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„Nicht Hitler war das Problem, sondern die vielen Hitler“

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Von: Jörg Spielberg

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Die gebürtige Sudentendeutsche Helga Zeller fand eine neue Heimat im Allgäu. Was sie zuvor bei der Vertreibung erlebte, prägte ihr ganzes Leben. Sichtlich angefasst, aber auch befreit wirkend, sprach sie über diese Zeit.
Die gebürtige Sudentendeutsche Helga Zeller fand eine neue Heimat im Allgäu. Was sie zuvor bei der Vertreibung erlebte, prägte ihr ganzes Leben. Sichtlich angefasst, aber auch befreit wirkend, sprach sie über diese Zeit.  © Jörg Spielberg

Wildpoldsried – Erst Ende 1944 betraten nach fünf Jahren Krieg alliierte Truppen das eigentliche Territorium des Deutschen Reiches. Bis dahin war die Brutalität des Zweiten Weltkriegs für die deutsche Bevölkerung lediglich durch Luftangriffe auf Großstädte zu spüren, die Mitte 1942 einsetzen. 

Auf dem Land ging es vergleichsweise ruhig zu, doch auch dort zeigte sich, wie tief Nationalsozialismus und Krieg in das Leben der Menschen eindrang. Über diese Zeit sprachen nun die fünf Zeitzeugen Ludwig Hafenmaier, Marianne Spiegel, Maria Weber, Albert Wegmann und Helga Zeller in einer Gesprächsrunde im „Kultiviert“, dem Dorfsaal von Wildpoldsried. Moderiert wurde der Abend von Daniel Ernst, organisiert wurde die Veranstaltung durch die Krieger und Soldatenkameradschaft Wildpoldsried im Rahmen der Reihe „Erinnerung als Mahnung zum Frieden“.

Ein Leben mit Krieg

Wenngleich das Allgäu keine Schlachten erlebte, war der Krieg durch Mangel und Kriegswirtschaft präsent. Dem Bahnhof von Wildpoldsried kam dabei große Bedeutung zu, da von dort immer wieder Kühe, Rösser, Schweine, Milch, Käse, Holz und vieles andere mehr auf Züge verladen wurde, um die Ernährungssicherheit in den Städten des Reiches zu gewährleisten. Diese Abgaben geschahen nicht freiwilig und nicht selten bedienten sich hiesige Mitglieder der NSDAP an den Bereitstellungen der Bauern, wie sich Ludwig Hafenmaier erinnert.

Um die Arbeit auf den Höfen besser bewerkstelligen zu können, wurden den Bauern Zwangsarbeiter zugewiesen, die im Schützenheim untergebracht wurden. Vornehmlich Franzosen und Polen mussten Zwangsarbeit ableisten. „Mit den Franzosen gab es keine Probleme, die Polen hatten durch die Verluste im Polenfeldzug mehr Hass auf die Deutschen, da gab es öfter Ärger“, erinnern sich Maria Weber und Marianne Spiegel. „Trotzdem Krieg, hatte ich eine schöne Jugend, unser Spielplatz war das ganze Dorf“, sagt Marianne Spiegel.

Albert Wegmann dagegen beschreibt die Zeit als weniger sorglos. „Die Zeiten waren schlecht, es gab keine Arbeit, viel Armut und eine nicht funktionierende Demokratie. Junge Menschen hatten keine Perspektive, konnten keine Familie gründen und waren deshalb fasziniert von den Versprechen der Nazis.“ Trotzdem gab es auch Mahner, die wie der damalige Pfarrer Anton Schmid vor der Wahl 1933 rieten: „Bei der Wahl alles außer Liste 2!“ – womit er die NSDAP ausschloss. Als nach der Machtübernahme die Nationalsozialisten die Menschen subtil zwangen, ihrer Partei beizutreten, breitete sich schnell ein Klima der Bespitzelung und Denunziation aus. Albert Wegmann hielt den Führer da noch für eine „Witzfigur“ und amüsierte sich über die braun uniformierten „Goldfasane“ der Partei, nicht ahnend welche Verbrechen liefen oder geplant waren. Alle Zeitzeugen schildern, dass es nicht selten obskure Gestalten der Gesellschaft, Taugenichtse, Schläger oder herrschsüchtige Frauen waren, die versuchten in der Partei Karriere zu machen, um über ihre Mitmenschen zu bestimmen. „Nicht Hitler war das Problem, sondern die vielen Hitler“, sagt Maria Weber.

