Ein wachsendes Problem: Wohnungslosigkeit

Notunterkünfte sind eine Herausforderung – für ihre Bewohner wie die Kommune

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Michaels Zimmer ist zwar klein und schlicht, aber sauber und ordentlich. Erkannt werden möchte er nicht.

Vorzugsweise wendet man den Blick wohl ab, wenn man auf der Straße an ihnen vorübergeht, vielleicht hat man auch ein paar „Groschen“ für sie übrig: die Obdachlosen, die „Penner“ auf der Parkbank, die Verlierer der Gesellschaft und auch – die für die Gesellschaft Verlorenen. 

Sie leben per definitionem „freiwillig“ auf der Straße und bilden nur die Spitze der Wohnungslosigkeit. Der andere Teil sind diejenigen, die man in der Regel nicht sieht, weil sie nicht gesehen werden wollen; weil sie noch Scham empfinden können, weil sie selbst fassungslos sind, in welcher Situation sie sich (gerade) befinden und auch aus Angst vor Stigmatisierung.

118 wohnungslose Menschen leben in den Notunterkünften der Stadt Kempten (Stand Januar 2018). Sie müssen seitens der Stadt „menschenwürdig“ untergebracht werden. Dafür gibt es, unter anderem, 18 Wohneinheiten in der Reinhartser Straße 2, sechs in der Nr. 8, zwölf in der Nr. 10 und zwei in der Nr. 12. Natürlich wird jede Wohneinheit mit mehreren Personen belegt. Einen Anspruch auf ein eigenes Zimmer haben die Bewohner laut Gesetz nicht und gerade in der kalten Jahreszeit kann es auch mal enger werden, wie Rechtsdirektorin Nadine Briechle, die als Rechts-

amtsleiterin auch mit dem Bereich Notunterbringung befasst ist und sich beharrlich für Verbesserungen einsetzt, einräumt. Weitere 15 Wohnungen in einer Anlage am Schumacherring sind vor allem Alleinerziehenden mit ihren Kindern vorbehalten, damit sie in einem einigermaßen „normalen“ Umfeld sein können. Und Briechle ist ständig auf der Suche, um weiteren Wohnraum zu generieren. Zwar gibt es deutschlandweit keine richtigen Statistiken. Dass der Bedarf an Notunterkünften steigt, steht dennoch außer Frage; auch in Kempten, was selbst aus den wenigen ihr vorliegenden Zahlen hervorgeht.

Demnach waren im Oktober 2012 insgesamt 54 Personen in den Kemptener Unterkünften untergebracht, 2017 bereits 113. Auch die Aufenthaltsdauer entspricht eher selten dem angedachten „Übergangscharakter“. Von 111 untergebrachten Personen (Stand: Mai 2017) waren 14 bis zu drei Monaten dort, drei Personen zwischen drei und sechs Monaten, 55 Personen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren und 39 Personen über zwei Jahre.

Basierend auf Schätzungen spricht die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) von deutschlandweit 860.000 Wohnungslosen im Jahr 2016 (70 Prozent davon alleinstehend, 73 Prozent männlich) und prognostiziert 1,2 Millionen für das laufende Jahr. Seit 2016 werden anerkannte wohnungslose Flüchtlinge allerdings mit eingerechnet. Sie machen laut BAGW 2016 etwa die Hälfte der Wohnungslosen aus, werden aber meist in ihren Gemeinschaftsunterkünften akzeptiert, bis sie eine Wohnung gefunden haben, sodass sie zumindest die Notunterkünfte kaum belasten. Die Zuwanderung insgesamt habe die Situation zwar verschärft, sei aber keineswegs die einzige Ursache für die Wohnungsnot, so der Tenor.

