Wahrung der Würde

"Offen und transparent"

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Das Beratungsteam der ZRB-Außenstelle „Süd“ in Kempten: (v.l.) Gudrun Brunner-Engl, Jochen Weis und Nicole Rist.

Kempten – Die Bundesregierung erhöht den Druck bei Geflüchteten und will die Zahl der im Jahr 2016 in die Heimat zurückgekehrten 54.000 Menschen verdoppeln.

Statt einfacher Abschiebung oder einer Freiwilligen Rückkehr bei der „Kurzschlusshandlungen billigend in Kauf genommen werden“, hat sich die Zentrale Rückkehrberatungsstelle (ZRB) eine Freiwillige Rückkehr unter Wahrung der Würde des Menschen auf die Fahnen geschrieben. Dahinter stehen die Wohlfahrtsverbände. Seit Mitte letzten Jahres gibt es eine von Caritas und Diakonie betriebene Außenstelle auch in Kempten, in der Mozartstraße 4, die diese Woche nun offiziell vorgestellt wurde.

Dort kümmern sich Gudrun Brunner-Engl von der Diakonie sowie die Caritas-Mitarbeiter Jochen Weis und Nicole Rist, die sich halb-halb eine Ganztagsstelle teilen, mit Betonung auf „ergebnisoffen“ darum, dass ihre Klienten eine bewusste Entscheidung für oder gegen eine Rückkehr in ihr Heimatland treffen und damit auch nicht alleingelassen werden. Meist sind es Menschen, die bereits einen Abschiebebescheid erhalten haben und ihre Möglichkeiten ausloten wollen, aber auch solche, die hier nie recht angekommen sind. „Wir versuchen uns in die Geschichte des Klienten hineinzuversetzen“, um optimal beraten zu können, erklärte Anita Werner, Projektleiterin ZRB Süd- und Südostbayern, dass seitens des Beratungsteams auch unangenehme Tatsachen „offen und transparent“ besprochen würden; ohne Weitergabe der Informationen an die Ausländerbehörde, wie sie anhand eines Beispielfalles verdeutlichte. Und „wir glauben unseren Klienten alles, auch wenn wir die Geschichte schon 400 Mal gehört haben“. Zum Beispiel eine falsche Identität oder Nationalität kläre sich spätestens eh, wenn der Rückflug organisiert werden müsse.

Persönliche Beratung, finanzielle Hilfe, Übernahme der Reisekosten, Gesundheitsversorgung und Hilfe in der Heimat sind die wesentlichen Angebotssäulen der ZRB. So sind neben der Beratungstätigkeit auch drei- bis fünftägige Qualifizierungsmaßnahmen und Weiterbildungen im Angebot, die den Menschen in ihrer Heimat ein Auskommen ermöglichen sollen. Begehrt ist laut Werner „vor allem die Gabelstaplerausbildung“. Ebenso gibt es Näh-, PC-, Fahrradreparatur- Schweiß- oder auch Solarkocherbaukurse, Erste-Hilfe-Trainings u.v.m.. Geplant seien unter anderem auch Kurse für die Reparatur älterer Autos, „wie sie in den Heimatländern gefahren werden“ und ein Falthaus, das „derzeit noch an den Steckverbindungen scheitert“, wie Werner bedauerte. Wer finanzielle Unterstützung für eine selbständige Tätigkeit in der Heimat möchte, muss einen Businessplan vorlegen. Nach Rücksprache mit den ZRB-Förderern (finanziert wird das Projekt durch Gelder des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration sowie aus Eigenmitteln der beteiligten Wohlfahrtsverbände Caritas, Diakonie und Rotes Kreuz mit Kofinanzierung durch den Asyl-Migrations-Integrationsfonds AMIF) und Mittelverfügbarkeit kann eine Nachbetreuung bzw. finanzielle Unterstützung bis zu zwölf Monate nach Ausreise erfolgen. Beispielsweise sei ein Pakistani durch den Kauf von Kühen unterstützt worden, die nun sein Auskommen sicherten; ein Senegalese durch einen Außenbordmotor für sein Fischerboot, das ihm einen klaren Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschafft habe. Dadurch sei ihm die Finanzierung eines zusätzlichen kleinen ­„business“ für seine Frau möglich geworden.

Ein Punkt in der Beratung ist auch die Klärung der Situation im jeweiligen Heimatland. So wisse man zum Beispiel von Klienten in Pakistan, die bei der Einreise „zehn Tage inhaftiert“, oder auch gefoltert worden seien – Dinge, auf die Klienten in der Beratung als mögliche Vorfälle hingewiesen würden, wie Werner sagte. Bei einer Häufung solcher Vorkommnisse setze die IOM (Internationale Organisation für Migration), über die Rückflüge organisiert würden, diese aber als deutliches Signal aus, wie derzeit bei Syrien.

Den Bedarf einer Stelle wie die ZRB zeigen die Zahlen für den Bereich Bayern Süd und Südost: zwischen 2004 und 2014 haben sich 2714 Menschen aus 65 Ländern beraten lassen; 2015 waren in nur diesem einen Jahr bereits 1245 Personen in der Beratung, wovon 770 ausgereist sind. Von 906 beratenen Personen aus 40 Ländern im Jahr 2017 reisten 363 zurück in ihre Heimat, vor allem nach Afghanistan, in den Irak, die Russische Föderation und auch nach Pakistan. Beraten werden vereinfacht gesagt Asylsuchende und -bewerber, geduldete Personen oder solche mit Aufenthaltserlaubnis.

Die Entscheidung über eine freiwillige Rückkehr „muss natürlich von den Menschen selbst getroffen werden“, betonte Indra Baier-Müller, Geschäftsführerin der Diakonie Kempten Allgäu, dass jede Entscheidung respektiert werde. Das „von Anfang an“ gemeinsame Projekt „bringt mehr als Parolen oder schnelle Lösungen“, war sich Pfarrer Dr. Andreas Magg, Diözesan-Caritasdirektor Bistum Augsburg, sicher, dass eine Rückkehr in Würde unter anderem für den sozialen Frieden „weit tragfähiger ist“. Auch werde sich „einiges verschieben“, sobald die Erstaufnahmeeinrichtung in Kempten belegt werde und es sei gut, „dass wir einen Tic früher da sind“.

Die Außenstelle „Süd“ – Kempten ist zuständig für die Stadt Kempten, die Landkreise Ober-, Ost-, Unterallgäu, Lindau sowie Kaufbeuren und Memmingen. Infos im Internet unter www.zrb-suedbayern.de, Kontakt: Tel.: 0831/51 21 05 50, Email: info@zrb-suedbayern.de.

Christine Tröger

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