Angeklagter Zugschütze schweigt

Das große Schweigen des Angeklagten

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Michael W. und sein Verteidiger Felix Dimpfl beim ersten Verhandlungstag im Landgericht Kempten.

Fast ein Jahr ist es her, als eine normale Personenkontrolle auf der Zugfahrt von Buchloe nach Kempten, am 21. März 2014, für alle Insassen ein unerwartetes Ende nahm. Ein Toter, zwei verletzte Polizeibeamte und bleibende körperliche und psychische Schäden bei den Beteiligten sind das Ergebnis einer Schießerei im Regionalexpress Alex 84148, für die sich der mutmaßliche Zugschütze am vergangenen Donnerstag vor dem Landgericht Kempten behaupten musste. 

Mit dem Blick nach unten gerichtet und mit den Händen in Handschellen gefesselt wurde Michael W. auf die Anklagebank geführt. Auf die Fragen des Richters nach seiner Lebenssituation antwortete er nur kurz und einsilbig. Als eines von neun Kindern sei er in Kasachstan geboren, hätte Schlosser gelernt, aber nicht immer Arbeit gehabt. 1996 sei er mit seiner damaligen Frau und seinem Sohn nach Deutschland gekommen, in der Hoffnung auf eine bessere Lebenssituation. Auch in Bezug auf seinen jahrzehntelangen Drogenkonsum gab er nur unkonkrete Angaben. „Unterschiedlich“ oft habe er Cannabis, Heroin und Kokain konsumiert – seit Januar letzten Jahres auch „Badesalz“, „mehrmals am Tag“. Angefangen hätte alles mit Arzneimittel, die ihm laut seinem Verteidiger Felix Dimpfl aus Augsburg während der Militärzeit „verabreicht worden seien“. Die Frage nach seinem möglichen Drogenkonsum am Tag der Schießerei, könnte Auswirkungen auf das Strafmaß haben, geäußert hat sich der gebürtige Kasache dazu aber bisher nicht. Generell sagte er im Prozess am Donnerstag kein Wort zu dem Vorfall im Zug, saß schweigend neben seiner Dolmetscherin. 

Vorgeworfen wird Michael W. neben versuchter Körperverletzung und Gefangenenbefreiung auch Diebstahl mit versuchtem Mord. Am ersten Verhandlungstag wurde überwiegend der Tatverlauf rekonstruiert, zehn Zeugen und zwei Sachverständige des Landeskriminalamtes und des BKH wurden dazu geladen. Unter den Zeugen befanden sich auch die beiden Bundespolizisten, für die eine Personenkontrolle am besagten Freitag in einer Schießerei quer durch den fahrenden Zug endete. Die Ausweise zweier Männer hätten sie kontrolliert, als eine Abfrage ergab, dass der Jüngere der beiden aktuell zur Festnahme ausgeschrieben war. „Zu seiner eigenen Sicherheit vor eventuellen Auseinandersetzungen“ hätten sie den heute Angeklagten – gegen den bis dato nichts vorlag – aus dem Abteil geschickt. Es wäre schon allein aufgrund des Alters nicht erkennbar gewesen, dass die beiden kontrollierten Zuginsassen zusammen gehören würden. Doch noch bevor die Festnahme des 20-Jährigen komplett ausgesprochen wurde, ging alles sehr schnell, wie einer der Beamten vor Gericht wiedergab. Der Jüngere schoss mit einer Schreckschusspistole auf einen der Bundespolizisten, der Ältere sprang den anderen Polizisten an, drückte ihn auf den Boden. Warum das eingesetzte Pfefferspray keine Wirkung zeigte, ist unklar. Der Jüngere schlug mit seiner Schreckschusspistole zudem mehrmals auf den Kopf des Beamten, der daraufhin benommen und stark blutend zusammensackte. Als er zu seiner Dienstwaffe greifen wollte, wäre diese verschwunden gewesen. Der 45-jährige Michael W. soll damit laut Anklage dreimal auf den anderen Beamten geschossen haben, bevor dieser sich auf einer Toilette verstecken konnte. Die Schutzweste schützte ihn vor einem Schuss in den Oberkörper, der Treffer in den Oberschenkel wird für ihn aber wohl bleibende Schäden hinterlassen, gab er an. 

Als Zeuge schilderte auch der LKA-Beamte, der zufällig im Zug saß, von dem Vorfall. Er habe auf einen der Zugschützen geschossen, um weitere Schussabgaben zu unterbinden. Den anderen vermutete er hinter der Wand an der Tür, konnte ihn aber laut Aussage nicht sehen. Nach einem „lauten Rumpler“ sei ihnen allerdings klar gewesen, dass mindestens ein Täter aus dem Zug gesprungen und überrollt worden sein musste, bei dem anderen „stand die Chance 50:50, ob er sich noch im Zug befand oder nicht“, gab einer der beiden Bundespolizisten zu Protokoll. Deshalb hätten sie die Zugbegleiter auch aufgefordert, dass der Zug, der kurz vor Kempten nach einer Notbremsung stehen geblieben war, sofort weiterfahren soll, bevor noch mehr Personen ins Freie flüchten können. Am Bahnhof in Kempten dann die Entwarnung: der Jüngere sei tatsächlich vom Zug überrollt worden und sofort tot gewesen und auch der Angeklagte war aus dem fahrenden Zug gesprungen und konnte wenig später bewusstlos neben dem Bahngleis aufgefunden werden. Auch Zuginsassen, die die Schießerei mitbekommen hatten, schilderten vor dem Gericht als Zeugen die Minuten, von denen sie heute noch die dramatischen Bilder mit den Schüssen und dem Geschrei vor Augen hätten. „Schlafstörungen, Schweißausbrüche und Angstzustände“ würden sie bis heute plagen. 

„Frauen und Kinder haben geschrien und geweint“, berichtete einer der Zugbegleiter von der beklemmenden Stimmung im Zug. Der Angeklagte zeigte auf die Todesangst, die eine Zeugin beschrieb, keine Reaktion. Ob er sich in den kommenden Verhandlungstagen zu der Zugschießerei äußern wird, ist bislang noch ungewiss. Lea Stäsche

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