Würde als Definitionssache

Etwa 25.000 Menschen gelten in Bayern als wohnungslos. Es sind einmal Obdachlose (laut Schätzung der BAGW circa 52.000), die eine Notunterkunft höchstens im Extremfall und nur kurz beanspruchen; und es sind Menschen, die unfreiwillig ihr Dach über dem Kopf verloren haben, aus welchem Grund auch immer: Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt (JVA), Trennung, Scheidung, Jobverlust, Zwangsräumung, Brand, Schulden, häusliche Gewalt, Anstieg von Mieten, zunehmende Gentrifizierung (der Wechsel von einer statusniedrigen, finanzschwächeren zu einer statushöheren, finanzkräftigeren Bewohnerschaft).... Gründe gibt es viele. In der Notunterkunft landen dann diejenigen, die nicht (mehr) bei Angehörigen oder im Freundeskreis unterschlupfen können. Betroffen sind zunehmend Alleinerziehende und auch Menschen aus der unteren Mittelschicht. Sehr häufig sei zudem eine psychische Beeinträchtigung, u.a. Depressionen, mit im Spiel. Allen gemein ist neben dem Anspruch auf mindestens Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) XII (also Sozialhilfe, Arbeitsfähige Hartz IV), dass ihnen seitens der zuständigen Kommune die Unterbringung in einer „menschenwürdigen Unterkunft“ zusteht. Spätestens hier wird es schwierig, denn nirgends ist so genau definiert, was darunter zu verstehen ist, und so fällt die Interpretation entsprechend unterschiedlich aus. Unter www.gesetze-bayern.de findet sich zur „Unterbringung von Obdachlosen nach Sicherungsrecht“ (gemeint ist vor allem der Schutz von Leib und Leben der Betroffenen selbst) in einem Passus: „Die Notunterkunft gewährleistet ein vorübergehendes Unterkommen einfacher Art; sie bietet Raum für die notwendigsten Lebensbedürfnisse; die an eine Normalwohnung zu stellenden Anforderungen bezüglich Lage, Größe, Einrichtung und sonstiger Verhältnisse brauchen nicht erfüllt zu sein. Es besteht weder ein Anspruch auf Räume bestimmter Art, Lage oder Größe oder für eine bestimmte Zeitdauer {...}nach Möglichkeit soll alles zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz des Obdachlosen getan werden. Unterbringungen in Notunterkünften von über einem Jahr sollten nach Möglichkeit vermieden werden {...}.“

Mindestens der letzte Punkt ist realitätsfern, denn es gibt nicht nur in Kempten Dauergäste. Damit sind nicht die gemeint, die in Endlosschleife von der JVA kommen und wieder in die JVA gehen. Gemeint sind die, die schon lange in der Notunterkunft leben und auch nicht mehr fort wollen, da sie sich dort aufgehoben fühlen. Darauf wird – zumindest in Kempten – schon allein wegen der psychischen Labilität vieler Bewohner Rücksicht genommen, selbst wenn der Platz knapp ist.

Es ist nur einer von vielen Punkten, die den Verantwortlichen Handlungsbedarf angezeigt haben. So wird derzeit an einem Konzept gefeilt, das vor allem der Prävention von Wohnungslosigkeit dienen soll, denn die Notunterbringung ist nach allgemeiner Erkenntnis die teuerste Lösung. Aber dazu später mehr.

Die Konferenz der Wohnungslosenhilfe in Bayern (KWB) mahnt bauliche Gegebenheiten an, „die ein Mindestmaß an Privatsphäre garantieren und modernen Standards entsprechen“. Dass auch das in Ausnahmefällen nicht immer den Vorstellungen von „Normalbürgern“ entspricht, wird in einer der Notunterkünfte sichtbar: Wegen des Raumbedarfs wurde in einem geräumigen Eingangsbereich ein (fensterloses) Zimmer abgetrennt, das zugunsten von Licht und Luft keine bis zur Decke durchgezogene Wand erlaubt. Da relativiert sich das mit der Privatsphäre automatisch.