Das Ende naht

Im Lauf der Jahre aber wurde die Stimmung schlechter, wer wehrtüchtig und abkömmlich war, wurde zum Krieg eingezogen, ein Gehen oftmals ohne Wiederkehr. „Die Kreuze am Heldengrab in Wildpoldsried wurden mehr“, erinnert sich Ludwig Hafenmaier an Heldenehrungen mit Musikkapelle und Salutschiessen. Wer nicht auf Parteilinie war, der spürte dies bei der Zuteilung von Bezugsscheinen, so Albert Wegmann. In dieser Zeit erlebte Kempten 16 Luftangriffe, die auf Ostbahnhof und Spinnerei Weberei zielten, da dort Munition vermutet wurde. Über Wildpoldsried kam es zu einem Absturz eines viermotorigen amerikanischen Bombers, der vor dem Absturz sich noch seiner Bombenlast aus Napalm entledigte und eine größere Detonation nahe Wildpoldried verursachte. Irgendwann, erinnert sich Albert Wegmann, kamen Kolonnen von deutschen Soldaten durch das Allgäu. „Das waren keine Truppen in geordneter Marschformation. Wir konnten sehen, es war eine Armee in Auflösung.“ Als die Amerikaner im April 1945 kamen, musste sich die Dorfbevölkerung umsichtig verhalten, wer zu früh die weiße Fahne hisste, riskierte eine Exekution durch letzte deutsche Kampfverbände. Marianne Spiegel war als Kind froh, dass die Amerikaner siegten. „Die waren freundlicher als die martialischen deutschen Soldaten, lachten uns an und gaben uns Schokolade.“ Als die Amerikaner mit ihrer Militärregierung scheiterten, versuchten sie verstärkt auf heimische Arbeitskräfte zum Aufbau der Verwaltung zu setzen. Dabei geriet die Entnazifizierung zur Farce und manche Täter mit brauner Vergangenheit fanden sich schnell in Amt und Würden wieder, wie es alle Zeitzeugen bestätigen.

Mahnung zum Frieden

Nach dem Krieg erlebte das Allgäu einen Zuzug von vertriebenen „Reichsdeutschen“ aus den Ostgebieten. Das Allgäu nahm viele Menschen aus dem Sudetenland auf. Helga Zeller ist eines dieser deutschen Opfer des Krieges. Ihr Vater fiel 1943 in Russland und sie lebte mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in einem gemischt bevölkerten Gebiet des heutigen Tschechien. Nach dem Krieg erlebten die Deutschen dort die Wut und Hass der tschechischen Bevölkerung.

Eindringlich und um Worte ringend, beschreibt Helga Zeller den Tod acht alter deutscher Männer, die sich mit den eigenen Händen ihr Grab ausheben mussten, bevor sie erschossen wurden oder das Schicksal einer jungen Frau, die brutal geschlagen und vergewaltigt wurde. Die Familie nutzte die letzte Möglichkeit zur Flucht nach Deutschland, wo es über Furth im Wald nach Augsburg und schließlich nach Kimratshofen ging. Die Mutter fand eine Anstellung bei Swoboda in Wiggensbach und Helga Zeller erlernte den Beruf der Schneiderin. Sichtlich angefasst durch ihr Erinnern mahnt Helga Zeller, dass neue Generationen niemals ein solches Schicksal erleben mögen. Es dauert etwas, bis die vielen Besucher des Abends allen Gesprächsteilnehmern einen langen Applaus spenden. Es herrscht wieder Krieg in Europa.

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