Einblicke in den Alltag des KZ-Außenlagers

Stadt und Heimatverein Kempten erwerben 31 Zeichnungen von ehemaligem Häftling

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Markus Naumann (v.r.), Oberbürgermeister Thomas Kiechle, Dr. Christine Müller Horn und Martin Fink vom Kulturamt Kempten betrachten die Zeichnungen.
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Das Kartoffelkommando kehrt heim.
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Häftlinge, die versucht hatten, auszureißen, wurden mit der „Straße“ gekennzeichnet.

Kempten – Einen ganz besonderen historischen Schatz stellte am Montag Markus Naumann vom Heimatverein Kempten vor. Mit Hilfe der Stadt hat der Verein 31 Zeichnungen erwerben können, die im Dachauer KZ-Außenlager Kempten entstanden sind.

Häftlinge in blau-weiß-gestreiften Kitteln, die vom Arbeitseinsatz auf dem Kartoffelacker zurückkehren; Häftlinge, die den Hof der Tierzuchthalle mit einem Tisch von Schneemassen befreien oder eine Bombe entschärfen; das Rasieren in den Stallungen, wo auch Betten untergebracht waren, oder eine Strafmaßnahme – beobachtet von Stier „Roman“. Eine Fülle an verschiedenen Situationen aus dem Lageralltag ist mit den Zeichnungen dokumentiert.

Dass die Bilder aus den Jahren 1944 und 1945 stammen, macht die Bilder für Naumann zu etwas Einzigartigem. „Aus Dachau selbst gibt es sehr wenige Zeichnungen, die während des Krieges entstanden sind, und aus den Außenlagern ist sowieso fast gar nichts da“, sagt er. Überlieferungen über den KZ-Alltag sind insgesamt selten und meist aus Erinnerungen gespeist. Oft hätten die Insassen jahrelang geschwiegen. Späte Erinnerungen seien möglicherweise durch die verstrichene Zeit verfälscht.

Dass die Bilder zurück nach Kempten kommen, ist ihrem früheren Besitzer und Häftling Paul Wernet zu verdanken. Er stammt aus Sarreguemines in Lothringen direkt an der Saarländischen Grenze und hat der Stadt Kempten die zwei Hefte, in die die Skizzen gemalt wurden, 2011 angeboten. Als Kämpfer der Französischen Résistance ist er nach kurzer Internierung in Dachau im August 1944 ins Kemptener Lager in der Tierzuchthalle gekommen, wo die Häftlinge untergebracht waren, die beim BMW-Zulieferer Sachse arbeiten mussten. Wegen seiner Sprachkenntnisse dolmetschte Wernet zwischen Lagerleitung und Häftlingen. Wie er Naumann und Dr. Dieter Weber vom Stadtarchiv Kempten, die ihn im Jahr 2012 besuchten, erklärte, habe er einen Holländer gegen die Beschuldigungen eines Lagerführers in Schutz genommen und damit verhindert, dass er zurück nach Dachau verlegt wurde, wo er mit dem Schlimmsten rechnen musste. Als Dank fertigte ihm dieser wohl die Zeichnungen an.

„Es war kein großer Maler, aber auch kein Laie“, schätzt Nauman die Qualität der Bilder ein. Benutzt hat der Zeichner Tusche und Bleistift. Von Wernet wurden sie im Nachhinein coloriert.

Mittlerweile wurden die Hefte von Ursula Dekker-Sturm, der Papier-Restauratorin des Stadtarchivs repariert. „Wernet hatte die Bilder „ganz wild“ mit Tesa zusammengeklebt. Obwohl die Restauratorin zuerst die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat, ist davon nun nichts mehr zu sehen. Wer die Bilder letztendlich gezeichnet hat, das konnte Naumann, der Zeichnungen und Stile verglichen hat, nicht herausfinden.

Dokumentiert ist auf den Bildern, dass die Häftlinge den Wachleuten Spielzeug gebastelt haben und dafür wohl Brot und Zigaretten erhalten haben, oder dass es eine von Insassen organisierte Theatervorstellung gab. „Das Lagerleben in Kempten ist nicht vergleichbar mit jenem in Kaufering oder Kottern, wo zivile Zwangsarbeiter untergebracht waren“, sagt Naumann, „in der Tierzuchthalle war kein Vernichtungslager. Trotzdem hatten die Häftlinge kaum etwas zu essen, das darf man nicht vergessen.“

Oberbürgermeister Thomas Kiechle sieht in dem „Einzelschicksal die Möglichkeit, einen Teil unserer Geschichte zu verdeutlichen“. Die Stadt ist sich ihrer historischen Verantwortung bewusst, sagt er. Die Bilder sollen deshalb einen Platz im neuen Kempten Museum im Zumsteinhaus bekommen. Und der Heimatverein möchte zu den Heften eine Publikation in der Reihe „Allgäuer Forschungen zu Archäologie und Geschichte“ herausbringen. Geplant sind außerdem mehrere Vorträge. Der erste findet am Dienstag, 28. November um 19.30 Uhr im Kleinen Vortragssaal in der Schützenstraße 7 statt.

Von all dem bekommt Paul Wernet, der mittlerweile 95 Jahre alt ist, nichts mehr mit. Er wohnt im Pflegeheim und ist nicht mehr ansprechbar.

Susanne Kustermann

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