Dennoch, definitiv Historie dürften wohl Dinge sein, wie die bis mindestens in die 1990er Jahre unter vielen Kemptenern kursierende – und nicht eben schmeichelhafte – Bezeichnung „Ratzenburg“ sowie Geschichten von herausgerissenen Holzböden, die verfeuert wurden, weil das Geld lieber für Alkohol ausgegeben wurde. Das liegt lange zurück. Seit 2005 ist die BSG-Allgäu mit Verwaltung und Betreuung der Liegenschaften betraut. Für Briechle „ein Segen“, denn sie leiste „wesentlich mehr als sie müsste“. So wurden in den letzten Jahren sukzessive fast alle Wohnungen in den Gebäuden auf einen zwar noch immer spartanischen, aber doch einigermaßen menschenwürdigen Standard gebracht, der auch für das Gebäudemanagement besser handelbar ist: ordentliche sanitäre Einrichtungen mit Kalt-/Warmwasser mit großem Boiler, Kochgelegenheit, Zentralheizung (durch die die Brandgefahr sinkt), pflegeleichte Linoleumböden, bei Bedarf Basismöblierung (Bett, Schrank, Sitzgelegenheit) und auch geweißelt wird in der Regel vor jeder Neubelegung – kein Luxus, wie einige der eben frei gewordenen Zimmer zeigen. Nachzügler ist die Reinhartser Straße 2, in der es noch vier Wohnungen mit Holzofen gibt, in denen das Bad aus Waschbecken und WC besteht, mit Kaltwasseranschluss. Ein kleiner Boiler, macht es immerhin möglich, dass es mit ein bisschen Engagement für die in Eigenverantwortung zu organisierende Stromversorgung etwas Warmwasser geben kann. „So war der Standard einmal definiert“ sagt Matthias Seitz von der BSG-Hausverwaltung und „Kümmerer“ in den Einrichtungen beim gemeinsamen Rundgang. Wie in den anderen Wohnungen bereits geschehen, werde aber auch hier der Standard bis zum Sommer „hochgefahren“. Zudem achten BSG und Stadt gemeinsam auf eine möglichst homogene Belegung, um Reibungspunkte von vornherein wenigstens zu minimieren. Gegebenenfalls wird sogar Lagerraum organisiert, um den hier nicht einsetzbaren Hausrat (falls vorhanden) zu bunkern, bis eine richtige Wohnung gefunden worden ist. Mit Sascha Kiefert von der BSG-Hausmeisterei ist darüber hinaus ein Mann vor Ort, dem die Bewohner vertrauen, der sich bereitwillig ihre Sorgen und Nöte anhört und der sich auch um viele Dinge kümmert, die eigentlich nicht zu seinen Aufgaben gehören: Hier ist es eine kaputte Tür, dort ein verlorener Schlüssel oder die Frage nach einem Pinsel, um die Wand zu streichen und da „hat mir jemand den Pulli geklaut“.

Not-Wohnen in der Reinhartser Straße

Ein Bewohner, der noch mit den Gegebenheiten in Nr. 2 klarkommen muss, ist Michael. Er hat ein winziges Zimmer bezogen, eigentlich ein „Not-Not-Zimmer“, will heißen, ein Notzimmer in der Notunterkunft. Aber ihm gefällt es, weil es ein bisschen abgelegen ist in der Wohneinheit, die er sich mit anderen Personen teilt. Seinen vollen Namen möchte der 51-Jährige aber lieber nicht preisgeben. Anders als wohl die meisten seiner SchicksalsgenossInnen nicht so sehr aus Scham, denn er beschönigt den eigenen Anteil daran, dass etwas in seinem Leben schiefgelaufen ist, nicht. Aber er weiß auch um die Vorurteile und Stigmatisierung, die damit verbunden sind und es ihm erschweren, wieder Fuß zu fassen im normalen Leben. So ziehe er hier das Leben eines „Eigenbrötlers“ vor, der sich lieber nicht zu sehr mit den anderen Bewohnern sozialisieren möchte, sagt er. Bereitwillig erzählt er seine Geschichte – für ihn etwas Abwechslung im gleichförmigen Alltagsgrau, das wegen der geringen finanziellen Mittel wenig Spielraum lasse. Beruflich hatte es den aus Ulm stammenden Koch vor einigen Jahren nach Buchenberg verschlagen, wo er selbständig gewesen sei. Dann das Aus wegen einer Steuergeschichte mit einem ersten kurzen Aufenthalt in der Notunterbringung im Jahr 2016. Schließlich das Gerichtsurteil und Umzug in die JVA. Seit September 2017 ist Michael nun wieder in der Reinhartser Straße 2.

180 Euro „Nutzungsgebühr“, wie die Miete hier heißt, zahlt er für sein Zimmerchen. Sie wird nach einem festen Satz berechnet. Strom geht extra via gemeinsamer Prepaid-Karte für die Bewohner der Einheit. „Aber das funktioniert meistens nicht“, sagt Michael. „Einer ist immer der Buhmann“, der sich am Ende mehr oder weniger allein darum kümmert und bezahlt. Es seien halt schon sehr unterschiedliche „Schichten“ hier versammelt, auch „was die Abstürze betrifft“, drückt er sich geradezu diplomatisch aus. Dennoch sei er froh, dass es so eine Unterbringung gebe. „Was tätest Du denn sonst machen?“ Aber, „wie jemand länger hier bleiben will“, geht ihm nicht in den Kopf.

