Sonne, Know-how, Lebensqualität

Die Zukunft Afrikas liegt im Solarstrom – die Energiegemeinde Wildpoldsried schult Ausbilder

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Wildpoldsried – „Train-the-Trainers“ – Lehre die Lehrer – hieß es während der vergangenen zwei Wochen einmal mehr in Wildpoldsried. Um sich als Multiplikatoren im eigenen Land ausbilden zu lassen, war ein Gruppe bestehend aus vor allem BerufsschullehrerInnen oder Regierungsangestellten aus unterschiedlichen Ländern Afrikas zu Gast, mit dem Ziel, am Ende das Zertifikat „PV-Install-Trainer Level1“ zu erwerben. Das bedeutete, zwei Wochen lang eine Menge Theorie und Praxis rund um das Thema Photovoltaik. Zum Ausgleich gibt es für die im Energiehotel KultiViert untergebrachten Gäste natürlich auch kulturelles und touristisches Allgäu-Programm, geselliger Grillabend inklusive.

Eine autarke Stromversorgung bedeutet in den meisten afrikanischen Ländern eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. In seiner Heimat Uganda haben laut Joshua Kunya, Techniker und Solartrainer, 90 Prozent der Menschen „keinen Zugang zu Elektrizität“, wie er exemplarisch sagt. Angesichts der in Afrika früh einsetzenden Dämmerung ein entscheidender Faktor unter anderem für Lesen und Lernen. 

Und wenn die Afrikaner „die Entwicklung, die sie sich wünschen, gleich mit regenerativer Energie machen, überspringen sie die Fehler, die wir die letzten 40 Jahre gemacht haben“, sagt der Elektro-Ingenieur Thomas Pfluger vom Wildpoldsrieder Team. 

16 Teilnehmer und eine Teilnehmerin sind es diesmal, die in der Energiegemeinde Wildpoldsried einen Solarfunktionskoffer bauen wollen. Ein Teilnehmer kommt aus Kamerun, acht aus Äthiopien, zwei aus Ghana, zwei aus Mosambik, drei aus Sambia und einer aus Uganda. „Nicht alle haben ein Visum bekommen“, so Pfluger. 

Nachdem alle ihren Solarkoffer bereits gebaut haben, wird an diesem Tag, dem letzten vor der Heimreise, erstmals ein neues Schulungsmodul angetestet. Es soll künftig auf dem Modul 1 „Bau eines Solar-Arbeits-Koffers“ aufbauen. 

Dieser stellt mit Laderegler, Batterie, Wechselrichter und Solarmodul auf dem Kofferdeckel ein kleines, völlig autarkes System zur Energieerzeugung und Speicherung dar, dient aber nur als „mobiles Labor“ zu Unterrichtszwecken. 

In einem zweiten Schritt sollen die Teilnehmer künftig auch für den praktischen Einsatz zur Versorgung von Häusern oder sogar Dörfern durch Insellösungen inklusive Speichermöglichkeiten fit gemacht werden. 

Für den ehemaligen Berufsschullehrer Willi Kirchensteiner und Entwickler des Solarfunktionskoffers ist die Weiterentwicklung zur autarken Stromversorgung vor allem „eine Chance, die Jugend in Afrika zu halten“. 

Zusammen mit dem ebenfalls pensionierten Berufsschullehrer Manfred Wolf und dem noch aktiven Kollegen Günter Mögele, der an der Staatlichen Berufsschule I in Kempten unterrichtet, hat Kirchensteiner das Projekt initiiert. Gefördert wird die im Dezember 2017 gestartete Kampagne durch das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Von dort wurde auch der Wunsch für das weiterführende Ausbildungsmodul zur Speichertechnologie und dezentralen Inselnetzen laut. 

Seit 2018 liegt die Koordination in der Hand des internationalen Bereich des Beruflichen Fortbildungszentrums der Bayerischen Wirtschaft (Bfz). Um das Schneeballsystem am Laufen zu halten, verpflichten sich die Projekt-Teilnehmer über die Dauer von drei Jahren „50 Leute pro Jahr zu schulen“, wie Pfluger erklärt. Sie selbst erhalten fünf Jahre lang ein Mentoring. Den Flug nach Deutschland müssen die oft über eine NGO oder kirchliche Institutionen, u.a. Don Bosco, kommenden Teilnehmer selbst bezahlen, bekommen die Kosten aber nach dem ersten Bericht in der Regel erstattet. 

Geschult wird aber nicht ausschließlich in Wildpoldsried. Immer wieder machen sich Teams auf den Weg nach Afrika, um ihr Wissen vor Ort zu vermitteln. Manfred Wolf bevorzugt die Schulungen in Wildpoldsried, da es gerade in der Energiegemeinde „viele Anschauungen aus der Praxis“ gebe. „Wenn sie das alles in Wildpoldsried sehen, bekommen sie den Mund gar nicht mehr zu“, sieht er hierin eine enorme Motivation. 

Nicht nur er ist insgesamt beeindruckt vom großen „Wissenshunger“ der Teilnehmer, die auch viele Fragen stellen würden; z.B., „wie kann man sicherstellen, dass der Strom in die Batterie fließt und nicht umgekehrt?“ Aber nicht nur Fachwissen wird diskutiert, wie Pfluger erzählt, sondern auch Themen wie die Einmischung der Europäer in Afrika. 

Ein Anliegen Pflugers ist auch die „Schulung von Qualitätsbeurteilung“, um minderwertige Produkte erkennen zu können. Auf dem afrikanischen Markt sind nämlich alle benötigten PV-Komponenten erhältlich, meist „made in China“. Das seien sie zwar auch bei uns in der Regel, wie Pfluger sagt, aber nach Afrika werde häufig das exportiert, was der europäische Markt nicht akzeptiere. 

Ideal wäre aus seiner Sicht zudem eine Kombination aus Mikrokredit und Bau z.B. einer PV-Dorfversorgung, so dass die Bewohner involviert wären. Sowohl bei der energetischen als auch der wirtschaftlichen Rentabilität hat Afrika aufgrund der höheren Anzahl an Sonnentagen gegenüber unseren Breiten die Nase mit jeweils gerade einmal der Hälfte der Zeit deutlich vorn, wie Pfluger verdeutlicht. Kritikpunkte wie den steigenden Bedarf an seltenen Erden für Batteriespeicher, sieht er gelassen und verweist auf die Entwicklung von Salzbatterien, wie sie die Firma Stoll in Martinszell bereits produziere. 

Währenddessen wird unter Anleitung von Kirchensteiner und Wolf fleißig zusammengebaut, geschraubt und – mit dem Smartphone fotografiert, um alles zuhause besser nachvollziehen zu können. Samson Tsegaye Lemma aus Addis Abeba befasst sich schon seit 2005 mit Solar-Energie. Er arbeitet in Äthiopien als Country Director für die in Freiburg ansässige Stiftung Solarenergie und hat schon in vielen Ländern Fortbildungen absolviert. „Ich habe immer das Gefühl, nichts zu wissen“, sagt er mit Blick auf die ständige Fortentwicklung. Interessant an seinem Aufenthalt in Wildpoldsried findet er zwar vor allem die Lerninhalte und Wissensvermittlung. Aber auch, dass er „die unterschiedlichen afrikanischen Nationalitäten hier verbindet“, denn er habe vorher nie Menschen aus z.B. Sambia getroffen.

Christine Tröger

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