Die Zeit ist das Ziel

24 Stunden lang zu Fuß über die Südtiroler Berge – eine Abenteuer, das der Extrembergsteiger Hans Kammerlander zweimal jährlich mit Gruppen von bis zu 50 Hobbybergsteigern angeht. Im August war es wieder soweit. Mit dabei war auch der Kemptener Dirk Wrenger. Zusammen mit seinem Freund Uwe Zimmermann marschierte er einen ganzen Tag lang über Gipfel und durch Täler. Im KREISBOTE erzählt er über seine Erlebnisse.

Nach einem Jahr Vorfreude und Spannung auf eine Extremwanderung ist es endlich soweit. Hans Kammerlander begrüßt die 47 Gleichgesinnten in der Bergschule in Sand in Taufers und stellt sein Begleiterteam für die nächsten 24 Stunden vor. Dazu gehören Toni und Hans Mutschlechner, deren Bruder Friedl, der mit Hans Kammerlander am Manaslu war und dort tödlich vom Blitz getroffen wurde, sowie mehrer professionelle Betreuer und ein Begleitfahrzeug. Mit Kleinbussen werden wir zum Neveser Stausee auf 1860 Meter Höhe gefahren. Endlich geht es los zur zwölften 24-Stunden-Tour. 18 Uhr: Der langsame Rhythmus ist etwas ungewohnt. Mit den Kräften haushalten, auf jeden Schritt achten, nur nicht umknicken. Die erste Stunde ist geschafft, 23 liegen vor uns. Um uns herum eine Nebel umwobene bizarre Bergkulisse. Nach zwei Stunden erreichen wir die Edelrauthütte auf 2545 Metern Höhe. Unsere Verpflegung ist streng nach Plan einer Er-nährungsberaterin auf die Belastung und vor allem Verträglichkeit abgestimmt. Es gibt Suppe, Fleisch, Gemüse, Salat, Kuchen. Und viel heißen Tee und Apfelschorle. Bergsteigen bei Nacht Eine Stunde Pause vergeht schnell mit Essen und der Vorbereitung auf die nächste Etappe. Noch 21 Stunden. Weiter geht es mit Stirnlampen, denn die Sonne ist bereits untergegangen. Überall rauschen Bergbäche. Mein Höhenmesser zeigt zwischen 2600 und 2300 Höhenmeter an. Es wird feuchter. Im Laufen ziehe ich die Regenjacke aus dem Rucksack. Wieder eine Stunde geschafft. Wir überqueren ein kurzes Schneefeld. Ein Baumstamm dient als Brücke über einen Gebirgsbach. Der Kopf arbeitet permanent, man hat alle Zeit der Welt für viele Gedanken. Mitternacht ist vorbei. Zwischendurch lutsche ich Salbeibonbons, weil das Halsschmerzen vorbeugen soll. Das Band der Stirnleuchte verursacht so langsam Kopfschmerzen und der Nacken ist durch permanentes vor sich auf den Boden starren ganz verspannt. Also trage ich die Stirnlampe in der Hand. Das hilft. Um 0:56 Uhr erreichen wir die Chemnitzer Hütte auf 2420 Metern Höhe. Vom Hüttenpersonal werden wir freudig mit Nudeln mit Tomatensoße, Gemüse und Kuchen erwartet. Wie gut doch ein Espresso um diese Zeit schmecken kann. Ich spüre immer noch keine Müdigkeit. Die Stimmung ist sehr gut. Zum Abschluss der einstündigen Pause spielt uns Christian wieder auf dem Akkordeon vor. Die nächste Etappe soll sehr hart werden. Uns steht der Rest der Nacht bevor und mehr als fünfeinhalb Stunden Wegstrecke über den Kellerbauerweg zum Gipfel des Speikboden. Während einer Trinkpause muss sich ein Teilnehmer heftig übergeben. Er hat wohl zu viel von seinem isotonischen Getränk im Magen gehabt. 6.15 Uhr: Die Sonne bricht stellenweise durch ein gigantisches Meer aus Nebel und Wolken. Dazwischen der Blick auf die Dreitausender um uns herum. Der Gipfel des Speikboden ist in Reichweite. Gipfelfoto auf 2527 Metern mit Uwe und Hans Kammerlander. Abkürzen sinnlos 7.44 Uhr: Ein tolles Gefühl, die Nacht gut überstanden zu haben. Obwohl durch die Zwischenanstiege völlig verschwitzt, graut es mir vor dem bevorstehenden, extrem steilen Abstieg. Insgesamt 1500 Höhenmeter, unterbrochen von der geplanten Frühstückspause. Nun kommen die Wanderstöcke zum Einsatz. Wir steigen nun über den Daimerweg zur Mittelstation des Speikboden auf 950 Metern ab. Einige Stimmen werden laut, ob wir nicht über die Wiese abkürzen können. Würde uns aber wenig nützen. Natürlich könnten wir den Weg abkürzen, aber nicht die Zeit. Und die ist das Ziel. Nicht alle halten durch Über schier endlose Felsplatten erreichen wir die Mittelstation, wo uns ein herrliches Frühstücksbuffet erwartet – und Toiletten. Für drei Teilnehmer ist die Tour hier vorzeitig zu Ende. Das Tal ist gegen 12 Uhr erreicht. Nach kurzer Verpflegungspause wechseln wir die Talseite und es geht steil bergauf Richtung Steiner Höfe und Pojen. Etwa 900 Höhenmeter liegen vor uns. Den Scheitelpunkt erreichen wir gegen 14.45 Uhr. Eine letzte Verpflegungspause, noch drei Stunden. Seit dem Frühstück ziehen sich die Stunden aber die Stimmung ist gut. Die nächste Etappe geht nach Ahornach, dem Wohnort von Hans Kammerlander. Etwa 2500 Höhenmeter im Aufstieg liegen hinter uns, jetzt scheint es sicher geschafft. Bis ins Tal nach Sand in Taufers sind es noch ungefähr 600 Höhenmeter im steilen Abstieg. Insgesamt bedeutet das rund 3300 Höhenmeter abwärts. Nun heißt es durchbeißen. Um 18 Uhr ist es geschafft. Nach der obligatorischen Urkundenverleihung verabschieden Uwe und ich uns von Hans Kammerlander und seinem Profi-Team.

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