Nachdem er zunächst Arbeitslosengeld bekommen habe, sei er jetzt Hartz-IV-Empfänger, erzählt Michael weiter. Große Sprünge seien da nicht drin. Einen Job könne er als Koch zwar jederzeit bekommen, aber, deutet er auf seinen rechten Fuß, zuerst brauche er da eine OP, weil er so nicht belastbar sei. Er ist zuversichtlich, das in diesem Jahr hinzubekommen und danach noch eine Reha. „Dann gibt es wieder andere Möglichkeiten“, zeigt er Optimismus. Immerhin hat er nach eigener Angabe eine Mutter, die zu ihm steht. Bei ihr unterkommen könne er aber wegen ihres jetzigen Ehemannes nicht, sagt er.

Drei Wohnungen habe er inzwischen besichtigt – erfolglos. Erfolglos nicht nur wegen seines Aufenthaltes in der JVA, sondern auch „wenn einer hört Reinhartser Straße, ist es fast unmöglich etwas zu finden“. Vor allem wegen des Vorurteils, dass hier eh nur Alkoholiker seien. Wenn das auch sicher nicht bei allen zutreffe, wie er beteuert, so ganz von der Hand weisen kann er nicht, dass „manche hier drei bis vier Flaschen Korn trinken und dann noch gerade laufen“. Klar, auch er trinke gerne mal ein Bierchen, auch mal zwei oder drei – aber kein Vergleich. Auch von Drogen wie Amphetaminen wisse er. Alles in allem ein Klima, in dem Gewalt „vorprogrammiert ist“. So sei auch die Polizei öfter mal hier, wegen nächtlichem Geschrei oder Schlägereien. Was ihn echt „belastet“ seien die „häufigen Wechsel“ der Bewohner. Man frage sich jedes Mal, „wer da wohl kommt und hofft kein Junky und kein Randalierer“.

Bei einigen sei es auch beliebt, freiwillig ins BKH (Bezirkskrankenhaus) zu gehen, weil es dort angenehmer sei, sie besser betreut würden als hier, das Frühstück gerichtet bekämen und weil sie dort „Tropfen kriegen, mit denen es ihnen gut geht“. Wenn sie nach 14 Tagen zurückkämen, gehe es allerdings weiter wie bisher. Deshalb halte er es nur dann für „sinnvoll, wenn man danach gleich von hier wegkommt“, sonst sei „das Fahrwasser vorprogrammiert“.

Ohne Hilfe, findet er, „ist es schwierig, hier wieder wegzukommen“. Auch wenn er sich offensichtlich damit noch nicht weiter befasst zu haben scheint, weiß er, dass es verschiedene Stellen gibt, wo man Hilfe bekommen kann. Als großes Manko empfindet er allerdings, dass sie alle unten in der Stadt sind. Für ihn mit seinem kaputten Fuß nicht zu machen. Außerdem, „wenn Du hier bist, bist Du hier“, beschreibt er den Bewegungsradius der meisten Bewohner bis zum nahen Bäcker. Dass er Anspruch auf verbilligte Bustickets hat, das höre er zum ersten Mal. Hätte er das Infoblatt gelesen, das die BSG jedem bei Einzug in die Hand drückt, und eine der dort gelisteten Kontaktstellen von Diakonie und Caritas aufgesucht, hätte er es wohl gewusst. Vielleicht hätte er dann auch das Angebot der „Tafel“ doch ab und an genutzt, das ihn zusammen mit dem (normalen) Busticket viel teurer komme, als beim Discounter um die Ecke etwas zu besorgen, wie er vorrechnet.

Für Briechle sind solche Aussagen nicht neu. Deshalb sieht sie in der „Niederschwelligkeit der Ansprechpartner“ einen entscheidenden Faktor für die Zukunft. „Zu denken, dass sich die Leute auf der Behörde melden, um das bestmögliche Angebot für sich herauszufinden, ist illusorisch.“

Endstation Notunterkunft?

Eines der Haupthindernisse dabei, sein Leben (wieder) in geregelte Bahnen zu bekommen, dürfte die Tatsache sein, dass allzu oft psychische Erkrankungen vorliegen, die weder Motivation noch Initiativergreifung oder gar Handlungsfähigkeit fördern.

