Große Bühne für volles Haus

Das zweite Meisterkonzert sorgt für ein ausverkauftes Stadttheater

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Die Württembergische Philharmonie Reutlingen mit dem Solisten des Abends Benjamin Schmid.

Kempten – Das zweite Meisterkonzert der Saison in Kempten am vergangenen Dienstag begann wie so oft nicht auf der Bühne, sondern im Theater oben mit einer Einführung durch den Programmkoordinator Dr. Franz Tröger und die künstlerische Direktorin des Stadttheaters Silvia Armbruster.

Dies war gewissermaßen der erste Satz des Abends, und der endete in Moll.

Nachdem Tröger nämlich in seiner unaufgeregten und von solider Kenntnis über das folgende musikalische Programm geprägten Art parliert hatte – auch der gutgelaunte Sologeiger des Abends, Benjamin Schmid, kam zwischen zwei Aufwärmübungen auf das Podium – entfuhr ihm bei einem Hinweis auf eine kommende, von ihm organisierte SOLOPIANO-Veranstaltung ein desillusionierter Seufzer: Der Kartenvorverkauf sei bis dato so schleppend, dass die ganze Veranstaltung auf der Kippe stünde.

Doch am Dienstag war man weit entfernt von solcher Gefahr: Der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, einem Sinfonieorchester, dem extra die Bühne nach hinten hin geöffnet wurde, damit es Platz fand, stand ein ausverkaufter Zuhörersaal gegenüber. Lediglich die grell-weißen Schallwände, die im hinteren Bereich der Bühne angebracht waren, störten etwas die sonst so stimmige Farbigkeit der vorderen Bühne und des Zuschauerraums. 

Der erst Anfang diesen Jahres berufene künstlerische Leiter des Orchesters, ­Fawzi Haimor, betrat die Bühne, und ohne großes Aufheben begannen er und sein Orchester mit Richard Wagners Vorspiel zu Parsifal. Dieses besteht, kurz gesagt, aus einer kunstvoll aneinandergereihten Vorstellung der wichtigsten Leitmotive dieser Oper. Der Zuhörer brauchte eine Weile, um sich in diesen Vortrag der einzelnen musikalischen Themen der Oper einzufinden; sei es, weil der US-Amerikaner Haimor seinem Orchester zu wenig Ausdruck, Pathos, Überhöhung – möglicherweise auch ironisch gebrochen – verordnet hatte; sei es, weil es gerade bei diesem Werk innerhalb Wagners Oeuvre schwierig ist, das Vorspiel ohne die folgende Durchführung des kompletten „Bühnenweihefestspiels“, wie Wagner es nennt, stehen zu lassen.

Dass Wagners Musik auf der Kemptener Bühne schon einmal eindrucksvoll zu hören war, zeigt die Erinnerung an ein Konzert vor neun Jahren, als der große Kent Nagano mit seinem damaligen Bayerischen Staatsorchester in einer beispielhaften Interpretation das Siegfried- Idyll vortrug. Aber immerhin, die Württembergische Philharmonie hatte sich warmgespielt für die folgenden zwei Stücke des Programms. Zunächst: Ermanno Wolf-Ferrari, ein aus der Zeit gefallener, deutsch-italienischer Spätromantiker des 20. Jahrhunderts. Sein Violinkonzert von 1946, das er eigentlich nie hatte schreiben wollen, aber in liebender Verehrung der um viele Jahre jüngeren Stargeigerin Guila Bustabo doch geschrieben hat. 

Wer sich die Partitur anschaut, erkennt ein hochvirtuoses Werk, das sämtliche möglichen, weil gerade noch spielbaren Grausamkeiten für einen Geiger bereithält. Maximaler Tonumfang, schwierigste Doppelgriffe und rasende Läufe sollen ein Liebesstück ergeben? Benjamin Schmid machte es möglich, indem er die Partitur mit fröhlicher Leichtigkeit zu Leben (und Liebe) erweckte, engagiert unterstützt durch die Württembergische Philharmonie, die sich nun spürbar mehr in ihrem Element fühlte. Es gibt keine längeren Passagen ohne die Violine in diesem Stück, aber das Orchester wurde nie müde, den teilweise illustrierenden, teilweise als musikalischen Gegenpart angelegten Hintergrund abzugeben.

Was im Vergleich zu anderen mit großer Geste interpretierten Violinkonzerten erstaunte, war der fast schon intime Ton, mit dem sich die Violine durch das Stück bewegte, und so Idee und Intention unterstrich. Benjamin Schmid, der 1968 geborene österreichische Geiger mit zwei Musikwelten in seiner Brust, der klassischen und der des Jazz, entsprechend seinen Vorbildern Yehudi Menuhin und Stéphane Grappelli, ist in der klassischen Welt solide von Bach bis Korngold zu Hause. Ihm ist vor einigen Jahren eine allseits beachtete CD-Einspielung des Wolf-Ferarri-Konzerts gelungen. Insofern war er die solistische Idealbesetzung dieses Abends, die man nicht ohne eine kleine Zugabe gehen ließ.

Nach der Pause dann ein großes Werk des so jung gestorbenen Felix Mendelssohn Bartholdy: seine Sinfonie in D-moll op. 107, 1830 zum 300-jährigen Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses, eines wichtigen Ereignisses in der protestantischen Kirchengeschichte komponiert; 1832 unter seiner Mitwirkung mit mäßigem Erfolg uraufgeführt, daraufhin von ihm selbst verworfen, sodass sie erst 1868 nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Mendelssohn Bartholdy steht zwischen der Wiener Klassik und der deutschen Romantik des 19. Jahrhunderts und greift bei diesem Stück zusätzlich auf die kontrapunktische Musiksprache eines Johann Sebastian Bach zurück, mit der er im vierten Satz einen Choral, der wiederum Martin Luther zugeschrieben wird, verarbeitet. Ein Werk, bei dem man als Orchester fast nichts falsch machen kann. So gelang es auch der Württembergischen Philharmonie, in allen Sätzen die musikalische Essenz darzustellen: vor allem in den ersten drei Sätze den inneren Spannungsbogen aufzubauen, der dann zum furiosen vierten Satz leitete, in dem sich eine immer durchscheinende Verwendung des Luther-Chorals „Eine feste Burg ist unser Gott“ bis zu einem furiosen Finale steigerte.

Das Kemptener Publikum entließ das Orchester mit seinem Leiter erst nach einem lang anhaltenden Beifall.

Jürgen Kus

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