zum Dank dafür einen Reisigbesen. Wie viele Menschen damals Heilung von ihren Beschwerden erhielten, ist heute nicht mehr feststellbar. Sollte jemand in dieser Kapelle einen Besen finden, dann – so glaubten die Menschen früher – ist es angeraten, ihn dort stehen zu lassen. Es könnte nämlich sein, dass derjenige, der einen solchen Besen stiehlt, zur Strafe Warzen, Aißen oder sonstige Ausschläge bekommt.

Die Besenkapelle nannte der Volksmund früher auch „Kopfhäusle“. Wahrscheinlich haben die Menschen damals das Kirchlein nur „Kopfkapelle“ genannt. Erst später dürfte sich dann auch die Bezeichnung Besenkapelle eingebürgert haben.

Rechts vor dem Eingang befindet sich ein Gedenkstein mit Inschrift, dessen Text den Namen „Kopfkapelle“ erklärt. Er verweist darauf, dass die zum Tode verurteilten „armen Sünder“ auf dem Weg zur stiftischen Richtstätte an der Rottach (bei der heutigen Breite) an dieser Kapelle vorbeikamen. Hier angekommen, hatten die Todgeweihten die Gelegenheit, ein letztes Vaterunser zu sprechen, damit sie wenigstens im Jenseits Gnade finden konnten. Dieser Gedenkstein befindet sich erst ab dem Jahr 1940 neben der Kapelle. Dies belegt eine Rechnung des Steinmetzgeschäftes „Max Röhrle“ in der Memminger Straße 62, das damals diesen Auftrag der Stadt erledigte.

Der innere Teil der Besenkapelle ist schon im 19. Jahrhundert renoviert und damit entfernt oder übermalt worden. Weitere zwei Renovierungen kamen in der jüngeren Vergangenheit hinzu. Die erste erfolgte im Jahre 1964 und verursachte Kosten in Höhe von 2000 DM, die von der Katholischen Waisenhausstiftung übernommen wurde. Diese Renovierungsarbeiten waren notwendig, weil neben dem Kirchlein zwei Pappeln standen, deren Wurzelwerk das Fundament gesprengt hatten. Daher veranlasste das Stadtbauamt die notwendigen Ausbesserungsarbeiten. Darüber hinaus ließ man den Innenraum neugestalten. Verschwunden ist dabei die einstige bauliche Ausstattung, ebenso wie das Nazarener-Altärchen mit einer Darstellung des Malers J.B. Kaspar aus Obergünzburg von 1860.

Aus dem Jahr 1928 stammt das Deckengemälde, das angeblich „Christus als Kinderfreund“ zeigt, eine Arbeit von Siegfried Böck, die im Zusammenhang mit dem ehemaligen katholischen Waisenhaus stehen dürfte, das sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Umzug im Jahre 1974 daneben befand. Diese Verbindung stellt auch eine rechts vom Eingang befindliche Tafel her, die jedem Spender dankt, der für die armen Waisen eine Opfergabe erbringt.

Die zweite Renovierung erfolgte im Jahre 1999, als das für die Pflege des Kirchleins zuständige „Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Gerhardinger Haus“ ihr 25-jähriges Bestehen feierte. Dabei ließ die Einrichtung das Gebäude innen und außen erneuern.

Die Besenkapelle, die von der „Katholischen Waisenhaus-Stiftung“ verwaltet wird, ist während des Tages geöffnet und kann jederzeit betreten werden. Heute kommen nur noch wenige Menschen, um die Kapelle zu besuchen oder gar in ihr zu beten. Dies war noch zu den Zeiten, als das ehemalige Stiftskrankenhauses in Betrieb war, ganz anders. Damals gab es viel mehr Besucher, die entweder vor anstehenden Operationen um ein gutes Gelingen der Eingriffe beteten oder sich für die Genesung von Krankheiten bedankten sowie für ihre erkrankten Angehörigen Gebete verrichteten.

Auch interessant

Meistgelesen

Adrenalin-Kick beim Hornerrennen in Sulzberg
Adrenalin-Kick beim Hornerrennen in Sulzberg
Der Kreisbote Kempten prämiert den schönsten "Schneemann"
Der Kreisbote Kempten prämiert den schönsten "Schneemann"
Sportlerinnen und Sportler des Jahres 2018
Sportlerinnen und Sportler des Jahres 2018
Rodelunfall in Eschach
Rodelunfall in Eschach

Kommentare