Zeitreise mit kritischen Ausblicken

Zum 40. Vereinsjubiläum erscheint der »Altstadtbrief« in einer Sonderedition 

Dahinter stecken viele kluge Köp- fe: der Altstadtbrief im Jubiläumsge- wand.
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Dahinter stecken viele kluge Köpfe: der Altstadtbrief im Jubiläumsgewand.

Kempten – Der neue „Altstadtbrief“ ist da. Die Sonderedition zum 40. Geburtstag der Kemptener Altstadtfreunde hat lange auf sich warten lassen. Die Pandemie hat die Arbeit der Redaktion erschwert und die Papierlieferungen an die Druckerei derart verzögert, dass der Erscheinungstermin mehrmals verschoben werde musste. Mit knapp drei Monaten Verspätung liegt Nummer 47 nun vor: zum feierlichen Anlass nicht als kleinformatiges Heft, sondern als 40 Seiten starke Zeitung mit zahlreichen aktuellen und historischen Bildern. 

In seinem Grußwort berichtet der Vereinsvorsitzende Dietmar Markmiller, wie sehr Corona als „mächtiger Bremsklotz“ auch viele Vorhaben der Altstadtfreunde verhindert oder erschwert hat: So konnten im Jubiläumsjahr nicht nur viele Besichtigungen nicht stattfinden, der Verein musste auch seine Jubiläumsfeier und das Altstadtfest mit Kindertag absagen. Dennoch lässt es sich der Vorstand nicht nehmen, im 41. Jahr nach der Vereinsgründung mit Freude und Stolz auf seine bisherige Geschichte zurückzublicken: Markmiller würdigt die Arbeit seiner teils jahrzehntelang amtierenden Vorgänger und betont voller Dankbarkeit, wie prägend insbesondere Traudl Schwarz und Hansjürg Hensler für Verein und Stadt gewirkt haben. Er schildert den fortgesetzten, unermüdlichen Kampf des Vereins für die „Aktivierung der Burghalde“ und ermahnt die Stadt, auch für die südliche Altstadt ein durchdachtes, sensibles Gestaltungskonzept zu erarbeiten. Die Altstadtfreunde schlagen vor, dafür entweder die „bestehende Altstadtsatzung“ zu erweitern oder eine spezielle Regelung für das Viertel einzuführen, um die dortigen „baulichen Zeitzeugen des Arbeiterwohnens und der Industriekultur“ zu bewahren.

Wie bedeutsam die Burghalde und ihre Umgebung für die Entstehung und Geschichte des Vereins waren, spiegelt auch Herbert Singers ausführliche Hommage an das Zusammenwirken von Altstadtfreunden und Sozialbau wider. Der Geschäftsführer des Unternehmens erinnert besonders an die „Stadterneuerung“ in den 1950er und 60er Jahren: Kempten habe damals „bundesweit“ als „Modell“ für eine gelungene Sanierung gegolten. Auch in den folgenden Jahrzehnten hätte die bemerkenswerte Bürgerinitiative, nicht zuletzt als „unbequemer Mahner“, viele Maßnahmen, etwa auf dem Schwanengelände und an der Keselstraße, begleitet und befördert.

Wie aufmerksam, kritisch und konstruktiv die Altstadtfreunde in Vergangenheit und Gegenwart die Lebensqualität ‚in ihrem Revier‘ im Blick haben, zeigen in der Jubiläumsschrift auch der Nachruf auch die streitbare Gründerin und ehemalige Vorsitzende Traudl Schwarz, die im Dezember 91-jährig „in ihrem Elternhaus an der Burgstraße“ verstorben ist. Zudem hat der Verein den Zustand zahlreicher Bushaltestellen im Altstadtgebiet unter die Lupe genommen und Stephan A. Schmidt, Co-Vorstand und Vorsitzender von artig e.V., fragt: „Mit oder ohne Kultur: Wie wollen wir in unserer Stadt leben?“ Anlass für seine ernüchternde Bestandsaufnahme ist nicht nur der andauernde Lockdown. Vielmehr stellt er fest, dass in Kempten, lange bevor die Pandemie begann, zahlreiche „Kulturflächen“ verschwunden sind und gleichzeitig deutlich weniger Räume für Kleinkunst sowie „zeitgenössische, also lebende KünstlerInnen“ neu entstanden sind. In seinem Weckruf warnt er nachdrücklich vor dem „Exodus der Kulturschaf enden“ und „kommenden Verteilungskämpfen im Kommunalen“ und fordert: „Wir müssen reden, nicht nur wegen Corona: Über die Zukunft einer Einkaufsstadt, und wie wir darin zusammen leben wollen – nicht nur vegetativ, sondern in und mit Kunst und Kultur.“

Da im Jubiläumsjahr 2020 auch eine Ausstellung über die Vereinsgeschichte nicht möglich war, bietet dieser besondere Altstadtbrief außerdem auf mehr als 30 Seiten eine Auswahl aus seinen vorausgegangenen 46 Ausgaben. Die Bilder und Texte laden den Leser zu einer „vielfältigen Entdeckungsreise“ durch die jüngere Stadtgeschichte ein. Wer mehr erfahren will, findet die Altstadtbriefe der letzten 20 Jahre hier sowie „zum Durchblättern direkt am PC“ hier oder in gedruckter Form bei Markus Birnstiel Lotto-Toto-Tabakwaren am Rathausplatz. 

Antonia Knapp

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