In der sogenannten SEEWOLF-Studie für den Bereich München, wurde bei 87 Prozent der wohnungslosen Menschen eine vorausgehende psychische Erkrankung zumindest als Beschleuniger für Wohnungslosigkeit ausgemacht. Die Autoren sehen in den Ergebnissen Hinweise auf die Gesamtsituation wohnungsloser Menschen.

Briechle bedauert, dass man behördlicherseits meist erst dann etwas von den sozialen Problemen der Betroffenen mitbekomme, „wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“. Andernfalls könne die Wohnungslosigkeit oft unter anderem durch vermittelnde Gespräche mit dem Vermieter verhindert werden.

Oberstes Ziel: Prävention

Um es künftig möglichst gar nicht zum „worst case“, also zum Schlimmsten, kommen zu lassen, soll bald ein ganzheitliches Konzept auf den Weg gebracht werden. Briechle und Thomas Baier-Regnery, Noch-Jugendamtsleiter und designierter Sozialreferent ab Juli 2018, streben dafür eine Kooperation mit der BSG-Allgäu und der Diakonie an, nicht zuletzt, um die derzeit sehr verstreuten Zuständigkeiten zu bündeln. Außerdem, sagt Briechle, das Thema „nur ordnungsrechtlich anpacken, verwaltet nur das Problem, verwaltet die Obdachlosigkeit“. Um auch die wachsende Zahl an Menschen mit psychischer Beeinträchtigung vor der Wohnungslosigkeit zu bewahren, möchte Baier-Regnery zudem sozial orientierte Wohngenossenschaften mit ins Boot holen, „die noch am ehesten dafür offen sind“. Generell aber „ist eine Durchmischung der Bewohner wichtig“.

Dass die BSG mit im Boot ist, versteht sich von selbst. Sie hat hier bereits viele Jahre gute Arbeit geleistet und Briechle schätzt auch die Einstellung des Unternehmens, das für ihre Genossenschafts-Mieter schon seit Jahren einen eigenen Sozialarbeiter beschäftigt.

Für die Diakonie sieht Baier-Regnery an vielen Stellen Einsatzbedarf, sei es die Schuldnerberatung als „wichtige Verbindungsstelle“ oder die Sozialarbeit, die künftig vor Ort stattfinden soll, mit einem Büro in direkter Nachbarschaft zur Notunterkunft und möglichst auch als „aufsuchende Sozialarbeit“ mit Sozialarbeitern, die auf die betroffenen Menschen zugehen. Als ebenfalls wichtig erachtet er die Strafgefangenenhilfe, schon allein weil Wohnsitznahmen (die Pflicht in einem bestimmten geographischen Gebiet zu wohnen) aufgrund der Wohnungsknappheit nicht mehr so einfach sei.

Nicht nur dass sich das gesamte Diakonische Werk in vielerlei Art und Weise um wohnungslose Menschen kümmert. Auch die Diakonie Kempten Allgäu bringt einiges an Erfahrung mit in die Kooperation. Wie Geschäftsführerin Indra Baier-Müller erklärt, sei man ja in der Kirchlich Allgemeinen Sozialarbeit (KASA) „immer wieder mit Leuten konfrontiert, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder bereits betroffen sind“. Deshalb habe

KASA-Leiter Rüdiger Leibfried auch schon vor einiger Zeit wegen einer Ortsbegehung der Notunterkünfte bei der BSG angefragt. Was Baier-Müller sehr bedauert ist, dass die Ausstellung „My home ist my castle“, die vergangenen Sommer im Rahmen der Aktionswoche „Gemeinschaft schaffen“ (eine Kooperation von Caritas, Diakonie und Stadt Kempten) das Thema Armut und Wohnungslosigkeit sehr gut gezeigt, aber kaum Unterstützung von der Presse erhalten habe.

Neben der präventiven Arbeit, der psycho-sozialen Betreuung und der Suche nach Wegen, die wohnungslos gewordenen Menschen wieder in ein geregeltes Leben zu bringen, schwebt der Diakonie-Chefin langfristig ein Gesamtkonzept vor, das sich am Sozialdorf Herzogenmühle der Diakonie in Peiting orientieren soll. Dabei handelt es sich um ein begleitetes Wohnprojekt, um die Menschen aufzufangen, unter anderem mit Arbeitsmöglichkeiten, die eine Reintegration erleichtern sollen.

Sozialpolitische Fehlentscheidungen

In der aktuellen Ausgabe (1/2018) der Hauszeitung „Herzogsägmühle aktuell“ sprechen schon allein Schlagzeilen wie „Diakonie fordert einheitliche Standards für Wohnungslosenhilfe“ für sich. Vor allem aber ist der Ruf von Diakonie und BAGW nach einer Korrektur der „verfehlten Wohnungspolitik“ nicht zu überhören. So wird das Angebot an bezahlbarem Wohnraum als unzureichend kritisiert, mit einem beständig schrumpfenden Sozialwohnungsbestand,

der seit 1990 um rund 60 Prozent abgenommen habe. Das werde sich in den nächsten Jahren so fortsetzen, da viele Sozialwohnungen aus der Bindung fallen würden. Darüber hinaus beklagt BAGW-Geschäftsführer Thomas Specht, dass Kommunen, Bundesländer und der Bund eigene Wohnungsbestände privatisiert und so zuvor bezahlbaren Wohnraum dem freien Markt überlassen hätten. Eine große Kluft bestehe zudem zwischen Angebot und Nachfrage von Ein- und Zweizimmer-Wohnungen. Seine Forderung richtet er an die Kommunalpolitik: Dafür zu sorgen, dass Wohnungslose wieder in Wohnungen ziehen können, gegebenenfalls durch Quoten für die Vermietung von geförderten Wohnungen an wohnungslose Menschen; oder auch durch gezielte Akquise von Wohnungen bei privaten Vermietern und der Wohnungswirtschaft. Förderprogramme von Bund und Ländern sollen das Ganze flankieren

Kempten "immer schon anders"

Da beruhigt es irgendwie von Dagmar Lazar, Leiterin des Amtes für Wirtschaft und Stadtentwicklung, zu hören, „dass Kempten mit der Sozialbau immer schon anders war als andere Städte“. Denn viele hätten sich ab den 1990er Jahren, im Zuge von Privatisierung, von ihren Wohnbaugesellschaften getrennt. Die Sozialbau dagegen sei seit über 60 Jahren städtisches Tochterunternehmen. Zwar habe man sich 1990 per Stadtratsbeschluss von „sogenannten entbehrlichen Objekten“ getrennt, aber gerade den bezahlbaren Wohnraum bewusst an die Sozialbau verkauft und „nur ganz wenig an den privaten Wohungssektor“. Während die Sozialbau sich seit einigen Jahren dem „Kemptener Modell“ verschrieben hat und neuen Wohnraum für die „bürgerliche Mitte“ schafft, wodurch alte Wohnungen für einkommensschwache Haushalte frei werden, setzt die BSG-Allgäu wieder verstärkt auf geförderten Sozialen Wohnungsbau und auch die Baugenossenschaft (BG) ist dabei, nach Jahren des Stillstands, im Sozialen Wohnungsbau wieder aktiv zu werden.

Obdachlosen-Tourismus als Win-Win-Projekt

Einen kreativen Weg, den Menschen das unliebsame Thema Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit näherzubringen, gibt es in der Stadt Wien. Dank einer pfiffigen Jungunternehmerin können interessierte Touristen wie Einheimische mit SHADES TOURS (www.shades-tours.com) eine etwas andere Stadtführung buchen. Wie es in der Ausschreibung heißt, taucht man dabei mit einem selbst davon betroffenen Guide in die Welt der Obdachlosigkeit ein und wird dazu angeregt, das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. „Mit welchen Herausforderungen leben obdachlose Menschen? Wie funktioniert das Wiener Sozialsystem? Welche Lösungsansätze werden von welchen Sozialeinrichtungen angeboten?“ Es klingt nach einem „Win-Win-Angebot“, bei dem die Besucher eine ihnen fremde Welt kennenlernen und das den von der Straße weg akquirierten Guides ein kleines Einkommen und eine neue Perspektive ermöglicht. Manchmal verlangen schwierige Themen eben nach ungewöhnlichen Lösungen. Nach eigenen Angaben konnten in den zwei Jahren SHADES TOURS immerhin 7000 Menschen die Stadt unter einem für sie völlig neuen Blickwinkel erkunden.

Christine Tröger

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